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Stormarn Reinfelds Flüchtlinge brauchen mehr Betreuung
Lokales Stormarn Reinfelds Flüchtlinge brauchen mehr Betreuung
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18:15 20.12.2013
Hala (11, v.l.), Sandy (18), Bian (12) und Alaa (20) lernen Deutsch bei den Reinfeldern Angie (15) und Mike Paap (21). Quelle: Uwe Krog
Die Bundesregierung

Sie können schon wieder ein wenig lächeln. Aber der Schmerz über den Verlust der Heimat, die Ungewissheit, was mit dem Vater ist, hat ihre Gesichter geprägt. Alaa (20), Sandy (18), Bian (12) und die Kleinste, Hala (11), sind mit ihrer Mutter aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Damaskus geflohen. In Reinfeld haben sie eine Bleibe gefunden.

Sie sind fünf von etwa 40 Flüchtlingen in der Stadt. Sie konnten das Grauen hinter sich lassen. Aber glücklich sind sie nicht.

„Ich vermisse alles“, sagt der große Bruder Alaa auf Englisch. „Meine Schule, meine Freunde, unseren Vater.“ In dieser Zeit ist das Handy ihre einzige Verbindung in die syrische Heimat. Und was sie von dort hören, sei „horrible“.

Sie sind der Hölle des Bürgerkrieges entkommen. Und Alaa blickt nach vorn. Jetzt will er Deutsch lernen. Für Englisch habe er nur ein Jahr gebraucht, sagt er. Deutsch will er noch schneller beherrschen. Seine jüngste Schwester kann schon sagen: „Ich heiße Hala.“ Seit gut sechs Wochen kommen sie zu Angie Paap (15) und Julia Stiller (20), die ein freiwilliges Soziales Jahr leistet, einmal pro Woche nachmittags an die Immanuel-Kant-Schule und lernen die fremde Sprache.

Neuerdings unterrichtet auch Angies Bruder Mike (20). Die Geschwister gehören zu der Gruppe „Pro Asyl“ in Reinfeld. Sie nehmen das Motto der Schule ernst, eine Schule für Mitmenschlichkeit und gegen Fremdenfeindlichkeit zu sein. Und haben wie selbstverständlich „Ja“ gesagt, als der ehemalige Lehrer Werner Albrecht anregte, auf diese Weise den Flüchtlingen zu helfen.

Viele junge Leute wie Angie und Mike helfen. Die Regionalgruppe Lübeck des Vereins „Schüler helfen Leben“ sammelt heute in Bad Oldesloe auf dem Marktplatz für syrische Flüchtlinge in Jordanien, um ihnen dort einen Schulbesuch zu ermöglichen. Jonas und seine Freunde vom Gymnasium Trittau haben für die gleiche Aktion gebacken, den Kuchen verkauft und den Erlös gespendet. Da gibt es die engagierte Lehrerin an der Berufsbildenden Schule in Bad Oldesloe, die den nicht mehr schulpflichtigen jungen Menschen aus den Krisengebieten ermöglicht, ihren Hauptschulabschluss nachzuholen. Da ist Vera Hessler, die in den Behörden für ihre Schützlinge kämpft. „Aber es sind immer noch zu wenige, die den Flüchtlingen direkt zur Seite stehen, sich in dieser für sie fremden Welt zurechtzufinden“, beklagt die Reinfelderin Helferin Marzena Reese.

Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie es ist, allein und ohne Sprachkenntnisse ein neues Leben in einem fremden Land zu beginnen. Bei Spaziergängen mit dem Hund um den Herrenteich ist sie auf die Flüchtlinge gestoßen. „Ich sah da plötzlich fremde, traurige Gesichter. Die Menschen hatte ich noch nie gesehen“, berichtet Frau Reese. „Ich habe sie angesprochen und später besucht.“

So hat sie erfahren von der Mutter und den beiden acht- und elfjährigen Kindern, die in einem abgelegenen Gebäude bei Mönkhagen auf sich allein gestellt waren. „Die wurden dorthin gefahren. Dann hat man ihre Koffer noch hochgetragen. Und das war‘s.“ Diese hilflosen Menschen würden einfach sich selbst überlassen, beklagt sie. „Ohne private Hilfe ist es schrecklich für die Leute.“ Es fehle an Begleitung. „Da muss sich niemand wundern, wenn die entgleisen.“ In Reinfeld habe es aber noch keine Entgleisungen gegeben.

Derzeit kämpfen die Helfer von „Pro Asyl“ für die Unterbringung in privaten Wohnungen. Und haben erst gestern einen mutmachenden Erfolg erzielt. Sie haben dieser ebenfalls vaterlosen unglücklichen kleinen Familie von Mönkhagen im Hochhaus eine Wohnung besorgt. Damit Mutter und Kinder endlich Kontakte bekommen.

Schnell am Schulunterricht teilnehmen zu können, gestaltet sich aber offenbar schwierig im deutschen System. Doch wenigstens die beiden kleinen Schwestern von Alaa sollen ab Januar in Oldesloe eine Schule besuchen, weiß ihr Bruder. Die Diakonie habe dafür gesorgt. „Ja, die tun, was sie können“, sagt Frau Reese. Genau wie sie selbst. Oft lädt sie Flüchtlinge zu sich ein. Über Weihnachten hat sie ihr Haus voll von afghanischen Gästen. Und ihre Freunde wollen Geschenke verteilen. Schon bald sind weitere Flüchtlinge aus Syrien zu erwarten.Ob die kleine Gruppe von „Pro Asyl“, die Diakonie und die anderen Helfer alleine damit fertig werden, bezweifelt Marzena Reese. Weitere Sprachpaten sucht sie — und Wohnungen.

Wer helfen kann, melde sich unter Telefon 045 33/6 17 45.

10 000 sind zu erwarten
hatte im Frühjahr beschlossen, 5000 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Die Menschen aus vorwiegend libanesischen Flüchtlingscamps kommen schrittweise seit Mitte September mit gecharterten Flugzeugen nach Deutschland.


Ein Aufenthalt ist für die nächsten zwei Jahre geplant. Wenn es die Lage in ihrem Land zulässt, sollen die Flüchtlinge danach heimkehren.


Inzwischen haben sich die Innenminister von Bund und Ländern geeinigt, ein zweites Kontingent von 5000 syrischen Flüchtlingen aufzunehmen. Vorrangig sollen Syrer kommen, die „familiäre Bezüge“ zu Deutschland haben.

Uwe Krog

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