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Stormarn Rezepte gegen Medikamente im Abwasser
Lokales Stormarn Rezepte gegen Medikamente im Abwasser
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18:00 24.06.2019
Maik Kortmann (l.) und Jürgen Engfer vor dem Bargteheider Klärwerk. Quelle: Bettina Albrod
Bargteheide

Das Bargteheider Klärwerk will bis 2028 seine Kapazität in sieben Bauabschnitten erweitern. Grund ist das zu erwartende weitere Wachstum der angeschlossenen Stormarner Gemeinden bei Wohnbebauung und Gewerbe. Dafür sollen rund 20 Millionen Euro investiert werden. Es liegt bereits ein Zukunftskonzept 2030 vor, das die Abwasserentsorgung Bargteheide GmbH in Auftrag gegeben hat. Darin wurde die Zukunftsfähigkeit der Transportleitungen, Pumpstationen und der Kläranlage untersucht. Ungeklärt ist die Frage einer vierten Klärstufe: Die könnte auch Medikamentenrückstände herausfiltern, die derzeit noch ungebremst in Seen, Flüsse und Bäche gelangen.

150 verschiedene Arzneimittel

„Bisherige Ergebnisse aus Forschungsprojekten und speziellen Messprogrammen der Länderbehörden zeigen, dass in Deutschland mehr als 150 verschiedene Arzneimittelwirkstoffe in der Umwelt nachgewiesen wurden“, heißt es in einer Mitteilung des Bundesumweltamtes. In den meisten Fällen liege die Konzentration im Bereich von 0,1 bis ein Mikrogramm pro Liter. „Angesichts des demografischen Wandels ist damit zu rechnen, dass immer mehr Menschen Medikamente einnehmen werden, so dass die Belastung des Abwassers weiter steigen wird“, sagt Jürgen Engfer, Geschäftsführer der Abwasserentsorgung Bargteheide GmbH. Auch die unsachgemäße Entsorgung von Medikamenten über die Toilette trägt zur Belastung bei. Da aber keine vorgeschriebenen Grenzwerte für Arzneimittelrückstände vorliegen, seien geeignete Verfahren nur schwer planbar.

Immer mehr Medikamente gelangen ins Abwasser. Quelle: imago stock&people

Das Land Schleswig-Holstein ist sich der Problematik bewusst und hat vor zwei Jahren stichprobenartig das Abwasser in den Kläranlagen Bargteheide und Ahrensburg untersucht. „Gefunden wurden damals vor allem Schmerzmittel, Fiebermittel, Medikamente gegen Bluthochdruck, Rheuma, Depressionen und erhöhtes Cholesterin sowie Röntgenkontrastmittel und Rückstände der Anti-Baby-Pille“, sagt Maik Kortmann, Leiter der Kläranlage in Bargteheide.

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Das alles bleibt nicht ohne Folgen für die Umwelt: Schwedische Forscher haben 2013 herausgefunden, dass Mittel gegen Angstzustände wie Oxazepam sich auch bei Barschen und Lachsen auswirken, die dadurch offenbar furchtloser und risikobereiter werden. Insbesondere durch Hormonrückstände der Antibabypillen „verweiblichten“ Frösche und Fische und begrenzten sich in der Fortpflanzung, heißt es in einem Antrag der Bargteheider Grünen, die sich für den Bau einer vierten Klärstufe in der Stadt einsetzen.

Studie des Umweltministeriums

Das Kieler Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung (MELUND) hat eine Studie auf den Weg gebracht, um acht Klärwerke im Land daraufhin zu untersuchen, inwieweit sie bereits jetzt dazu in der Lage sind, Medikamentenrückstände aus dem Abwasser heraus zu filtern. „Im Rahmen des vom MELUND beauftragten Forschungsprojektes ,Spurenstoffe und multiresistente Bakterien in den Entwässerungssystemen Schleswig-Holsteins (PrioSH)’ wurden auf insgesamt acht Kläranlagen in Schleswig-Holstein Untersuchungen zu Spurenstoffen und multiresistenten Keimen durchgeführt“, erläutert Ministeriumssprecher Patrick Tiede. Der Fokus des Projektes liege auf der Untersuchung und Bewertung der Eliminationsleistung von Kläranlagen in Bezug auf Spurenstoffe sowie der Ermittlung der am Spurenstoffrückhalt beteiligten Mechanismen und Prozesse.

„Bei den Arzneimitteln standen unter anderem Carbamazepin, Ibuprofen, Diclofenac und Metoprolol im Fokus.“ Die Analysen der Probenahmen auf den Kläranlagen seien soweit abgeschlossen. Die Ergebnisse würden zurzeit ausgewertet. „Wir gehen davon aus, dass das Endergebnis voraussichtlich im September vorliegt“, so Tiede. In Stormarn ist das Ahrensburger Klärwerk an der Studie beteiligt. Weitere Kläranlagen sind in Flensburg, Süderbrarup, Kropp, Rendsburg, Cismar, Bad Segeberg und Ratzeburg.

Grenzwerte fehlen

Eine vierte Klärstufe könnte Arzneimittelrückstände entschärfen. „Es stehen mittlerweile geeignete Verfahren für die Spurenstoffelimination zur Verfügung“, sagt Engfer. Durch Ozonierung oder Zusatz von Aktivkohle könnten Schadstoffe weitgehend unschädlich gemacht werden. Bislang gebe es jedoch keine allgemein gültigen Vorgaben zur Dimensionierung, sondern lediglich Erfahrungswerte durch Praxisversuche. „Es besteht Handlungsdruck“, betont Engfer, „Grenzwerte müssen schnell kommen.“ Für die systematische Weiterentwicklung dieser Thematik würden in der Schweiz, in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen Kompetenzzentren eingerichtet.

Das Bargteheider Klärwerk

Die Abwasserentsorgung Bargteheide GmbH (ABaG) wurde am 22. Februar 1994 durch die Stadt Bargteheide und die damalige Schleswag Entsorgung GmbH (heutige Nord direkt GmbH) gegründet. Ihr sind mittlerweile die Gemeinden Hammoor, Tremsbüttel, Elmenhorst, Jersbek, Delingsdorf und Bargfeld-Stegen beigetreten. Heute hat die Kläranlage eine Reinigungsleistung von 42.500 Einwohnerwerten und eine etwa 80-prozentige autarke Energieversorgung. Dafür erhielt die ABaG im Jahr 2016 den Innovationspreis des Landes Schleswig Holstein.

Infos über die richtige Entsorgung von Medikamenten gibt es unter www.no-klo.de im Internet.

Auf Bundesebene, so Engfer, gehe der Trend zum Verursacherprinzip: Alten- und Pflegeheime und Krankenhäuser sollten eigene Filteranlagen einbauen, um die Medikamenteneinleitung ins Abwasser zu reduzieren – eine Lösung, die die große Menge der privaten Haushalte außer Acht lässt, in denen ebenfalls Medikamente eingenommen werden. Auf eigene Faust eine vierte Klärstufe einzubauen, kann für den Verbraucher teuer werden, der Investitionen über die Abwasser-Gebühr mittragen muss. „Wir rechnen mit etwa 20 Cent mehr pro Kubikmeter Abwasser“, sagt Engfer. Da die vierte Klärstufe nicht gesetzlich vorgeschrieben sei, könnten Kunden allerdings dagegen womöglich klagen.

Gebaut werden könne die vierte Klärstufe nur, wenn die Stadt Bargteheide und die angeschlossenen Gemeinden die Finanzierung alleine übernehmen. Trotz möglicher Fördermittel dafür sei das eine hohe zusätzliche Investition. Darüber müssen die Kommunalpolitiker entscheiden.

Bettina Albrod

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