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Stormarn Rosemarie Vogt hat sogar schon für Jil Sander genäht
Lokales Stormarn Rosemarie Vogt hat sogar schon für Jil Sander genäht
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12:50 03.03.2013
In ihrer Werkstatt: Schneidermeisterin Rosemarie Vogt steckt ein neues Kleid ab. Quelle: Jens Seemann
Rümpel

Sie fixiert Stoffe mit Stecknadeln, zeichnet Muster auf und schneidet sie zu. Aus vielen Einzelteilen soll ein Kleid werden. Am Schneidetisch ihrer Werkstatt in Rümpel steht Schneidermeisterin Rosemarie Vogt am liebsten. Um den Hals hat sie sich ein Maßband gehängt — es muss schnell griffbereit sein.

Um sie herum stehen Puppen mit Kleidern und Blusen. Aber mit den Jahren ist es ruhiger geworden bei ihr. Rosemarie Vogt hat ihre Firma bewusst personell verkleinert. Den Stress, dem sie sich über 20 Jahre aussetzte, möchte sie nicht mehr. Die Werkstatt der 69-Jährigen blieb unverändert. Wo einst fünf Gesellen und fünf Auszubildende an den Nähmaschinen saßen, hat die Meisterin viele abgedeckt. Sie sind selten im Einsatz. Zu tun hat das Team ausreichend — nur große Serien werden nicht mehr genäht.

Rosemarie Vogt blickt vom Schneidetisch aus in den Raum. In Regalen reihen sich Rollen mit Nähgarn in verschiedensten Farben aneinander. In Kisten bewahrt sie Reißverschlüsse Nähseide, Knöpfe Gummibänder und vieles mehr auf. „Das sind meine Zutaten“, sagt die Schneiderin..

Große und kleine Stoffrollen lagert sie in einer Ecke neben dem Schneidetisch. Drei Bügelbretter reihen sich neben Spezialmaschinen zum Säubern von Nähten, zum Stechen von Knopflöchern, Nähen von Pelzen, Leder und feiner Seide. Zwischen computergesteuerten Nähmaschinen hat Rosemarie Vogt eine Haushaltsnähmaschine aufgehoben. Die kann Kreuznähte nähen. Das bescherte ihr Mitte der 90er Jahre einen großen Kunden — Designerin Jil Sander. „Mein Lohn für behutsame Schritte“, sagt Rosemarie Vogt.

Früh wusste sie, dass sie Schneiderin werden würde. Als Schülerin beeindruckte sie die Lehrer mit ihrer Geduld im Umgang mit Nadel und Faden „Einige meiner Sachen wurden sogar ausgestellt“, erinnert sich die heutige Meisterin. Aus Heften und Büchern sammelte sie Bilder historischer Kleider und träumte von einer Ausbildung als Schneiderin an einem Theater. Daraus wurde nichts. Mit 15 fehlten ihr die nötigen Verbindungen.

Stattdessen lernte sie in einem angesagten Modehaus Lübecks, arbeitete jahrelang als Gesellin für zwei Kürschner, entschied sich 1987 für die Selbstständigkeit und absolvierte zeitgleich die Meisterschule. „Ich begann mit kleinen Aufträgen in einem Zimmer in unserer damaligen Oldesloer Wohnung“, sagt sie und ergänzt: „Wir entschlossen uns dann hier in Rümpel zu bauen und eine Werkstatt einzurichten.“ Auf der Suche nach neuen Maschinen lernte sie einen Vertreter kennen, der die Ellerauer Werkstätten von Designerin Jil Sander ausgerüstet hatte. Er berichtete Rosemarie Vogt, dass die Firma häufig die Produktion kleinerer Serien an kleine Firmen abgibt.

Die Schneiderin zögerte nicht, rief den Produktionsleiter an und hatte das Thema nach gut einem Jahr schon abgehakt — bis ihr Telefon klingelte, jemand kam, ihre Firma ansah und ein Probestück nähen ließ. „Für die Kreuzstiche des Paillettenkleides benötigte ich die Haushaltsnähmaschine“, sagt Rosemarie Vogt. Sie überzeugte und bekam fortan vor jeder Saison kleine Serien. Es lief so gut, dass sie ihr Personal aufstockte.

Die Frauen mussten nicht nur das Nähen beherrschen. Sie mussten flexibel sein. Die Auslieferungstermine waren gesetzt. Aber die Stoffe kamen häufig sehr spät aus Italien. In Rümpel wurde bis spät in die Nächte gearbeitet. „Unsere Arbeit für Jil Sander sprach sich herum und bescherte uns neue Kunden. Zudem kamen Bewerbungen um Ausbildungsplätze aus ganz Deutschland. Ich habe in 21 Jahren 33 Lehrlinge ausgebildet“, sagt die Schneiderin.

Jil Sander wurde schließlich verkauft und die Produktion nach Italien verlagert. Rosemarie Vogt näht seither weiter für Privatkunden und zwei Designer. Die Aufregung beim Nähen ist auch mit 69 Jahren geblieben. „Ich habe Respekt vor den Stoffen“, so Vogt. Besonders aufgeregt ist sie, wenn auf ihrem Zuschneidetisch Stoffe liegen, die Kunden von Reisen mitgebracht haben. „Da steigt der Puls. Man weiß, dass man sich keinesfalls verschneiden darf. Der Stoff kann ja nicht nachbestellt werden“, so Vogt, die nicht ans Aufhören denkt. „Ich habe meinen Beruf von Anfang an geliebt. Als ich jung war, habe ich es bedauert, dass ich nicht ans Theater gekommen bin. Heute bin ich einfach nur stolz.“

Jens Seemann