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Stormarn Bölcksche Villa wird restauriert – Ein Rundgang
Lokales Stormarn Bölcksche Villa wird restauriert – Ein Rundgang
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15:46 28.02.2019
Clemens Tenge bewohnt mit seiner Familie das Erdgeschoss der Bölck-Villa in der Oldesloer Salinenstraße. Er zeigt die Bauzeichnung des Hauses
Clemens Tenge bewohnt mit seiner Familie das Erdgeschoss der Bölck-Villa in der Oldesloer Salinenstraße. Er zeigt die Bauzeichnung des Hauses Quelle: Foto: Dorothea von Dahlen
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Bad Oldesloe

 „Hier zu wohnen ist wie eine Reise in die Vergangenheit“, sagt Clemens Tenge und lässt den Blick andächtig durch den stattlichen Salon mit den hohen Decken schweifen. Im einstigen Herrenzimmer machte es sich einst der Margarinefabrikant Friedrich Bölck mit Freunden des Hauses in wuchtigen Armsesseln bequem, eine dicke Zigarre paffend, einen Brandy oder Whiskey im Glas schwenkend. Bis unter die kostbar vertäfelte Holzdecke stauten sich die Rauchschwaden, wenn die Männer über gewichtige Themen schwadronierten. „Anschließend haben die Damen des Hauses wohl kräftig gelüftet“, erzählt Tenge lachend.

Das Spitztürmchen ging verloren

Seit einigen Monaten bewohnt er mit seiner Familie die untere Etage der Gründerzeitvilla in der Oldesloer Salinenstraße. Dr. Friedrich Bangert, Geheimrat und Direktor des Realprogymnasiums ließ sie 1897 für sich bauen. Auch als nach seinem Tod der Fabrikant Bölck einzog, besaß das mit Simsen verzierte Backsteingebäude noch ein ausgeprägtes Spitztürmchen und eine repräsentative Freitreppe, die den Besucher zu einem mit Säulen bestückten Portal leitete, das im oberen Stockwerk als Veranda angelegt war. Im Innern des Hauses nahm er jedoch einige Veränderungen vor. Mit den Jahren und freilich auch dem wechselnden Geschmack der Bewohner hat sich das Gebäude so immer wieder verwandelt. Diesen Prozess hat Tenge anhand der Bauakten nicht nur akribisch nachvollzogen, der Psychologe ist inzwischen fast selbst in die Rolle eines Architekten respektive Bauleiters gerutscht. Anhand alter Fotos und Zeichnungen ist er bestrebt, den historischen Charme der Villa wieder erlebbar zu machen.

Clemens Tenge hat sich intensiv mit den alten Bauakten beschäftigt und erforscht, welche Stilelemente die alte Villa „Victoria“ einst geprägt haben. Nicht alles kann erhalten bleiben, aber das meiste schon.

„Victoria“ wurde abgemeißelt

„Die herrschaftliche Treppe wurde 1958 von den Vorbesitzern, der Familie Pawelzik, abgerissen und das Haus an dieser Stelle mit einem Anbau ergänzt. Der Haupteingang wurde auf die andere Seite verlegt“, erzählt Tenge. Eine erhabene Inschrift aus Gips in einem kleinen Zimmer des Obergeschosses erinnert noch daran, wo sich einst die Außenmauer des Hauses befand. Das Wort „Villa“ ist noch gut zu erkennen, die Widmung, die einst Friedrich Bölck in Anspielung auf seine Ehefrau Victoria einmeißeln ließ, erscheint hingegen wie abgeschlagen und dann zugespachtelt. Die Turmhaube, die dem Gebäude auf alten Fotos etwas märchenhaft Verwunschenes verlieh, war offenbar vor dem Einzug der Pawelziks bereits entfernt worden. „Sie wurde aber 1996 nach alten Plänen wieder ergänzt“, berichtet Tenge. Lobend hebt er hervor, dass die Familie bei der Instandhaltung der Villa über die Jahre nur solides Holz und andere hochwertige Materialien verwendet habe. Demzufolge befinde sich das Haus auch in einem vergleichsweise guten Zustand.

Ein Opfer aus Sicherheitsgründen

Was die Stilfrage anbelangt, so versucht der neue Bewohner aber eher, den Glanz früherer Zeiten besser zur Geltung kommen zu lassen und mit modernem Schick zu kombinieren. Eine gelbe Glaswand mit Oldesloe-Wappen aus den 1960er Jahren etwa, die als Trennung zum Flur diente, soll entfernt werden. Gemusterte Tapeten sind aus den elegant hohen Salons verschwunden und Farben in warmen dunklen Tönen gewichen. „Nur in einigen Räumen hat es mir leidgetan. Dort gab es noch richtig mit Stoff bespannte Wände mit floralen Mustern“, erzählt Tenge. In anderen Zimmern wiederum habe man noch erkennen können, dass die Wände früher bemalt wurden – in sattem Weinrot, Moosgrün oder anderen intensiven Farben. Doch diese Überbleibsel aus alten Zeiten hätten die Sanierung der Elektrik nicht überlebt. „Die Kabel waren zum Teil noch zweiadrig. Das war ein Opfer aus Sicherheitsgründen“, fügt der Hausherr schmunzelnd hinzu. Mit viel Verve legte er selbst Hand an, um das hübsch mit Akanthusblättern umrankte, aber von Rissen durchzogene Stuckband unterhalb der Decke wieder auszubessern. Schließlich kommt es auf die Details an. Beschläge aus patiniertem Messing mit Jugendstilornamenten geben den Türen wieder einen eleganten Anstrich.

Protziger Brunnen aus Marmor

Zu den Kuriositäten der Villa gehört eindeutig die von Bölck zum Wintergarten umgebaute Terrasse. In diesem Raum ist tonnenweise Marmor verbaut. Allein auf dem Boden liegen auf einer Fläche von 40 Quadratmetern dicke grau gemaserte Platten im Diagonalverband. Das alles in den Schatten stellende Prunkstück ist aber ein weitgehend aus einem großen Steinbrocken gehauener Marmorbrunnen. Als er noch in Betrieb war, plätscherte das Wasser aus einer Kugel in der Mitte zunächst hoch hinaus und dann in eine Schale bis der Inhalt überlief, sich in zwei seitliche Becken ergoss, um schließlich über ein unterirdisches Rohrsystem wieder im Kreislaufsystem nach oben gepumpt zu werden.

Speisentransport mittels Lift

Im einstigen Speisezimmer, das sich in eine großzügig gestaltete Küche mit mittiger Kochinsel verwandelt hat, sind sogar noch Spuren aus der Bangertschen Zeit vorhanden. Denn anno 1900 gehörten Herd und Backofen noch nicht in die gute Stube. Das Essen wurde im Keller zubereitet und die fertigen Mahlzeiten mit dem Aufzug hochgefahren. Davon zeugt heute noch ein viereckiger Vorbau in einer Ecke der Küche, der schon nach Bölcks Auszug zu einer Art Vertiko umgestaltet wurde. Aus dem filigran gemusterten Türchen auf der Vorderseite des Aufzugs wurden früher die mit Speisen beladenden Platten und Schüsseln ins Zimmer geholt. Die ein Stockwerk darunter befindliche Küche existiert übrigens auch noch. Die hellblau eingerahmten weißen Kachel-Quader und mäanderartigen Zierbänder sollen erhalten bleiben. Der Raum an sich soll wie ein Keller genutzt werden.

So sehr sich die neuen Bewohner bei Einrichtung und Restaurierung der Villa auch an historischen Mustern orientieren, mit dem Bölckschen Hang zur Opulenz ist es vorbei. Da der Familie das gesamte Gebäude zu groß ist, bewohnt sie nur das Erdgeschoss und vermietet die beiden darüber liegenden Stockwerke. Den Grundstein dafür, dass dies möglich ist, legten bereits die Pawelziks. Sie veränderten das Treppenhaus so, dass jeweils einzelne Wohnungen mit eigenem Eingang entstanden. In der obersten Etage wird derzeit noch kräftig gewerkelt. „Es soll später ein Drei-Familien-Haus werden“, sagt Tenge und betrachtet zufrieden, wie wohnlich die eigenen vier Wände schon geworden sind.

Dorothea von Dahlen

28.02.2019