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Stormarn Schleswig-Holstein bekommt Akku-Züge Flirt
Lokales Stormarn Schleswig-Holstein bekommt Akku-Züge Flirt
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19:59 19.06.2019
So ähnlich sieht der Akku Flirt des Herstellers Stadler aus. Die Akkus befinden auf dem Dach des Zuges. Über einen Stromabnehmer werden die Akkus an der Oberleitung geladen. Quelle: Holger Marohn
Kiel/Lübeck

Die Pendlerzüge in Schleswig-Holstein werden leiser, spurtstärker, wesentlich energiesparender und vor allem emissionsfrei. 55 Akku-betriebene Triebwagen sollen ab Ende 2022 die Dieseltriebwagen ersetzen. Die Akkus sollen an weitgehend vorhandenen Oberleitungen in den Bahnhöfen nachgeladen werden können. Betroffen sind auch die Strecken Lübeck-Büchen-Lüneburg, Lübeck-Eutin-Kiel und Bad Oldesloe-Neumünster.

Kaum Strecken elektrifiziert

In Schleswig-Holstein sind nur etwa 30 Prozent der Strecken elektrifiziert – so wenige wie in keinem anderen Bundesland. Statt teure Oberleitungen zu installieren, hatte das Land 2016 entschieden, die Züge selbst zu elektrifizieren. Welche Technik dafür die beste und wirtschaftlichste ist, sollten die Hersteller über einen Technologie-Wettstreit in einer Ausschreibung selbst entwickeln.

Antriebssysteme

Das Land hat die Elektrifizierung der Nahverkehrstriebwagen technologieoffen ausgeschrieben. Diese Varianten waren im Gespräch. Welche davon tatsächlich auch von den Herstellern angeboten wurden, ist nicht offiziell bekannt.

Grundsätzlich gilt für alle Systeme: Sie mussten einen elektrischem Energiespeicher mindestens für die Rückgewinnung der Bremsenergie haben. So ein „Kinetic Energy Recovery System“ ist als KERS aus der Formel 1 bekannt.

Der französische Hersteller Alstom hat mit Brennstoffzellen betriebene Triebwagen entwickelt. Dabei wird aus Wasserstoff Strom gewonnen, damit Akkus geladen und die Motoren angetrieben. Seinen Coradia iLint (Leichter innovativer Nahverkehrstriebwagen) hatte Alstom bereits 2016 präsentiert. Er fährt unter anderem in Niedersachsen zwischen Cuxhaven, Bremerhaven, Bremervörde und Buxtehude. Seine Reichweite beträgt etwa 1000 Kilometer.

Ein Problem der Brennstoffzellenzüge ist die noch nicht vorhandene Infrastruktur zum Nachtanken. Auch wird befürchtet, dass es für einen Markt keine ausreichende Anbieterkonkurrenz gibt und dadurch Monopole entstehen könnten. Alstom hatte sich an der Ausschreibung nicht final beteiligt und stattdessen wegen Benachteiligung vor dem Oberlandesgericht beschwert.

Ein weiteres System sind Diesel-Hybrid-Systeme. Dabei werden die Batterien über Dieselgeneratoren nachgeladen. Ähnliche Systeme gibt es bei echten Elektroautos mit sogenannten Reichweitenverlängerern (Range Extender). Das Problem ist, dass der Zug zwar elektrisch fährt, durch die Dieselverbrennung allerdings trotzdem Emissionen entstehen.

Entschieden haben sich die landesweite Verkehrsgesellschaft Nah.sh und das Land letztlich für akkubetriebene Züge des Herstellers Stadler. Diese können vor allem über in einigen Bahnhöfen bereits vorhandene Oberleitungen nachgeladen werden. Die Reichweite solcher Züge beträgt etwa 150 Kilometer.

Am Mittwochmorgen haben sich Finanzausschuss und Wirtschaftsausschuss in einer gemeinsamen Sitzung für die Akku-Lösung mit Nachladen per Oberleitung mit dem Typ „Flirt Akku“ des Schweizer Herstellers Stadler entschieden.

Kein Angebot von Herstellern zu Wasserstoffzügen

„Ich weiß, dass einige hier im Land hier gerne eine Lösung mit Wasserstofffahrzeugen gesehen hätten“, sagte Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP). „Aber erstens wollen und müssen wir natürlich das beste, das bedeutet, das wirtschaftlichste Angebot bedenken. Und zweitens hat kein Bieter ein Angebot für Wasserstofftriebwagen abgegeben“, so Buchholz.

Die Anbieter hatten nicht nur die Entwicklung und Herstellung der neuen Triebwagen sicher zu stellen, sondern sind auch für die Instandhaltung über 30 Jahre verantwortlich. „Gerade nach den Erfahrungen auf der Marschbahn, aber auch in anderen Netzen, war es uns wichtig, den Hersteller hier ganz stark mit in die Alltagsverantwortung zu nehmen“, sagt Minister Buchholz.

Stadlers „Akku Flirt“

Die Triebwagen vom Typ „Flirt Akku“ werden von dem internationalen Hersteller Stadtler mit Hauptsitz in der Schweiz entwickelt. Sie sind zweiteilige Triebwagen mit 124 Sitzplätzen.

Die Triebwagen sind barrierefrei, klimatisiert und mit WLAN ausgestattet. Die Fahrzeuge verfügen über Akkus, die auf dem Dach montiert sind. Die Reichweite einer Batterieladung liegt bei bis zu 150 Kilometern.

Sie werden an den heute vorhandenen Oberleitungen vor allem in den Bahnhöfen Kiel, Neumünster, Flensburg, Lübeck, Lüneburg sowie auf der Strecke Osterrönfeld-Jübek aufgeladen. Außerdem wird das Land die DB Netz AG beauftragen an einigen Stellen im Land zusätzliche Ladevorrichtungen bauen und bestehende Oberleitungen zu verlängern.

Zustimmung zu dem Projekt kommt vom Fahrgastverband Pro Bahn. „Akkuzüge sind in Deutschland technisches Neuland“, sagt Stefan Barkeleit von Pro Bahn. Der Bautyp „Flirt Akku“ gelte aber als eine bewährte Konstruktion. „Das stimmt uns zuversichtlich, dass die Technik gut laufen wird.“ Er sei gespannt, wie sich das Projekt in den nächsten fünf Jahren entwickelt.

Mit der Umstellung schaffe das Land ein Stück der nötigen Elektrifizierung des Bahnverkehrs, ohne in die teuren Oberleitungen investieren zu müssen. „Mich freut besonders, dass diese Lösung auch noch so wirtschaftlich ist. Über den Investitionszeitraum gerechnet liegen wir hiermit etwas günstiger als mit Dieseltriebwagen“, so Minister Buchholz.

Region wird profitieren

Gegen die Ausschreibung hatte im Februar der französische Hersteller Alstom Beschwerde beim Oberlandesgericht in Schleswig eingelegt. Alstom hat mit dem iLint bereits einen Elektrozug mit Wasserstoff entwickelt. Dieser fährt unter anderem in Niedersachsen bereits im Linienbetrieb. Da in der Ausschreibung auch das Vorhalten der Ladeinfrastruktur berücksichtigt wurde, hatten sich die Franzosen benachteiligt gefühlt und an der Ausschreibung gar nicht erst beteiligt.

Landtagsabgeordner Christopher Vogt (FDP) begrüßt die neuen Züge: „Diese Entscheidung ist eine sehr gute Nachricht für unsere Region. Wir werden mit den innovativen Fahrzeugen auch im Bahnverkehr im 21. Jahrhundert ankommen und gleich eine Vorreiterrolle annehmen. Von den neuen emissionsfreien Triebwagen werden alle in der Region profitieren.“

Ostholsteins Regionalplaner Horst Weppler sieht in der Vergabe auch große Chancen für andere Bereiche. „Die Akkuzüge sind für unsere Region positiv zu bewerten”, sagt der Fachdienstleiter beim Kreis Ostholstein. Denn dadurch werde in Ostholstein weniger Kohlenstoffdioxid produziert. Die moderne Technologie könne auch als Vorreiter für zukünftige Projekte in der Region gesehen werden.

„Wir denken zum Beispiel gerade über batteriebetriebene Busse und Müllfahrzeuge nach.“ Auch praktisch: “Die neuen Züge können besser beschleunigen”, sagt Weppler. Er hofft, dass die Fahrpläne zwischen Lübeck und Kiel dank moderner Technologie besser eingehalten und Verspätungen aufgeholt werden.

Unterlegene Bieter haben Einspruchfrist

Die Anschaffung der 55 Triebwagen soll von einem Fahrzeugvorhalter finanziert werden, der gerade per Ausschreibung vom Land gesucht wird. Der Fahrzeugvorhalter stellt die Triebwagen dann den Bahnunternehmen in den Bahnnetzen Nord und Ost zur Verfügung. Auch diese Verkehrsleistung wird noch ausgeschrieben.

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In den kommenden zehn Tagen haben allerdings die unterlegenen Bieter noch Zeit, gegen diese Entscheidung ein Nachprüfverfahren anzustrengen.

Schleswig-Holsteins Verkehrsminister geht davon aus, dass alle Bundesländer mit großem Interesse auf das schleswig-holsteinische Verfahren blicken werden: „Das Ergebnis stimmt, aber auch der Weg dahin war spannend. Dieser sehr enge Austausch mit den Herstellern scheint mir ein erfolgversprechender Weg zu sein, um Innovationen im Bahnbereich voranzubringen“, so Buchholz.

Ausschreibung

Das Land hat 2016 entschieden, den Schienenpersonenverkehr (SNVP) emissionsfrei zu machen. Dafür sollen auf den noch nicht elektrifizierten Strecken ab 2022 statt der bisherigen Dieseltriebwagen elektrisch betriebene Triebwagen verkehren, also die Verkehre elektrifiziert werden.

Insgesamt gibt es drei Ausschreibungen. Die Entwicklung, Produktion und Instandhaltung über bis zu 30 Jahre von 50 Triebwagen einschließlich der erforderlichen Versorgungsinfrastruktur ist eine. Die Ausschreibung war technologieoffen – Fachleute sprechen von XMU. Es war also den Herstellern überlassen, auf welche Technik sie setzen.

Die Ausschreibung der Triebwagen sorgte europaweit für Aufsehen. Denn üblicherweise werden bei Erstatzbeschaffungen von Triebwagen nur wenige Einheiten ausgeschrieben. Entwicklungsarbeit lohnt sich bei geringen Stückzahlen nicht. Bei 50 Triebwagen sieht das jedoch anders aus.

Bis September 2016 hatten Hersteller die Möglichkeit, ihr Interesse zu bekunden. Anschließend folgte bis Ende 2018 die konkrete Angebotsabgabe. Der Hersteller Alstom, der mit dem iLint, Lint steht für „leichter innovativer Nahverkehrstriebwagen“, bereits einen Wasserstoff-Triebwagen entwickelt hatte, gab kein Angebot ab –und legte stattdessen im Februar 2017 Beschwerde beim Oberlandesgericht Schleswig ein. Das hat diese nun angelehnt.

Eine weitere Ausschreibung richtet sich an Verkehrsunternehmen zum Betrieb der Fahrzeuge mit den vorgegebenen Verkehrsleistungen. Außerdem wurde die Finanzierung der Anschaffung der Züge ausgeschrieben.

Die ersten Triebwagen sollen 2021 angeschafft werden und im Dezember 2022 den Betrieb aufnehmen.

Holger Marohn und Saskia Bücker

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