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Stormarn Segen unter Segeln: Erhard Graf war früher auf der „Gorch Fock“
Lokales Stormarn Segen unter Segeln: Erhard Graf war früher auf der „Gorch Fock“
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20:18 06.05.2017
Pastor Erhard Graf aus Klein Wesenberg erinnert sich gerne an seine Zeit als Militärpfarrer auf der „Gorch Fock“. Quelle: Foto: B. Albrod
Klein Wesenberg

Übers Wasser gehen kann Pastor Erhard Graf aus Klein Wesenberg nicht, aber eine besondere Nähe zum nassen Element hat er schon: Vor 21 Jahren ist er als Militärpfarrer zum ersten Mal auf dem SegelschulschiffGorch Fock“ mitgefahren, um in der Weihnachtszeit als Seelsorger an Bord zur Verfügung zu stehen. Damals war er für 20 U-Boote, das Segelschulschiff, die Kampfschwimmer und die Minentaucher zuständig. Zehn Jahre lang ist er bis 2006 auf vielen Seereisen dabei gewesen, insgesamt kamen 650 Tage auf See zusammen.

Klein Wesenberger Pastor bereiste vor 21 Jahren als Militärpfarrer die Meere.

„Damals bin ich in Kapstadt an Bord der ,Gorch Fock’ gegangen und bis Recife mitgefahren“, erinnert sich Graf. „Ich habe mir eine Kabine mit einem anderen Seemann geteilt und konnte in der Offiziersmesse mitessen.“ Bei über 30 Grad gab es zu Weihnachten an Deck Glühwein und Kekse. „Dazu hatte der Obermaat aus Seilenden einen Weihnachtsbaum gebastelt, der war aus lauter Tampen zusammen geknotet und sehr schön.“ Graf hielt den Weihnachtsgottesdienst und hatte für die Nöte der Seeleute ein offenes Ohr. „Es gab zum einen die Stammmannschaft, zum anderen die Offiziersanwärter, die nur sechs Wochen an Bord verbrachten“, erinnert sich Graf. „Wer Probleme hatte, ist zu mir gekommen.“ Die Freundin, die per Brief Schluss machen wollte, die Enge an Bord oder Angst um die Zukunft und die Ausbildung waren die Hauptthemen. Dazu kamen Trauerarbeit und Hilfe bei schwierigen Situationen. „Ich musste den Soldaten auch mitteilen, wenn es bei ihnen zu Hause einen Notfall gegeben hatte.“

Das Leben an Bord war streng reglementiert – anders, so Graf, hätte es nicht funktioniert. „Einmal sind wir bei Sturm durch die Biskaya gesegelt, da sind einige seekrank geworden. Das bedeutete dann das Aus für ihre Marine-Karriere. Das war für die Betroffenen sehr schwer.“ In einem anderen Fall beriet er eine junge Frau mit Selbstmordgedanken, die sich später bei ihm für das Gespräch bedankte – inzwischen glücklich in ihrem Leben. Vom U-Boot aus hat Graf die Delfine und Wale singen hören, und einmal hat er die Ermittlungen in einem Mordfall miterlebt. „Das war bei den Waffentauchern“, erinnert sich Graf, „damals ist eine junge Frau an Bord eines Minensuchboots erwürgt worden. Später hat sich herausgestellt, dass ein Mann aus verschmähter Liebe der Täter war.“ Der Pfarrer hatte die Aufgabe, das Geschehen zusammen mit Psychologen mit den Betroffenen durchzusprechen und ihnen beim Verarbeiten zu helfen.

Aber auch schöne Augenblicke wie der Sternenhimmel über dem Südatlantik sind für Graf unvergesslich geblieben. „Nachts habe ich an Bord immer die besten Gespräche führen können“, sagt er, „im Dunkeln fällt es den Menschen leichter, sich zu öffnen. Ich habe viele spannende Nachtgespräche geführt. Die Arbeit eines Pfarrers findet hauptsächlich im Verborgenen statt, Gottesdienste sind nur ein Teil der Gemeindearbeit.“ Weil es damals weder Mobiltelefone noch DVDs gegeben habe, hätte die Besatzung selber für Unterhaltung zu den Festtagen gesorgt. „Auf einer Reise an Silvester hat ein Teil der Besatzung mal ihre Version von Dinner for One aufgeführt, das war ganz großartig.“

Auch spannende Erlebnisse hat Graf gehabt. „Einmal waren wir auf dem Mittelmeer unterwegs und der Ausguck hat in der Ferne ein Schlauchboot auf dem Meer treiben sehen. Das war noch nicht die Zeit, wo Flüchtlinge darin unterwegs waren.“ Die Seeleute holten das Gummiboot aus dem Wasser und fanden darin eine Menge kleiner Beutel. „Das war Ware aus einem Drogengeschäft“, sagt Graf, „das haben wir dann der italienischen Marine übergeben.“ Als Erinnerung an die Zeit auf See hat Erhard Graf viele Fotos aufgehoben, und ein Bild des Segelschulschiffs hängt in seinem Arbeitszimmer an der Wand.

Die goldene Fahrt...

nennt sich die letzte Fahrt auf einem Schiff bei Seeleuten, die aus dem Dienst scheiden. Als Pastor Erhard Graf seinen Dienst als Marinepastor 2006 beendete, durfte er seine goldene Fahrt auf der „Gorch Fock“ von Kiel durch den Nordostseekanal nach Elsfleth in die Werft mitmachen.

Die „Gorch Fock“ wurde 1958 gebaut, dient als Segelschulschiff und ist nach dem Schriftsteller Gorch Fock benannt, der in der Seeschlacht am Skagerrak fiel. Sie hat ein eigenes Lied.

Bettina Albrod

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