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Stormarn Als Zehnjähriger allein aus Ostpreußen geflohen
Lokales Stormarn Als Zehnjähriger allein aus Ostpreußen geflohen
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13:32 07.02.2019
Siegfried Michalzik verlor als kleiner Junge 1945 auf der Flucht vor der russischen Armee seine Mutter. In Meddewade, wo er später aufwuchs, erzählt er nun seine Geschichte. Quelle: Foto: Dorothea von Dahlen
Meddewade

Schnee, wohin das Auge blickt. Es herrscht schneidende Kälte. Voll beladene Pferdewagen holpern krachend über den harsch gefrorenen Boden. 1000 Kilometer liegen vor dem Treck, der sich aus den Masuren in Richtung Westen aufgemacht hat. Hunderttausende fliehen aus Ostpreußen vor der Roten Armee. Die Furcht, auf der Flucht erschossen zu werden, reist permanent mit. Diese Bilder sind dem Hoisdorfer Siegfried Michalzik immer noch gegenwärtig. Er befand sich im bitterkalten Winter des Jahres 1945 selbst auf diesem gefahrvollen Weg. Dabei verlor er sogar seine Mutter und musste sich allein durchschlagen. Wie es ihm gelang, die körperlichen und seelischen Entbehrungen durchzustehen, vermag er gar nicht zu erklären. Heute ist er vor allem dankbar, wie herzlich er letztlich in der Gemeinde Meddewade aufgenommen wurde. Und das will er bei einem Vortrag über die Flucht zum Ausdruck bringen, den er am 24. Februar in der „Alten Schule“ halten will.

Wiedersehen im alten Klassenzimmer

Das Gebäude, das heutzutage für gesellige Nachmittage oder als Treffpunkt politischer Gremien genutzt wird, ist dem 84-Jährigen bestens vertraut. „Hier war früher unser Klassenzimmer“, sagt er bei einem ersten Besuch nach 1945 in der inzwischen sanierten „Alten Schule“. Nur zu gut erinnert er sich daran, wie er als kleiner Junge Nasenbluten bekam und ihn ein Lehrer namens Larsen anwies, sich auf den Fußboden zu legen, während er weiter unterrichtete.

Wehrmacht beschlagnahmte die Pferde

Das war ein Jahr, nachdem sich seine Familie über Nacht aufraffte, um vor der Großoffensive der Roten Armee zu fliehen, die im Januar 1945 begann. „Das Tragische war, Hitler hatte eigentlich verboten zu flüchten. Wer sich widersetzte, sollte erschossen werden“, erinnert sich Michalzik. Deshalb hatte seine Familie zunächst still gehalten. Doch nun, da die russischen Soldaten nur noch 30 Kilometer vom damals ostpreußischen Kreis Lötzen entfernt waren, ergriffen seine Eltern wie viele andere die Flucht. „Mit vier Wagen und acht Pferden waren wir unterwegs. Am Ende hatten wir nur noch ein Pferd. Die anderen hatte die Wehrmacht beschlagnahmt“, erzählt der Hoisdorfer.

Eingeschlafen und die Mutter verloren

Eisiger Wind bei 26 Grad minus ließ Hände und Gesicht schmerzen. Da entdeckte er eine Kneipe und beschloss, sich kurz darin aufzuwärmen. „Ich saß am Ofen und schlief ein. Als ich zum Marktplatz zurückkehrte, war unser Wagen nicht mehr da“, erinnert sich Michalzik. Er folgte damals dem allgemeinen Flüchtlingsstrom in der Hoffnung, seine Mutter wieder zu finden. Doch als er an eine Gabelung gelangte, ergriff ihn Panik. Welchen Weg sollte er jetzt wählen? Letztlich nahm ihn der Ortsbauernführer seines früheren Heimatdorfs unter die Fittiche. Tagsüber lief er neben dessen Fuhrwerk her, nachts durfte er sich oben in Pferdedecken eingehüllt ausruhen.

Frisches Haff als einziger Ausweg

Der Rote Armee war unterdessen weiter vorgerückt und hatte es geschafft, Ostpreußen komplett einzukesseln. „Für uns gab es plötzlich nur noch den Ausweg über das frische Haff“, erzählt Michalzik. Der eisige Winter machte dies überhaupt erst möglich. 20 Kilometer legte der Treck über die zugefrorene Ostsee zurück, um die schmale Landzunge zu erreichen, auf der ein Weiterkommen in Richtung Danzig möglich war. „Wir hatten gerade noch Glück und kamen nachts unbeschadet ohne Beschuss rüber. Nach uns setzte langsam Tauwetter ein. Da sind viele Wagen eingebrochen und von Tieffliegern der Russen bombardiert worden“, schildert der einstige Flüchtling. Und als hätte ein Schutzengel über ihn gewacht, gelangte er auch damals auch über die Weichsel. Soldaten hatten dort eine Behelfsbrücke gebaut, nachdem das eigentliche Bauwerk in die Luft gesprengt worden war.

Unbeschreibliche Wiedersehensfreude

Von dort aus ging es weite Strecken an der Steilküste entlang bis der Treck schließlich Grevenkrug bei Bordesholm erreichte. Dort sicher angekommen, gelang es dem Zehnjährigen, seine Mutter über den DRK-Suchdienst ausfindig zu machen. Ihr war es gelungen, zusammen mit seinen vier Brüdern nach Meddewade zu fliehen. Die Wiedersehensfreude war „unbeschreiblich“. Fünf Jahre wohnte die Familie in der Gemeinde, dann zog sie um nach Rethwischfeld. Michalzik absolvierte Malerlehre und Meisterprüfung mit Bravour, bildete sich aber späterhin weiter, sodass er viele Jahre als Fachoberlehrer an einem Berufsschulzentrum in Hamburg tätig war. 1974 ließ er sich in Hoisdorf nieder.

Traumatherapie half bei Verarbeitung

„Die letzte Etappe meiner Flucht ist in meiner Erinnerung wie ausgelöscht“, sagt Michalzik und erzählt, dass er sich einer Traumatherapie unterzogen hat, um die schrecklichen Erlebnisse aus der Kriegszeit aufzuarbeiten. „Das war für mich sehr wertvoll. Seitdem werde ich nicht mehr von den Bildern beherrscht, sondern beherrsche sie.“ Und das treibt den heute 84-Jährigen auch an, jetzt öffentlich darüber zu sprechen. „Ich würde mir wünschen, dass möglichst viele junge Menschen in die ’Alten Schule’ kommen, wenn ich meinen Vortrag halte“, sagt er. Schließlich gehe die Erinnerung an das Leid, das durch Kriege ausgelöst werde, verloren, wenn seine Generation eines Tages nicht mehr lebe.

Anmeldung erbeten

Angelika Brüggen vom Förderverein „Alte Schule“ lädt für Sonntag, 24. Februar zu dem Vortrag unter dem Motto „1945: Plötzlich allein“ ein. Die Veranstaltung beginnt um 15 Uhr, Einlass ist bereits um 14.30 Uhr. Im Anschluss gibt es bei Kaffee und Kuchen Gelegenheit zum Gespräch. Um besser planen zu können, bittet der Förderverein um Anmeldungen unter 04531/8972600 (Angelika Brüggen) oder 04531/5027370 (Jessica Protzak).

 

Dorothea von Dahlen

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