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Stormarn Gemeinde informiert über MVA-Gutachten
Lokales Stormarn Gemeinde informiert über MVA-Gutachten
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18:48 15.10.2019
Die MVA in Stapelfeld. Quelle: EEW
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Siek

Die Müllverbrennungsanlage (MVA) in Stapelfeld soll vom Betreiber Energy from Waste neu gebaut und um eine Klärschlammverbrennungsanlage (KVA) erweitert werden. Alle Städte und Gemeinden in einem festgelegten Radius um den Schornstein – der ist mit 63 Meter Höhe deutlich niedriger geplant als die jetzt 110 Meter Höhe – haben als Träger öffentlicher Belange das Recht, eine Stellungnahme dazu abzugeben. Am Montag hatte Sieks Bürgermeister Andreas Bitzer zur Einwohnerversammlung für Siek und Meilsdorf geladen, um die Stellungnahme der Gemeinde vorzustellen.

Dr. Ingo Willenbockel (l.) stellte auf Einladung von Andreas Bitzer die Stellungnahme der Gemeinde Siek zum MVA-Neubau vor. Quelle: Bettina Albrod

Knapp hundert Besucher auch aus den Nachbargemeinden waren gekommen, um sich von Gutachter Dr. Ingo Willenbockel die fachliche Einschätzung anzuhören. „Die umweltfachliche Bewertung hat sich an einem Fragenkatalog der Gemeinde Siek orientiert und Empfehlungen zu einer Stellungnahme abgeleitet“, beschrieb Willenbockel sein Vorgehen. Untersucht wurden Faktoren wie der Stand der Technik, die Umweltverträglichkeit für Mensch, Tier, Pflanzen, Fläche, Boden, Wasser, Landschaft und kulturelles Erbe sowie die Belastung der Gemeinden durch Emissionen aus dem Schornstein.

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Gefühlte Gefahr ließ den Volkszorn kochen

Fazit der Begutachtung: „In einzelnen Punkten wie bei Quecksilber, Chlorverbindungen und Dioxin sind aufgrund aktualisierter Wertevorgaben kleine Nachbesserungen nötig, die Kriterien werden aber bei der Gesamtbetrachtung eingehalten.“ Der vielfach kritisierte niedrigere Schornstein führe zwar zu einer geringeren Verteilung der Abgasstoffe, die verbesserte Reinigungstechnik könne das aber kompensieren. „Die maximale Immissions-Zusatzbelastung liegt zwischen ein und zwei Prozent“, schloss Willenbockel. Siek hat über die Stellungnahme hinaus kein Mitspracherecht. „Es gibt gesetzliche Vorgaben, die der Betreiber für sein Projekt erfüllen muss“, stellte Bürgermeister Bitzer klar. „Hier wird geprüft, ob die Vorgaben eingehalten werden. Wenn ja, muss die Behörde die Genehmigung erteilen.“

Das kam im Saal nicht gut an. Die Emissionen durch die neuen Anlagen sind geringfügig höher als bisher. Doch die gefühlte Gefahr im Saal ließ den Volkszorn kochen. Die Bürger haben Angst vor gesundheitlichen Belastungen und argumentierten emotional. Die Tatsache, dass nur Bürger von Siek und Meilsdorf Rederecht hatten, gefiel denen nicht, die auch etwas beitragen wollten. Schließlich erlaubte Bitzer auch Gästen, ihre Fragen zu stellen. Dem Herrn, der am Rande in einer Ein-Mann-Demo ein Buch über Dioxin schwenkte, sagte Bitzer zu, das Buch im Anschluss an die Veranstaltung vorstellen zu können. Schließlich ergriff ein Vertreter der Bürgerinitiative „Bürger-Interessen-Gemeinschaft BIG Stapelfeld“ das Wort.

Kritik am Kreis und am Betreiber

Er fasste die problematischen Punkte noch einmal zusammen. Warum hat der Kreis nicht sein Veto-Recht geltend gemacht? Die Kreise Stormarn und Herzogtum-Lauenburg hatten auf ihr Veto-Recht verzichtet. Landrat Dr. Henning Görtz hatte das auf einer früheren Veranstaltung damit begründet, dass der Kreis nur ein Mitbestimmungsrecht habe, aber nicht die Genehmigungsbehörde sei. Angst haben die Bürger vor mehr Verkehr, vor womöglich doch höheren Gefahrstoffemissionen, vor einem Mülltourismus, falls die Anlage nicht ausgelastet werde, und vor einer Erhöhung der Kapazitäten. Lachgas falle an, gab eine Zuhörerin zu bedenken, und die BIG geht davon aus, dass der Betreiber bewusst einen niedrigen Schornstein plant, um klagewillige Gemeinden wie Großhansdorf außerhalb des Radius für eine Stellungnahme zu halten. Offen sei auch die Höhe der Belastung, wenn bis zur Fertigstellung der neuen Anlage die alte und die neue MVA 21 Wochen lang parallel betrieben würden. Bodenproben und Luftmessstationen wurden gefordert.

Die Besucher stellten viele Fragen zur MVA. Quelle: Bettina Albrod

Das aber, so der Gutachter, sei wenig sinnvoll. „Der Umweltschutz hat sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich verbessert“, gab er zu bedenken. Bodenmessungen würden wahrscheinlich hohe Vorbelastungen ergeben. „Das meiste Cadmium im Boden stammt beispielsweise vom Abrieb der Autoreifen auf der nahen Autobahn, nicht aus der MVA.“ Bitzer ergänzte, dass die Schadstoffwerte der MVA seit den 70er-Jahren stetig besser geworden seien. Mit dem Neubau komme es wieder zu einer leichten Verschlechterung. Die liegt aber weiterhin unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte und damit im gesetzlichen Rahmen. „Gesetze sind zum Schutz des Menschen da“, so der Bürgermeister.

Müll aus der Metropolregion

Gegründet wurde die MVA Stapelfeld GmbH 1973 von den Kreisen Stormarn, Herzogtum Lauenburg sowie der Freien und Hansestadt Hamburg. Im Jahr 1979 ging die Anlage in Betrieb. Ein Umbau der Anlage erfolgte im Jahr 1997. 2003 übernahm Energy from Waste die Anlage. Die neue MVA soll pro Jahr bis zu 350 000 Tonnen Abfall aus der Metropolregion Hamburg entsorgen. Dazu kommt eine Klärschlammverbrennungsanlage.

Auch Umweltverbände haben Bedenken. So sei die Technik beim Umweltschutz zwar wesentlich besser geworden, heißt es in einer Mitteilung des BUND Stormarn, es würden aber weiterhin geringe Mengen an Dioxinen und Schwermetallen frei gesetzt. Zudem gibt der BUND zu bedenken, dass derzeit viele KVA gebaut würden, so dass sie irgendwann, um ausgelastet zu sein, den Klärschlamm von weit her herbeiholen müssten. Schließlich seien die Kammmolche im nahen Schutzgebiet gefährdet.

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Von Bettina Albrod