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Stormarn Solarthermie als Modell der Zukunft
Lokales Stormarn Solarthermie als Modell der Zukunft
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21:33 07.09.2017
Manfred Wulf aus Klinkrade (r.) zeigt eine Übergabestation. Bei der Nahwärmeversorgung wird nur noch sie gebraucht, kein Heizkessel mehr.
Westerau

Die Zeichen stehen gut, dass sich Westerau zum Vorreiter einer innovativen Nahwärmeversorgung in Schleswig-Holstein aufschwingt. Das Energieforum der Gemeinde bemühte sich schon seit Jahren um ein tragfähiges Konzept. Jetzt scheint der Durchbruch gelungen: Eine Machbarkeitsstudie hat ergeben, dass die Versorgung der Haushalte mit Hilfe von Solarthermie und einer Hackschnitzelheizanlage wirtschaftlich ist.

Planer bestätigen: Nahwärmenetz aus regenerativen Energien in Westerau ist wirtschaftlich.

Das Ergebnis der Expertise war schon sehnsüchtig erwartet worden. Viele Westerauer tragen sich mit dem Gedanken, eine Genossenschaft zu gründen, ihre herkömmlichen Öl- oder Gasheizungen stillzulegen und sich an ein Nahwärmenetz anzuschließen. Bei der Präsentation des Büros Treurat und Partner am Mittwochabend wollten sie erfahren, unter welchen Bedingungen dies möglich ist.

Wie Planer Hagen Billerbeck vorrechnete, beträgt der Wärmeenergieverbrauch der Westerauer im Jahr 2,2 Gigawattstunden. Komme Heizöl zum Einsatz, würden 220000 Liter benötigt, um diese Leistung zu erzielen. Eine Solarthermieanlage sei aber allein in der Lage 22 Prozent dieser Energie zu ersetzen, wodurch 55000 Liter des fossilen Brennstoffs eingespart würden. „In Dänemark ist Solarthermie schon Stand der Technik. Dort sind sie viel weiter, obwohl wir hier das Land der Denker und Ingenieure sind“, sagte Billerbeck. Die in den kühleren Monaten benötigte Energie werde aus der Hackschnitzelanlage gewonnen.

Um darzustellen, welche Kosten auf einen ans Nahwärmenetz angeschlossenen Haushalt zukommen, stellte Billerbeck Vergleiche zu konventionellen Brennstoffen her. Bei Heizöl hätten viele nur den zurzeit sehr geringen Literpreis von 59 Cent vor Augen. Aber das sei nur die halbe Wahrheit. Hinzu kämen die Betriebs- und Wartungskosten von Ölbrenner und Pumpe sowie die Rücklagen für eine neue Heizung.

Letztere schlage alle 15 Jahre mit etwa 6500 Euro zu Buche. Diese Ausgaben einberechnet, beliefen sich die Vollkosten für Öl auf tatsächlich 89 Cent pro Liter, analog dazu bei einer Gasheizung seien es 85 Cent pro Liter.

Die regenerativ erzeugte Energie, räumte Billerbeck ein, sei mit 1,17 Euro teurer, aber das mache pro Tag gerade einmal 40 Cent aus. Das Modell biete neben der Unabhängigkeit noch weitere Vorteile.

Das Geld und die Wertschöpfung blieben in der Region und das Image der Gemeinde erfahre eine starke Aufwertung. „ Sie haben die Chance, sich unabhängig zu machen von Preissteigerungen auf dem Weltmarkt“, sagte der Planer. Dem pflichtete Bürgermeisterin Petra Jürß bei. „Wenn wir selbst bestimmten können was passiert, ist das ein großer Pluspunkt. Da zahlt man gern etwas mehr“, sagte sie.

3,2 Millionen Euro beträgt die Investition für Hackschnitzel- und Solarthermieanlage sowie das vier Kilometer lange Wärmenetz durch Westerau. Laut Billerbeck ist die Landesregierung sehr erpicht darauf, eine solche Pilotanlage zu fördern. Das bestätigte Isa Reher, Klimamanagerin des Kreises. „Solarthermie ist der Trend der Zukunft. Westerau wäre ein Leuchtturm für ganz Schleswig-Holstein“, sagte sie. Auch Westeraus früherer Bürgermeister Heinrich Blunck begrüßte das Projekt. „Denken wir an die Zukunft. Wir sind jetzt von Ländern wie Russland abhängig und die sind nicht gerade vertrauenerweckend. Und für die Umwelt sollte man doch etwas investieren“, sagte er.

Die Wirtschaftlichkeitsberechnung von Treurat und Partner beruht darauf, dass sich mindestens 80 Haushalte an ein solches Wärmenetz anschließen. Um Fördermittel vom Land oder der Aktivregion Holsteins Herz einwerben zu können, muss die Gemeinde nun ausreichend Interessenbekundungen von Westerauern einsammeln. „80 Nutzer müssten es sein. Bis auf 100 ließe sich die Zahl aufstocken. Werden es mehr, müssten die Anlagen gegebenenfalls vergrößert werden“, sagte Billerbeck.

80 Haushalte

80 Westerauer müssten sich ans Nahwärmenetz anschließen. Wenn es Förderzusagen gibt, kann eine Genossenschaft gegründet werden (Mitgliedsanteil 1500 Euro) und mit dem Bau begonnen werden (Dauer sechs bis acht Monate) – frühestens aber 2019.

In Klinkrade, wo die Nahwärme aus einer Biogasanlage bezogen wird, überlegt man, den Westerauern nachzueifern. Wie Manfred Wulf, Vorsitzender der Heizhütte Klinkrade, berichtet, amortisieren sich die Investitionskosten, so dass der Energiepreis stetig ist. Da aber nicht klar sei, wie lange die Biogasanlage noch wirtschaftlich sei, bestünden Pläne, Geld zurückzulegen, um auch eine Solarthermieanlage zu bauen.

 Dorothea von Dahlen