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Stormarn Statt Bundestag Bühne und Kombüse
Lokales Stormarn Statt Bundestag Bühne und Kombüse
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18:12 28.12.2016
Berlin/Ammersbek

Von wegen „noch niemals in New York“. Am Sitz der Vereinten Nationen am East River war Franz Thönnes (62) häufiger. Mehrmals reiste der damalige SPD-Staatssekretär in den Bundesministerien für Gesundheit sowie Arbeit und Soziales über den Atlantik.

Vom Arbeiterkind in Essen über Gewerkschaftsführer bis zum SPD-Landeschef: Franz Thönnes (62) war schon immer ein „Roter“. 2017 wird das 23. und letzte Jahr für ihn im Deutschen Bundestag. FOTOS: LN

In seinen Verantwortungsbereich fiel von 2002 bis 2009 die Entwicklung der UN-Behindertenrechtskonvention. An das „große, erhebende Gefühl“ bei der Unterzeichnung des Dokuments vor neun Jahren im Rahmen der deutschen EU-Präsidentschaft für alle EU-Mitgliedsstaaten im Saal der UN-Generalversammlung sprechen zu dürfen, wird er sich immer erinnern, erzählt Thönnes im Gespräch mit den LN im Bundestags-Café.

Erst vor wenigen Wochen hat das Parlament mit dem Bundesteilhabegesetz einen weiteren wichtigen Schritt zu Umsetzung dieser UN-Konvention in deutsches Recht beschlossen. Nach vielen Protesten von Menschen mit Behinderung und zahlreichen Änderungen am ersten Regierungsentwurf. Thönnes hat gewissermaßen mit der Orientierung „nichts ohne uns über uns“ und dem Prinzip der Inklusion die Blaupause dafür mitgeliefert. Das bleibt.

Seit 22 Jahren ist der ehemalige Gewerkschaftssekretär der IG Bergbau, Chemie, Energie Abgeordneter des deutschen Parlaments, erst in Bonn, dann in Berlin. Die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik war dabei immer „sein Ding“, erzählt der gelernte Industriekaufmann. 1978 trat er in die SPD ein. Willy Brandt, Egon Bahr, mit dem er viele Jahre zusammen arbeitete, und Olof Palme faszinierten den jungen Mann.

„Nichts kommt von selbst. Politik heißt auch, etwas wollen und gestalten!“, hat der Stormarner sich von ihnen zu eigen gemacht. Und das Motto, das ihn bis heute begleitet, lautet: da sein – zuhören – handeln! Die Kritik von Menschen mit Behinderung am ersten Regierungsentwurf müsse man ernst nehmen, hatte er immer wieder gesagt. Auch wenn er in den vergangenen Jahren in die Außenpolitik gewechselt und streng genommen dafür gar nicht mehr zuständig war. Doch als Abgeordneter sei man für alles und alle „zuständig“, für die Menschen im Wahlkreis Segeberg-Stormarn-Mitte, den er 1998 und 2002 als direkt gewählter Abgeordneter gewann und auch für ganz Norddeutschland. Als stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion holte er Anfang der 2000er beim damaligen Finanzminister Hans Eichel einen dreistelligen Millionenbetrag für das Job-Aktiv-Gesetz heraus, damit der Wiedereinstieg von jungen Müttern nach der Babypause in den Arbeitsmarkt gefördert werden konnte.

Im Norden ist der in Essen in einer „Bergmann-Dynastie“ geborene Thönnes mehr als das halbe Leben verankert. Er war viele Jahre Bezirkssekretär und Geschäftsführer seiner Gewerkschaft in Hamburg.

Acht Jahre saß er im Stormarner Kreistag. Und 1999 wurde er zum SPD-Landeschef gewählt. Die Niederlage auf dem Parteitag im April 2003 ist längst überwunden. „Die Narbe aber bleibt.“ Die SPD hatte bei den Kommunalwahlen schlecht abgeschnitten. Der Landesvorsitzende bekam die Quittung dafür. Er fiel bei der Wiederwahl mit nur 47,5 Prozent glatt durch. Auf einen zweiten Anlauf verzichtete er danach.

Viel Kritik hat er als damaliger Staatssekretär unter Franz Müntefering auch wegen der Rentenreform, Stichwort Rente mit 67, einstecken müssen. „Dazu stehe ich. Wenn wir alle länger leben, darf die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters nicht tabu sein“, sagt er heute. Aber, so fügt der Ammersbeker hinzu, man hätte damals eng mit den Gewerkschaften gleichzeitig mehr für die Humanisierung der Arbeit und eine bessere Erwerbsminderungsrente tun sollen.

Beim Blick auf Rechtspopulisten, vom künftigen US-Präsidenten Donald Trump bis zur AfD in Deutschland, meint Thönnes: Es habe „schon immer die plumpen Vereinfacher gegeben“, die mit flotten Sprüchen den Menschen die Lösung aller Probleme vorgaukelten, in Wirklichkeit aber in die Irre führten. Diese Leute setzten auf die nationalistische Karte, wollten wieder Mauern errichten und hetzten gegen Minderheiten. „Wir Demokraten müssen heute überall aufpassen, dass die Demokratie nicht ausgehöhlt wird“, warnt Thönnes.

Er hat sich in den vergangenen Jahren ganz auf die Außenpolitik konzentriert, ist stellvertretender Sprecher seiner Fraktion für dieses Gebiet, leitet seit 15 Jahren die Deutsch-Nordische Parlamentariergruppe. Die Sorgen seiner Freunde im Baltikum kann er angesichts des russischen Verhaltens in der Ost-Ukraine teilweise verstehen. Doch dürfe es nicht zu einem Säbelrasseln und neuen Wettrüsten auf beiden Seiten im Ostseeraum kommen, meint der Außenpolitiker, der seit 20 Jahren Mitglied der Ostseeparlamentarierkonferenz ist. Dagegen helfe, miteinander über gemeinsame Sicherheit zu reden sowie Kompromissfähigkeit und Vertrauen zu schaffen.

Nach 23 Jahren im Bundestag will Thönnes nun nicht wieder kandidieren. Er bleibt jedoch ehrenamtlich politisch aktiv sowie als Hobby-Rezitator des bekannten Polit-Literaten und Satirikers Kurt Tucholsky. Und er hat dann endlich mehr Zeit für gemeinsame Unternehmungen mit Ehefrau Rita. Auch wird der Ostseeliebhaber gebraucht als Smut in der Kombüse der „Ebba Aaen“, einem 85-jährigen dänischen Traditionssegler, mit dem er mit Freunden gerne in See sticht.

Reinhard Zweigler

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