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Stormarn Studierende forschen mit Oldesloer Reet-Hackschnitzeln
Lokales Stormarn Studierende forschen mit Oldesloer Reet-Hackschnitzeln
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18:10 26.06.2018
Leitet das vielversprechende Projekt: Professor Heiner Lippe.
Leitet das vielversprechende Projekt: Professor Heiner Lippe.
Bad Oldesloe

Die Materialien lassen sich problemlos für spezielle Leichtlehm-Dämmungen verarbeiten.

Die Stimmung auf der Baustelle ist trotz der Temperaturen total entspannt. „Das Material lässt sich superleicht herstellen. Und es ist sehr nachhaltig“, sagt Ali Al-Saadi (24). Der Architekturstudent der Fachhochschule Lübeck hat mit seinem Kommilitonen Harun Topel (23) sieben Bütten zu je 30 Litern Leichtlehm angerührt: „Ein Drittel Lehm, zwei Drittel Reet.“ Genauer gesagt: Reet-Hackschnitzel.

Nach den Versuchen im Labor läuft jetzt der Praxistest: Architekturstudierende der Fachhochschule Lübeck arbeiten momentan auf einer Baustelle mit Lehm und Reet, die Stoffe dafür werden von der Oldesloer Firma Hiss Reet geliefert. Die Materialien lassen sich problemlos für spezielle Leichtlehm-Dämmungen verarbeiten

Sie gelten als neues Produkt des Oldesloer Schilfrohrhandels Hiss Reet. Die fünf bis zehn Millimeter großen Schilfabschnitte erleben in Lübeck ihren Praxistest. 45 angehende Architekten der Fachhochschule Lübeck unter der Leitung von Professors Heiner Lippe aus Lübeck arbeiten an diesem Projekt: Eine Herberge für Wandergesellen aus dem Handwerk – 1986 an der Willy-Brandt-Allee errichtet – wird neu aufgebaut. Fahrende Gesellen hatten die Idee dafür und animierten die Studierenden zu einer Projektwoche unter dem Motto „Leichtlehm“.

Leicht sollen die erneuerten Fichten- und Lärchenbalken des zweistöckigen Pavillonbaus im Rahmen des Projekts ausgefacht werden. „Wir probieren eine ganz neue Mischung. Traditionell werden Holzhackschnitzel in den Lehm getan. Wir verwenden Reet. Es dient dazu, das Rohgewicht des Lehms von 2000 Kilo pro Kubikmeter zu verringern, damit die Mischung gut dämmt“, erklärt Heiner Lippe. Sei zu viel Lehm darin, dämme das Material nicht. Es dürfe nur ein Hauch Lehm auf den Häckseln sein.

Im Gebäudeinneren nagelt das Team des Schilfrohrhandels geschnittene Reetmatten an die Balken und füllt sie von oben per Hand mit der Mischung. „Die Schilfmatten sind ein guter Halter für die natürliche und ressourcenschonende Dämmung und sehr gut zu verarbeiten“, betont Architekturstudent Manuel Horn (21). Professor Heiner Lippe plant an der Fachhochschule zusätzliche Testreihen, um die Reet-Hackschnitzel weiterzuentwickeln: „Es geht darum, das Mischungsverhältnis mit dem Lehm und die Bauphysik zu verbessern.“ Die ersten Projekttage hätten, so der Wissenschaftler, gezeigt: „Die Verarbeitung von Schilfhäckseln ist so einfach wie die von Holzhackschnitzeln.“ Auch für Laien stelle Leichtlehm keine Schwierigkeit dar. Heiner Lippe gilt international als Lehmbaukoryphäe, seit er eine zweijährige Ausbildung im französischen Grenoble abgeschlossen hat.

Einige Gefache – also die Räume zwischen den Holzbalken – sollen im Pavillonturm eine besondere Füllung erhalten: Fertigelemente aus Lehm und Reet-Hackschnitzeln. Das ist die Aufgabe von Kübra Sabanci (21). Die Lübecker Architekturstudentin füllt mit bloßen Händen die Holzformen mit der Mischung: „Die Formen haben wir auf der Baustelle aus mitteldichten Faserplatten zusammengeschraubt. Wir lassen den Inhalt etwa eine Woche trocknen, heben die fertigen Leichtlehmziegel dann heraus und bauen sie ein.“

Das Leichtlehmprojekt an der Lübecker Willy-Brandt-Allee soll der Vorbereitung auf internationale Vorhaben dienen. „Wir testen, ob wir die Fertiglehmziegel für den internationalen Hochschulwettbewerb Solar-Decathlon einsetzen“, erläutert Professor Lippe. Die Studierenden aus der Hansestadt bilden mit angehenden Architekten aus dem Senegal und aus Marokko eines von 20 internationalen Teams, die im September 2019 zwischen Casablanca und Marrakesch ein solarenergiebetriebenes Gebäude aus nachwachsenden Rohstoffen bauen und bewohnen werden. „Eventuell nehmen wir Reet aus Bad Oldesloe mit. Wir haben außerdem Partner im Senegal, die mit Schilf arbeiten. Möglich wäre es, mit dem Knowhow von Hiss und unserer Expertise Produkte zu entwickeln, die für den marokkanischen Markt interessant sein könnten.“ Fünf marokkanische Austauschstudierende waren bereits auf der Baustelle im Einsatz.

Der Wandergesellen-Pavillon kann besichtigt werden. Interessierte melden sich bei Heiner Lippe unter heiner.lippe@fh-luebeck.de.

Zum Schluss folgt ein Oberputz aus Kalk

Für die angehenden Architekten sind die Lübecker Baustelle und der Praxistext im Leichtlehmbau auch eine Inspiration. „Gern würde ich mir so ein Gartenhaus aus Leichtlehm bauen. Er ist recycelbar, schadstofffrei hergestellt. Ein regionales, kostengünstiges Material. Und wenn es mir nicht mehr gefällt, kann ich es mit Wasser auflösen und neu verwenden“, sagt Christin Luther. „Es ist nachhaltig und klasse, regt zu eigenen Entwürfen für Gartenhäuser an“, so Leon Elsner (20). „Ich arbeite gern mit nachhaltigen Rohstoffen. Reet wäre auch was für die Innendämmung eines Daches“, erklärt Inga Michelau (21). Weil der Leichtlehmbau problemlos „mit Wasser abreißbar“ ist, muss der Pavillon gut trocknen. Als letzter Arbeitsschritt folgt ein Oberputz aus Kalk, der das Haus wetterfest macht.

mt