Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Stormarn Falsche Polizisten erbeuten 40 000 Euro
Lokales Stormarn Falsche Polizisten erbeuten 40 000 Euro
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 08.04.2019
Bei Anruf Abzocke: Die Betrüger sind im Gespräch sehr raffiniert. Zudem erscheint im Display der Angerufenen oft eine tatsächliche Behördennummer. Quelle: dpa
Bad Oldesloe

Es fing an mit einem Anruf einer Frau, die sich als Schwiegertochter der alten Dame ausgab. Sie gab an, etwas verschnupft zu sein; daher klinge ihre Stimme etwas anders. Sie brauche ganz dringend 8000 Euro. Die 70-Jährige hörte sich alles an, schöpfte jedoch bereits Verdacht. Nach dem Telefonat rief sie umgehend ihre echte Schwiegertochter an, und die Bitte um Geld stellte sich schnell als Betrugsversuch heraus.

„Danach war die alte Dame erleichtert und auch ein bisschen stolz, den Enkeltrick-Betrügern nicht aufgesessen zu sein“, berichtet Rita Funke aus Reinbek, Vorsitzende des Kreisverbandes Stormarn des Weißen Rings. Die Opferhilfe-Organisation kümmert sich immer noch um die Frau, denn was diese danach erleben sollte, war um ein Vielfaches schlimmer als dieser kleine Schock.

Zweiter Anruf nach wenigen Tagen

Nur wenige Tage nach dem Vorfall meldete sich ein Oberkommissar Bach bei der Rentnerin, die gerade erst in eine neue Seniorenwohnanlage gezogen war. Er gab an, dass die Polizei eine Bande von Trickbetrügern geschnappt habe. „Möglicherweise waren es die gleichen Täter“, sagt Rita Funke. Aber sicher ist es nicht, denn ermittelt wurden sie bislang nicht.

Der vermeintliche Oberkommissar berichtete der Frau, dass die Bande mit betrügerischen Angestellten ihrer Bank zusammenarbeite. Zum einen sei daher ihr gespartes Geld nicht sicher; zum anderen könne sie helfen, die Mitarbeiter zu überführen. Also schickte Oberkommissar Bach die 70-Jährige los, 40 000 Euro von ihrem Konto abzuheben, mit niemandem darüber zu sprechen und schließlich das Geld einem Polizisten zu übergeben. Das Geld stammte aus einem Hausverkauf und war so etwas wie der Notgroschen fürs Alter.

Die Seniorin tat wie ihr geheißen, bat vor Ort bei ihrer Bank um die fünfstellige Summe und verriet – auch auf mehrfache Nachfrage der Mitarbeiter – nichts über die Hintergründe ihres Vorhabens. Den Bank-Angestellten kam die Sache zwar auch spanisch vor, wurden jedoch nicht aktiv. „Sie können ja auch nicht jedes Mal die Polizei anrufen, wenn jemand eine größere Summe Bargeld abhebt“, sagt Rita Funke.

40 000 Euro in der Tasche

Mit den 40 000 Euro in der Tasche machte sich die Frau dann auf den Heimweg. Unterwegs wurde sie auf ihrem Handy angerufen, und der vermeintliche Oberkommissar vereinbarte mit ihr die Übergabe. Sie traf sich schließlich mit einem angeblichen Polizisten und übergab ihm das Geld. „Die Betrüger sind sehr geschult und spionieren systematisch Schwachstellen aus“, erklärt Rolf Meyer aus Bargteheide, Mitarbeiter des Weißen Rings und ehemaliger Leiter der Polizeistation Ahrensburg.

Heraus kam die Geschichte am nächsten Tag, als die Frau bei ihrer Hausärztin war und sie sich offenbar merkwürdig verhielt. Schließlich offenbarte sich die 70-Jährige, und die Ärztin rief umgehend die Polizei und die Familie an.

Mehr Fälle registriert

Das Team des Weißen Rings in Stormarn besteht aus zehn Männern und Frauen. Im Jahr 2018 hat die Außenstelle Stormarn insgesamt 99 Opfer-Fälle begleitet, wobei 68-mal Frauen die Hilfesuchenden waren. „Tendenziell werden es immer mehr Fälle“, sagt die Kreisvorsitzende Rita Funke.

Das Spektrum erlittener Gewalt, von Verlusten und Verletzungen ist vielfältig: Körperverletzung und häusliche Gewalt waren mit 21 Fällen die häufigsten, gefolgt von Sexualdelikten (16), Bedrohungen (14), Diebstahl und Einbruch (zusammen auch 14), Raub und Betrug (11), Stalking (6).

Als finanzielle Hilfen sind insgesamt 2667 Euro unmittelbar ausgezahlt worden. Zusätzlich wurden in 34 Fällen Schecks mit einem Verrechnungswert von je 190 Euro für die individuelle Erstberatung durch einen Rechtsanwalt oder Therapeuten ausgegeben.

„Abzocke? Nicht mit mir!“ Unter diesem Titel lädt der Weiße Ring zu einer Veranstaltung zu den Themen Enkeltrick, falsche Polizisten und Telefonbetrug. Es gibt Vorträge von Polizei, Sparkasse und Weißem Ring. Beginn ist am 23. April im katholischen Gemeindezentrum, Niels-Stensen-Weg 3, in Reinbek um 18.30 Uhr.

Die Angehörigen reagieren laut Rita Funke in vielen Fällen häufig überhaupt nicht verständnisvoll, sondern sogar mit Vorwürfen. „Wie kann man nur so blöd sein“ sei so ein Satz, der dann hin und wieder falle. Manchmal vertrauen sich betroffene Personen aber auch niemandem an – aus Scham. Zum finanziellen Verlust, der manchmal die Altersvorsorge war, kommt laut Weißem Ring oft ein langes psychisches Leiden.

Beratungsschecks für die Opfer

„Da helfen persönliche Gespräche, um aus dieser Scham herauszukommen“, erklärt Rita Funke. Der Weiße Ring vermittelt dafür Therapeuten oder auch Rechtsanwälte, gibt sogenannte Beratungsschecks aus. „Im Extremfall haben die Betroffenen überhaupt kein Vertrauen mehr in die Behörden“, sagt Rolf Meyer.

In großen Notlagen hilft die Organisation in Ausnahmefällen auch finanziell. Der Weiße Ring finanziert sich selbst ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden.

Markus Carstens

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Stadt hat Plastikmüll den Kampf angesagt. Linda Witte von den Grünen hatte die Idee, plastikfreies Einkaufen zu ermöglichen. Auf dem Wochenmarkt hat sie ihr Projekt jetzt umgesetzt. Das Veterinäramt hat den Verkauf freigegeben.

08.04.2019

In der Nacht zu Sonntag ist im Kreis Stormarn eine Scheune niedergebrannt. Aus einem nahegelegenen Stall wurden mehrere Kühe gerettet.

07.04.2019

Als Frauchen ins Pflegeheim musste, stand der Kartäuserkater plötzlich ganz allein da. Für ihn wird jetzt ein ruhiges Zuhause gesucht, wo er seinen Lebensabend verbringen kann.

06.04.2019