Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Stormarn Von der Müllkippe zur Verbrennung in Stapelfeld
Lokales Stormarn Von der Müllkippe zur Verbrennung in Stapelfeld
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:43 09.08.2019
Müllverbrennungsanlage Stapelfeld. Quelle: Manfred Giese
Stapelfeld

Mehr als 160 Lastwagen mit Müll fahren Tag für Tag die Müllverbrennungsanlage Stapelfeld an. Aus dem, was Menschen und Betriebe wegwerfen, wird dort Strom und Wärme produziert – und vor allem das Volumen des Abfalls reduziert und damit Deponiefläche eingespart. Doch das war nicht immer so. Müllverbrennung gibt es erst seit gut 100 Jahren. Und die Anlage feiert gerade ihren erst 40. Geburtstag.

In den Jahrzehnten zuvor wurde der Hamburger Hausmüll auf die Deponie gefahren – vor allem nach Schönberg. Was für die DDR ein lukratives Devisenbeschaffungsgeschäft war, sorgte in Hamburg zunehmend für Angst vor einer Abhängigkeit und Diskussionen über den Umgang mit dem Müll. Und so fiel Ende der 60er Jahre schließlich die Entscheidung, zwei Verbrennungsanlagen zu bauen. Die eine entstand 1973 im Stellinger Moor unweit des Volksparkstadions, die andere einige Jahre später vor den Toren der Stadt in Stapelfeld.

Rüdiger Siechau Quelle: Holger Marohn

„Es geht beim Müll immer auch um die Reduzierung des Volumens“, sagt Dr.-Ing. Rüdiger Siechau, Professor für Verfahrenstechnik an der TU Hamburg und Sprecher der Geschäftsführer der Stadtreinigung Hamburg. Eine Erkenntnis, die sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts durchsetzte. Vor fast 125 Jahren entstand in Hamburg am Bullerdeich die erste Müllverbrennungsanlage auf dem europäischen Festland. Noch heute hat die Hamburger Stadtreinigung dort ihren Sitz. Schon damals wurden dort etwa 45 000 Tonnen Müll pro Jahr verbrannt. Zum Vergleich: Heute sind es allein in Stapelfeld 350 000 Tonnen pro Jahr.

Doch während Abgasreinigung lange ein Fremdwort war und es vielerorts Proteste gegen die stinkenden Schlote gab, kam schon früh die Erkenntnis auf, dass man mit der Verbrennung auch Strom erzeugen konnte. Dieser sei unter anderem dann genutzt worden, um die Batterien der elektrisch betriebenen Müllsammelkarren aufzuladen, sagt Siechau.

Links

Weitere Artikel zum Thema gibt es hier:

Sünden der Vergangenheit kommen hoch

Chinesen planen Neubau der MVA Stapelfeld

Sensationeller Fund im Gründerviertel

Das Einsammeln von Müll mit Karren hat seinen Ursprung in Hamburg im 17. Jahrhundert. Damals wurden in den Städten Müll und Fäkalien einfach aus dem Fenster auf die Straße gekippt. Doch der stinkende Müll wurde zum einen Ausgangspunkt für Seuchen und zum anderen zunehmend auch zu einem Imageproblem. Kolonnen von Sträflingen mussten den Dreck vor die Stadt in die umliegenden Dörfer karren, Bauern nutzten dort die Mischung als Dünger.

Dazu schreibt die Interessengemeinschaft der thermischen Abfallbehandlungsanlagen Deutschland (ITAD): „Diese Art der Abfallentsorgung etablierte sich neben der einfachen Ablagerung auf Müllkippen als Standardmethode bis weit in das Industriezeitalter hinein. Je größer aber die Städte mit der Zeit wurden, desto schwieriger war es, den Müll in der Nähe unterzubringen.

Die Geruchsbelästigung und der Verdacht, dass diese Art der Entsorgung der Hygiene und eventuell der Gesundheit nicht zuträglich sein könnte, gaben Anlass, nach anderen und vor allem nach industriellen Behandlungsmöglichkeiten zu suchen.“

Verbrennen – die Alternative zur Müllkippe

Das war die Geburtsstunde der ersten Müllverbrennungsanlagen als Alternative zur Müllkippe. Allerdings wurden diese vor allem im städtischen Bereich genutzt – parallel zur Verwendung zum Trockenlegen von Sumpfgebieten oder zum Auffüllen ausgebeuteter Tongruben. Auf den Dörfern wurde der Müll weiter noch lange oft im nächstbesten Moor oder in einer Kuhle versenkt.

Verboten wurde die Entsorgung von nicht verwertetem Müll auf Deponien erst 1993 mit Einführung der Technische Anleitung zur Verwertung, Behandlung und sonstigen Entsorgung von Siedlungsabfällen TASI. Allerdings galt wie so oft eine Übergangsfrist, in diesem Fall von zwölf Jahren, also bis 2005. „Zum Zeitpunkt des Auslaufens der Frist hatten wir in Deutschland noch etwa 50 000 sogenannte Bürgermeisterkippen“, erinnert Experte Siechau.

Mit Einführung der TASI rückte aber auch die Mülltrennung immer mehr ins Bewusstsein. So wurde in den 90er Jahren mit der Verpackungsverordnung nicht nur das Duale System mit dem Gelben Sack als privatwirtschaftlich betriebenen System zur Sammlung von Verpackungen eingeführt, sondern verbreitete sich auch die Biotonne immer weiter. Das Ziel: Die Restmüllmengen reduzieren. Durch den Entzug der nassen organischen Abfallfraktion stieg der Brennwert des trocken Restabfalls für die Erzeugung von Strom und Wärme. So war die Anlage Stapelfeld beim Bau für einen Heizwert des Abfalls von etwa sechs Megajoule ausgelegt worden. Heute rechnen die Betreiber mit einem Wert je nach Herkunft von 9,8 bis 11,2 Megajoule.

Während hierzulande der Müll aufgrund des Trennens und des damit verbundenen hohen Energiegehaltes von alleine brennt, stehen andere Länder bei dem Bau von Müllheizkraftwerken vor einem Problem. So kann in China oder Indien der Hausmüll aufgrund des hohen Anteils biologischer Stoffe nur unter Zugabe teils hoher Mengen von Kohle oder Öl verbrannt werden.

Strom und Wärme für Zehntausende

Zunächst stand im Großraum Hamburg bei der Müllverbrennung allerdings nur die Stromerzeugung im Fokus. „Wenn ich Fernwärme erzeuge, brauche ich dafür auch immer Abnehmer“, sagt Siechau. Und davon habe es aufgrund der damals in den Wohnungen noch weit verbreiteten Kohleöfen einfach zu wenige gegeben. Erst in den 80er Jahren änderte sich das und Stapelfeld wurde entsprechend umgebaut. Heute versorgt das Müllheizkraftwerk bis zu 50 000 Haushalte mit Fernwärme.

Hinzu kommen 80 000 Megawattstunden Strom pro Jahr. Mit dem geplanten Neubau des Müllheizkraftwerkes soll ab 2022 etwa doppelt so viel Strom und rund dreiviertel mehr Fernwärme erzeugt werden. Das ist auch ein wichtiger Beitrag für die von der Stadt Hamburg beschlossene kohlefreie Fernwärmeversorgung der Stadt. Um die entstehende Lücke zu schließen, soll künftig rund die Hälfte der Fernwärme der Stadt aus Abfall gewonnen werden, heißt es. Andere Optionen gibt es noch nicht.

Trotz der seit inzwischen fast 15 Jahren vorgeschriebenen Verwertung der Siedlungsabfälle werden die einstigen Hausmülldeponien künftige Generationen noch lange beschäftigen. Die Aufzeichnungen über sie füllen die Altlastenkataster der Umweltbehörden der Kreise. Und wo immer bei einem Bauvorhaben eine Mülldeponie auch nur in einem kleinen Teil berührt wird, muss sie entsorgt oder saniert werden.

Eine Tatsache, die auch beim Raumordnungsverfahren für die Hinterlandanbindung in Oldenburg für Diskussionen sorgte. Jahrzehntelang wurde dort der Müll der Stadt nahe des Oldenburger Bruchs in einer riesigen Kuhle versenkt. Und auch wenn damals noch viele Wertstoffe auf den Deponien landeten, rechnet sich die Auflösung in Verbindung mit dem Schürfen nach Rohstoffen – dem sogenannten Mining – wirtschaftlich noch nicht.

Mittelalterliche Kloaken als Fundgrube für Forscher

Während heute die Deponierung von Müll verboten ist, sind die Sünden der Vergangenheit für Forscher manchmal ein Glücksfall. So wanderte schon im Mittelalter alles, was nicht mehr gebraucht wurde, häufig in die Kloake – aus dem Blick aus dem Sinn. Heute gelten diese Kloaken als wahre Fundgruben, wenn es um das Leben früher geht. So wie bei der Neubebauung des Lübecker Gründerviertels. Die Funde aus der Zeit von vor 800 Jahren könnten inzwischen ein ganzes eigenes Museum füllen.

In Stapelfeld erinnert der Betreiber EEW heute erst einmal an die 40 Jahre Müllverwertung auf der Anlage mit einem Tag der offenen Tür.

Von Holger Marohn

Was verdient mein Nachbar? Wofür gibt es sein Geld aus? Das Kreisarchiv Stormarn digitalisiert gerade Kontounterlagen der Sparkasse von vor 200 Jahren.

09.08.2019

Zwei Insassen eines VW Busses sind am Freitagnachmittag bei einem Unfall auf der A 1 verletzte worden. Der mutmaßliche Unfallverursacher ist flüchtig.

09.08.2019

Gefahr in Verzug: Am Wanderweg um den Reinfelder Herrenteich sind einige Bäume vertrocknet und drohen umzustürzen. Der Bauhof fällt diese in der kommenden Woche.

09.08.2019