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Stormarn Widerstand gegen neues Baugebiet im Südwesten
Lokales Stormarn Widerstand gegen neues Baugebiet im Südwesten
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21:46 19.07.2018
Noch werden die Flächen an der Straße Dröhnhorst landwirtschaftlich genutzt. Thorsten Bartholl (v. r.) zeigt Ulrike Liese und Ina Lochte das Gebiet, das bebaut werden sollen. Sie gehören zur Initiative Pro Reinfeld, im Hintergrund die Häuser an Hamburger Straße und Klosterberg.
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Reinfeld

„Uns geht es um den Erhalt der Flora und Fauna in dem Gebiet“, erklären die drei Sprecher der Initiative Pro Reinfeld, Thorsten Bartholl, Ulrike Liese und Ina Lochte. Die Stadt zerstöre ein echtes Kleinod, das viele Reinfelder zur Naherholung nutzten. Die drei wohnen zwar alle in unmittelbarer Umgebung, ihnen gehe es jedoch vor allem um den Erhalt der idyllischen Natur. Die mittlerweile 35 Mitgliedern kämen aus dem gesamten Stadtgebiet.

In Reinfeld regt sich Widerstand gegen Bebauungspläne der Stadt. Nach Vorstellung von Verwaltung und Politik soll im Südwesten ein großes Neubaugebiet entstehen, um der Nachfrage nach Wohnraum gerecht zu werden. Dagegen formiert sich jetzt eine Bürgerinitiative.

Derzeit werden die Flächen zwischen Messingschläger Teich und der Bundesstraße 75 noch landwirtschaftlich genutzt. Da der Besitzer jedoch keinen Nachfolger für seinen Hof hat, will er die rund 45 Hektar – etwa die Hälfte davon soll bebaut werden – verkaufen.

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Die Stadt Reinfeld hat schon großes Interesse signalisiert und will bereits 2019 mit den Planungen starten. Der Ausschuss für Stadtentwicklung hat dafür im Mai fast einstimmig beschlossen, den Flächennutzungsplan sowie den Landschaftsplan zu ändern. Das potenzielle Neubaugebiet soll danach in zwei Areale aufgeteilt werden, eines am Messingschläger Teich und das zweite an der Hamburger Chaussee (B 75). Getrennt werden die Flächen durch die Bahnlinie HamburgLübeck. Entlang der Strecke sind Ausgleichsflächen geplant (siehe Grafik).

Ende des Wachstums?

„Wir wollen nicht alles zubetonieren. Aber es geht um die grundsätzliche Frage, ob Reinfeld weiter wachsen will oder nicht“, sagt dazu Bürgermeister Heiko Gerstmann (SPD). Die Flächen im Südwesten der Stadt seien die einzigen, die ökologisch einigermaßen vertretbar seien. Dass dort ausschließlich Einfamilienhäuser entstehen sollen – wie von der Bürgerinitiative auf deren Homepage beschrieben – verweist Gerstmann ins Reich der Fabel: „Es geht auch um Geschosswohnungsbau und Sozialwohnungen.“

Hintergrund ist ein Gutachten des Kreises Stormarn, nach dem bis 2030 in Reinfeld etwa 380 bis 540 Wohnungen fehlten. „Es gibt einen hohen Wohndruck, die Preise im Hamburger Rand sind stark angestiegen“, erklärt Heiko Gerstmann. Deshalb registriere er großes Interesse von potenziellen Neubürgern. „Es gibt immer wieder Anfragen“, so der Bürgermeister. Die Stadt hat mittlerweile mehr als 9000 Einwohner.

Die neue Bürgerinitiative Pro Reinfeld möchte dagegen das Kleinod erhalten und zudem verhindern, dass „unser kleines Städtchen unter noch mehr Verkehr leiden muss“, wie Ulrike Liese sagt. Denn die Infrastruktur sei schon jetzt überfordert, viele Straßen kaputt und überdies häufig verstopft. Falls es zu einer Bebauung kommt, fürchtet die Bürgerinitiative zudem zusätzlichen Schwerlastverkehr durch eine mögliche neue Umgehungsstraße.

Vielfältige Natur

Lieses Mitstreiter Thorsten Bartholl glaubt auch, dass die betroffenen Flächen gar nicht geeignet seien für Wohnungsbau. „Schon jetzt ist das Gebiet häufig überflutet.“ Die Initiative plädiert daher für eine Kosten-Nutzen-Analyse.

Pro Reinfeld macht sich Sorgen um die vielfältige Natur vor allem nördlich der Bahnlinie. Ulrike Liese zählt auf: „In dem geplanten Baugebiet brüten Stare, Feldlerchen, Eulen, Feldsperlinge, Rotmilane und sogar der Seeadler. Hier leben Rehe, Feldhasen, Fasane, Graureiher, Schwäne und Enten.“ Außerdem sei das Areal ein Flugkorridor für Fledermäuse. Deshalb hat sich die Bürgerinitiative auch schon an den Nabu und den BUND gewandt.

Für das Gebiet südlich der Bahnlinie an der B 75 sieht die Initiative die Gefahr von Überschwemmungen durch eine weitere Versiegelung der Flächen. „Schon jetzt haben die Menschen, die dort leben, bei starken Regengüssen Probleme“, berichtet Ina Lochte. „Die dortigen Hausbesitzer am unteren Kalkgraben fürchten jedes Jahr das Ansteigen der Mühlenau.“

Unterschriften sammeln

Pro Reinfeld will nun Unterschriften sammeln für den Erhalt des Naturidylls und diese dann den Stadtpolitikern übergeben. Auch über anderen Aktionen denkt die Initiative nach wie zum Beispiel einen organisierten Spaziergang durch das Gebiet.

Beide Seiten beklagen bislang die mangelnde Gesprächsbereitschaft des jeweils anderen. Das wollen beide Parteien nun ändern. Bürgermeister Heiko Gerstmann plant zudem eine Einwohnerversammlung, bevor die Stadtpolitiker weitere Entscheidungen treffen.

Internet: pro-reinfeld.de, reinfeld.de

Von Markus Carstens