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Stormarn Wie wird die Kirche zukunftsfit?
Lokales Stormarn Wie wird die Kirche zukunftsfit?
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20:10 29.03.2018
Quelle: dpa
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Siek

„Wie kann pastorale Arbeit in Zukunft aussehen?“, ist die Frage, mit der sich die Pastoren im Ausschuss beschäftigen. „Jetzt haben wir sechs Pastorenstellen für vier Gemeinden, 2030 werden es nur noch drei Stellen für vier Gemeinden sein“, erklärt Christian Schack. Zwar habe die Nordkirche eine Stelle zur Nachwuchsgewinnung eingerichtet, aber auch die Strukturen müssten sich ändern.

 

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Pastor Christian Schack aus Siek hat einen Arbeitskreis mitinitiiert, der über neue Formen der Pastorenarbeit nachdenkt. FOTOS (2): BETTINA ALBROD
Pastor Steffen Paar aus Sülfeld wurde von einer Stiftung für sein Projekt „Pastor to go“ ausgezeichnet.
„Kirche stellt die richtigen Fragen.“Matthias Liberman Pastor

In Siek setzt der Pastor auf Jugendarbeit. „In der Konfirmandenarbeit machen 14 Jugendliche mit“, erklärt Schack. „Sie gestalten den Unterricht und die Gottesdienste mit und werden durch das eigenverantwortliche Arbeiten eng in die Kirchenaufgaben eingebunden.“ Gleichzeitig wird der Pastor frei für andere Aufgaben. Das gelingt auch, wenn Pastoren sich austauschen und andere Bereiche wie Seniorenarbeit oder Erzählcafé verstärkt an das Ehrenamt abgeben. „Es gibt viele Menschen, die dort bereits mit guten Ideen mitmachen.“

Gottesdienst im Wandel

 Schließlich werde man auch dazu kommen, Personal einzustellen, das sich um die nicht theologischen Aufgaben kümmert. „Ein Pastor hat viel Verwaltungsarbeit zu leisten, beispielsweise bei den Kirchengrundstücken oder als Träger der Kita.“ Hier könnten in Zukunft mehrere Gemeinden gemeinsam einen Gemeindemanager anstellen, der als Betriebswirt oder Jurist auch über mehr Fachwissen verfügt. „Pastoren müssen das Kirchturmdenken aufgeben“, so Schack, sie bekämen dann mehr Freiraum für die inhaltliche Arbeit. Denn auch der Gottesdienst müsse sich wandeln. Ein bis zwei Prozent der Gemeindeglieder besuchten regelmäßig die Gottesdienste, aber wie erreicht man den Rest? „Wir brauchen eine Beteiligungskirche“, ist der Theologe überzeugt, dafür seien andere Formen von Gottesdienst denkbar, um Menschen mitzunehmen. „Der Himmelfahrts-Gottesdienst auf dem Hof in Lütjensee ist immer voll“, hat Schack die Erfahrung gemacht. „Wir brauchen Ideen, um Kirche zu beleben.“ Literatur-, Film- oder Theatergottesdienste sind schon ein Schritt in die neue Richtung. Moderne Lieder, kürzere Predigten und die Teilhabe der Besucher sollen mehr Gewicht bekommen. „Wir müssen Formen finden, wie Menschen sich einbringen können.“ Auch andere Gottesdienstzeiten kämen in Betracht. „Der Sonntags-Gottesdienst ist oft eine Konkurrenz zur Familienzeit, es könnte schon helfen, ihn nachmittags anzubieten. Man kann heute verändern oder morgen reagieren“, so Schack. „Dann lieber aktiv mitgestalten.“

Umbruch als Chance

„Wir wollen die Umbruchsituation als Chance begreifen“, erklärt auch Pastor Matthias Liberman, Ansprechpartner der U45-Gruppe des Kirchenkreises Hamburg-Ost, die neue Wege der Arbeit im kirchlichen Dienst untersucht hat. „Eine unserer Fragen war: Ist das Kirche oder kann das weg?“ Wie könne man Menschen für unterschiedliche Berufsfelder, vielleicht sogar neue, die erst entstehen, begeistern?

Was ist Ballast, was sind wichtige Traditionen? Wo entsteht Neues, wenn man ausmistet? Diese Fragen stehen am Anfang eines Umgestaltungs-Prozesses, den die Kirche anschieben will. „Wir müssen uns Dinge überlegen, dass Menschen staunen: Ach, das ist Kirche? Ist ja toll!“, sagt Liberman. „Eine moderne Kirche gibt keine vorschnellen Antworten – aber sie stellt die richtigen Fragen.“

Mittlerweile, so Liberman, gebe es viele Gottesdienstformate, die unterschiedliche Menschen ansprächen. „Was wäre denn, wenn es einmal im Jahr im Sprengel Hamburg Lübeck nur einen einzigen Gottesdienst gäbe? Im Michel. In den Messehallen Hamburg. Am Strand von Travemünde. Und da kommen tausende Leute hin, die Medien berichten. Das wäre doch ein tolles, öffentliches Signal.“

Kirche sollte in den modernen Medien präsent sein, weil sie damit Menschen erreicht. „Wir haben eine Botschaft, die wir gern und laut weitersagen: Hier ist jede und jeder willkommen.“ Liberman: „Wir sehen uns nicht als ,Kirchenretter’, sondern als die, die mit anderen den Traum von Kirche neu träumen und Wirklichkeit werden lassen wollen.“

Pastor to go

Steffen Paar, Pastor in Sülfeld, geht schon neue Wege: „Kirche ist für mich sowohl der umbaute als auch der gedachte Raum, in dem Begegnung geschieht“, sagt er. „Begegnung zwischen Menschen und Begegnung mit Gott.“ Er trägt die Kirche auch ins Dorf und wählt ungewohnte Andachtsräume wie einen Lebensmittel-Markt oder den Sportplatz. „Das macht deutlich, dass Begegnung mit Gott keine Sache ausschließlich von Kirchengebäuden ist. Ich wirke dabei als spiritueller Reiseleiter. Im Gepäck habe ich meinen Glauben, mein Verständnis der Bibel und den Schatz christlicher Rituale.“

Die Aktion „Pastor to go“, bei der er beispielsweise als Müllmann mitarbeitet, ziele darauf, ihn stärker als Lebensbegleiter bekannt zu machen. „Ich habe Menschen dadurch neu oder näher kennen gelernt und es wurden Beziehungen geknüpft, die auch für Kirche und Glauben grundlegend sind.“

 Bettina Albrod