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14:00 28.02.2021

Ein Jahr Corona in Lübeck: Geschichten aus der Stadt

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Christa Franke (79), Rentnerin: ​Ich habe Respekt vor diesem Virus, ich möchte das nicht haben. Ich wohne allein. Mein Nachbar ist der einzige Kontakt, den ich jetzt habe, das ist der liebste Mensch auf Gottes Erdboden. Er hat mich im Krankenhaus besucht, als ich operiert wurde, und dann in der Reha. Er hat eine Thermoskanne voll Kaffee gekocht, und dann haben wir uns zusammen auf eine Parkbank gesetzt. Vor Corona habe ich mich jeden Monat mit meinen Schulfreundinnen getroffen. Wir haben 1957 auf der Brockes-Schule den Abschluss gemacht und treffen uns seit 1977. Seit 1995 sind wir jedes Jahr zusammen verreist. Seit einem Jahr haben wir uns nicht mehr gesehen, nur einmal im Sommer zum Kaffeetrinken, da hatten wir einen großen Raum. Ich glaube, wenn das noch ein Jahr so weitergeht, dann geht vieles den Bach runter. Aber ich will mich nicht beklagen. Ich hoffe nur, dass wir alle Corona in den Griff kriegen..

Quelle: Lutz Roessler

Martin Willkomm (60), Chefarzt des Krankenhauses Rotes Kreuz. Unser Krankenhaus ist spezialisiert auf alte Menschen. Covid ist ein gefährlicher Keim. Was uns am meisten beschäftigt, sind die großen Lungenentzündungen, die das Virus selbst auslöst. Einen hundertprozentigen Schutz bekommen Sie nur, indem Sie jemanden komplett in Gummi einwickeln, aber dann können Sie nicht am Patienten arbeiten. Ich habe keine Angst. Ich hätte ja auch Fernsehtechniker werden können, aber wenn Sie Arzt werden, haben Sie eben das Risiko, sich zu infizieren. Ich bin 60 Jahre, und ich bin Geriater. Ich finde es nicht schlimm, dass man irgendwann stirbt. Ein größeres Problem ist für mich, dass ich meine Mitarbeiter der Gefahr aussetzen musste. Jetzt sind 80 Prozent bei uns geimpft, wir haben eine Herdenimmunität. Bei den Patienten ist mehr die Isolation das Problem als die Angst. Wir haben ein Besuchsverbot, und das wird noch einige Wochen bleiben. Wir Ärzte und Pflegekräfte lernen von diesem Virus, dass es sich lohnt, Hygienemaßnahmen anzupassen. Wir hatten dieses Jahr zum Beispiel einen drastischen Rückgang von Durchfallerkrankungen. Schon die einfache Mund-Nasen-Maske macht einen enormen Unterschied.

Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Maik Abshagen (54), Leiter der Baltic-Schule (Grund- und Gemeinschaftsschule): Am Abend, bevor im März die Schulen geschlossen wurden, haben wir die Baltic Art abgesagt, eine große Kulturveranstaltung in unserer Schule, die mit einem Wahnsinns-Aufwand in der Vorbereitung verbunden ist. Die Kollegen, die das vorbereitet haben, waren total erbost, das kann ich auch verstehen. Von da an mussten wir auf Sicht fahren. In der ersten Phase war niemand auf Digitalisierung eingestellt. Ich selber habe zum ersten Mal ein Lernvideo gemacht. Da habe ich gemerkt, wie schwer das ist, wie man vor der Kamera ins Stottern gerät. Aber ich werde Lernvideos auch nach Corona verwenden. Besonders beim Einstieg in ein neues Thema haben sie einen großen Vorteil: Man kann sie zurückspulen und noch mal ansehen. Trotzdem: Für die Schüler ist das alles eine Katastrophe. Das beste Lernvideo kann den Unterricht nicht ersetzen. Und wie wollen Sie mit Grundschülern eine Videokonferenz machen? Es gibt ein Recht auf Bildung, das kann jetzt nicht ansatzweise erfüllt werden.

Quelle: privat / hfr
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