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Hanno Kabel Glosse: Müllüberwachung
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17:49 25.07.2011
Lübeck

Ich habe heute beim Recyclinghof St. Lorenz meinen Giftmüll abgeliefert. Der Mann, der ihn entgegennahm, zog sich dicke Schutzhandschuhe an, bevor ich ihm meine zwei Plastiktüten reichte. Dann notierte er sich meinen Namen und meine Adresse auf einem Formular. Das sei Vorschrift, sagte er, das verlange die Stadt.

Wenn ich unter Verfolgungswahn litte, dann würde ich mich jetzt fragen: Wozu will die Stadt wissen, welchen Müll ich wann abgebe? An wen gibt sie die Daten weiter? Was wissen die, an die sie die Daten weitergibt, noch alles über mich? Schon sehe ich die Szene vor mir: In einem fensterlosen Raum sitzen drei Männer an einem Tisch. Jeder hat einen Laptop vor sich.

Der erste Mann: "Kabel, Hanno, ID43861924, Tagesbericht 25. Juli 2011. 9.55 Uhr Abgabe von Sondermüll: 602 Milliliter Frittieröl, gebraucht."

Der zweite Mann: "Frittieröl? Interessant. Am 23. Juli hat er zwei Liter Speiseeis gekauft. Zwei Liter! Hat jemand auf seiner Facebook-Seite nachgesehen, ob er am Wochenende Besuch hatte? Hat er Kinder?"

Der dritte Mann: "Keine Anzeichen für Besuch. Kinder ID16947221 und ID40161611. Body-Mass-Index und allgemeiner Gesundheitszustand laut Vorsorgeuntersuchungen unauffällig."

Der zweite Mann: "Trotzdem. Wir sollten das im Auge behalten. Weisung an Entsorgungsbetriebe, Datenanforderung an Duales System: Regelmäßiger Hausmüllbericht. Durchschrift an die Ernährungsüberwachung! Gegebenenfalls Vorladung von ID43861924 zur präventiven Ernährungsberatung."

Sie orten mein Handy. Sie wissen, was ich wann mit meiner EC-Karte bezahlt habe. Sie wissen, wie viel Geld ich auf der Bank habe, sie kennen mein polizeiliches Führungszeugnis, sie lesen meine Facebook-Seite und selbstverständlich dieses Blog. Und jetzt überwachen sie auch noch meinen Müll.

Hanno Kabel