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TV-Vorschau Alternativen zur WM-Dauerbeschallung
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22:08 24.06.2018
Sieht zwar nicht so aus, aber es gibt auch ein TV-Programm ohne Fußball und WM.
Sieht zwar nicht so aus, aber es gibt auch ein TV-Programm ohne Fußball und WM. Quelle: dpa
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Lübeck

Über Tote, so besagt es der Volksmund, ohne dass er uns sagen würde, warum das bitteschön so ist, über Tote also soll man bitteschön nicht schlecht reden. Wie gut, dass Viva noch nicht tot ist, sondern seinen Tod nur fürs Ende des Jahres verkündet hat. Dann nämlich stellt die Konzern-Mutter Viacom, der schon MTV sein langanhaltendes Sterben zu verdanken hat, den Sendebetrieb des einstigen Musiksenders ein, der mit Musik mittlerweile noch weniger zu tun hat als die CSU mit Begriffen wie christlich, sozial, geschweige denn Union. Wenn Viva also am 31. Dezember letztmals sein bedeutsames Erbe von 1993 verachtet, als er die Bedürfnisse der Jugend hierzulande als erster Fernsehkanal überhaupt wirklich mal ernst nahm, gibt es schon lange nichts mehr zu betrauern.

Für Menschen, die ein paar Tage lang den Abschied der Trump-freundlichen Rassistin Roseanne Barr als Trump-freundliche Proletarierin Roseanne Conner beim Disney Channel betrauert haben, bietet ABC nach deren Absetzung schon vorher Ersatz an – ohne die Hauptdarstellerin, dafür aber mit mehr Verantwortungsbewusstsein, Ethos und Moral. Alles Attribute übrigens, von denen keine überwältigend große, aber überwältigend laute Schar Internet-Nutzer so wenig haben wie – ach, siehe CSU.

Gemeint sind all jene, die Claudia Neumann gerade dafür jedes WM-Spiel in den Shitstorm jagen, dass sie ihre Arbeit macht – nämlich Fußball-Spiele zu kommentieren. Das macht sie nicht herausragend gut, sie macht es aber auch keineswegs unterirdisch schlecht. Für viele Zuschauer indes, könnte sie auch permanent journalistische Weltklasse abliefern – ihr Testosteron-Überschuss würde die Frau im Männergeschäft dennoch zur Hölle wünschen. Als Strafe für so viel ignorante Boshaftigkeit gäbe es eigentlich nur eins: pro Hass-Post 24 Stunden zwangsweise Dauerbeschallung mit Béla Réthy am Mikro. Oder wahlweise die gleiche Zeit „GZSZ“ am Stück. Obwohl: wenn die RTL-Soap nun auch in Frankreich ausgestrahlt wird – vielleicht ist da ja doch was dran…

Trotzdem wollen wir sie aber auch in dieser Woche nicht als Alternativ-Angebot zur Dauerbeschallung mit der Weltmeisterschaftsfußball empfehlen. Um 20.15 gäbe es Montag den ARD-Thriller „Tödliche Geheimnisse“, der vor zwei Jahren ungeachtet seines bescheuerten Titels einen wirklich gelungenen Blick in die Verstrickungen von Medien und Wirtschaft warf. Tags drauf dann darf sich der lange Zeit schwer unterschätzte Mark Walberg im US-Drama „The Gambler“ von 2014 auf P7Maxx als Spielsüchtiger beweisen. Am Mittwoch bietet sich in dieser Rubrik abgesehen vom zweiten Teil der „Tödlichen Geheimnisse“ 25 Jahre nach den tödlichen Schüssen von Bad Kleinen ein langer Themenabend auf ZDFinfo zum Thema RAF an. Und Donnerstag zeigt Tele5 „Das Kabinett des Dr. Parnassus“, eine der unzähligen Kamikaze-Groteske des Monty Python Terry Gilliam von 2009.

Weil die Vorrunde damit vorbei ist, gibt es am Freitag auch keine Ersatzwiederholung der Woche. Stattdessen feiern wir die wenigen Neuveröffentlichungen der aktuellen Innovationsdürre: Heute startet Arte die fünfteilige Reportage-Reihe „Neuland“, in der sich Andreas Korn bis Freitag um jeweils 17.10 Uhr auf die Suche nach menschlicher Kreativität in Europas Provinz sucht. Den Anfang machen findige Waldschützer in Rumänien. Und das ist wirklich liebenswert. Morgen dann setzt die ARD ihr „FilmDebüt im Ersten“ mit der sensationellen Geschlechter- und Gesellschaftsstudie „Dinky Sinky“ fort, in der Katrin Röver als Mittdreißigerin mit verbissenem Kinderwunsch brilliert – allerdings zur deprimierend ignoranten Sendezeit um 1.25 Uhr.

Nur gut ein Stündchen früher wirft das ZDF am Mittwoch unterm Titel „Kampfbereit“ einen verstörenden Blick in Russlands Hooligan-Szene. Aber ganz ehrlich – bis auf die 2. und allem Anschein nach noch bessere zweite Staffel der Siebzigerjahre-Wrestlerinnen-Serie „Glow“ ab Freitag auf Netflix, gibt es echt nix Neues von Belang am Bildschirm. Weshalb am Ende auch der „Tatort“-Tipp steht: „Liebeswirren“, ein zehn Jahre alter, gewohnt sehenswerter Fall der 2008 auch schon nicht mehr blutjungen Ermittler Batic und Leitmayr, am Montag (22.15 Uhr) im RBB.

Von Jan Freitag