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Tatort-Blitzkritik Kriminalfall nach Schnittmuster
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21:45 27.01.2019
Eine Kritik von Michael Berger.
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Saarbrücken

Zunächst einmal: Man muss dem Erzkomödianten Devid Striesow attestieren, dass er seinen „Tatort“-Kommissar Stellbrink seit dessen Anfängen im Jahr 2013 ordentlich weiterentwickelt hat. Seine Zufallsgenerator-Methoden sind systematischen Ermittlungen gewichen, die Nachlässigkeit der Garderobe und das Understatement im Auftreten, das er sich offenbar von Peter Falks Inspektor Columbo abgeguckt hat, sind verschwunden. Die Zivilisierung der Figur ist dem Regisseur Zoltan Spirandelli zu verdanken, im „Tatort: Der Pakt“, der vierten Saarbrücker Folge von Spirandelli, darf Striesow aber noch die aparte Empfindsamkeit ausstrahlen, die Stellbrink von Anfang an auszeichnete.

Wenn der Kommissar am Ende des Films, nach dem Selbstmord eines jungen Flüchtlings, den er nicht verhindern konnte, weinend zusammenbricht, dann zeigt sich, was diesen korrekten Polizisten antreibt – Menschenliebe.

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Die prekäre Existenz vieler Flüchtlinge in Deutschland bildet nur den Rahmen dieser „Tatort“-Episode. Im Kern führt sie vor, nach welchem Schnittmuster die meisten Sonntagabend-Krimis verfertigt sind. Ein Mord bildet natürlich den Ausgangspunkt der Geschichte, diesmal den an einer koketten Schwesternschülerin während einer Party im Wohnheim. Die Ermittlungen ergeben eine überschaubare Anzahl von Verdächtigen, aus deren Reihe der Mörder oder die Mörderin letztlich identifiziert werden wird. Spirandelli und sein Drehbuchautor Michael Vershinin (für Gesellschaftsexperten: der Ex von Maybritt Illner) stellen vier zur Auswahl: den iranischen Arzt Sharifi, der mit dem Opfer kurz vor dessen Tod Geschlechtsverkehr hatte; den ägyptischen Kopten Kamal, der Flüchtlinge ohne Aufenthaltsstatus bei der Ausländerbehörde verpfeift; die an erotischer Unterversorgung leidende Ausbildungsschwester Kraft, die eifersüchtig auf die Schwesternschülerin war; letztlich auch noch den knorrigen Hausmeister Grabbe – man hat ja oft erlebt, dass bei solchen Nebenfiguren plötzlich ein hieb- und stichfestes Motiv um die Ecke kommt.

Dass völlig überraschend die Ärztin Bindra, die sich für kranke Flüchtlinge aufopfert, erstens als Hochstaplerin und zweitens als Mörderin enttarnt wird, entspricht ebenfalls der Standarddramaturgie des „Tatorts“: Bei einer zuvor als unbescholten gezeichnete Person tun sich verborgene Abgründe auf. In diesem Fall: kein Studienabschluss in Medizin, kein Doktortitel, eine hochneurotische Persönlichkeit. Und die Kommissare und ihre genialen Kriminaltechniker stehen nach der Demaskierung glänzend da. 

Dennoch: Devid Striesow zuzusehen, wie er auf seine ganz eigene, ja: eigensinnige Art mit den „Tatort“-Schablonen umgeht, macht großen Spaß. Wie bei seinem Vorbild Columbo weiß man nie genau, woran man  bei ihm ist. Schade, dass mit dieser Folge sein Kommissar Jens Stellbrink aus dem „Tatort“-Kosmos verschwindet. Und mit ihm das immer etwas im Hintergrund gebliebene Ermittler-Team aus Lisa Marx (Elisabeth Brück), Mia Emmerich (Sandra Maren Schneider),Horst Jordan (Hartmut Volle) und Nicole Dubois (Sandra Steinbach).

Nachbemerkung: Hat irgendjemand verstanden, warum diese Folge „Der Pakt“ heißt? Ich nicht.

Michael Berger

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