Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Tatort-Blitzkritik Und täglich grüßt LKA-Mann Murot
Mehr Blogs Tatort-Blitzkritik Und täglich grüßt LKA-Mann Murot
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
21:45 17.02.2019
Eine Kritik von Michael Berger. Quelle: hfr
Anzeige
Lübeck/Frankfurt

Das ist ganz schön mutig: einen deutschen Krimi an einem populären Hollywood-Film anzudocken. Auch noch an einen, in dem der großartige Bill Murray die Hauptrolle spielt. Diese Anbiederung geschieht ganz offen, bereits der Titel des „Tatorts“ aus Hessen verweist auf den Blockbuster „Und täglich grüßt das Murmeltier“ – er lautet „Murot und das Murmeltier“.

Der Kriminalbeamte Felix Murot fürchtet einmal mehr um seinen Verstand. Diesmal nicht wegen des Tumors, der dem Ermittler vom Landeskriminalamt Wiesbaden in den ersten Folgen das Gehirn zerfraß (Murot – Tumor, merken Sie was?). Er ist vielmehr – wie einst Murrays schnöseliger Reporter Connors – in einer Zeitschleife gefangen.

Anzeige

Was war da mit dem Ton los?
Hier gibt es die Aufklärung

Elf Versuche, den Banküberfall zu beenden, scheitern

Diese offensichtliche Analogie könnte leicht in Peinlichkeit enden, wäre da nicht der Hauptdarsteller Ulrich Tukur. Könnte man ihn als deutschen Billy Murray bezeichnen? Nein, Tukur ist ein weit ernsthafterer Mime als der Amerikaner, auch ist er jünger und künstlerisch vielfältiger, nämlich auch Schriftsteller und Musiker. Und wie er diesen Felix Murot darstellt, ist ein großes Vergnügen.

Elf Mal scheitert Murots Versuch, einen Banküberfall mit Geiselnahme zu beenden. Er denkt zunächst, das sei eine Routineangelegenheit, doch immer geht der Einsatz tödlich aus. Tot ist meist der Geiselnehmer oder seine Komplizin, tot ist immer auch Murot. Dietrich Brüggemann, der das Drehbuch geschrieben und auch Regie geführt hat, lässt seinen Protagonisten an etlichen Todesarten sterben, auch Unfälle sind dabei.

Murot in der Zeitschleife

Jedes Mal ist das Ende gewaltsam und trotzdem überraschend. Wenn Murot am Morgen wieder aufwacht, denselben Tag beginnt mit derselben Routine, dann erwächst die Spannung daraus, wie der Kriminalist seine Aufgabe diesmal angeht – einmal brutal, dann nachlässig, einmal zerknautscht, dann verrückt, einmal schlitzohrig, dann verzweifelt.

Brüggemann ist da sehr erfindungsreich, und wie Tukurs Figur das Irrewerden überwindet, indem sie sich der Zeitschleife stellt und allmählich eine philosophische Dimension in der Dramaturgie erkennt, ist große Kunst. Selbst der Moment, in dem Murots Morgenroutine aus dem Ruder läuft und er aus Versehen seinen Nachbarn erschießt, ist voller Ironie.

Ob Einzelkämpfer, dynamisches Duo oder mehrköpfige Truppe: Die Tatort-Ermittler sind in der ganzen Republik und darüber hinaus im Einsatz. Hier finden Sie alle derzeit tätigen Spürnasen im Überblick.

Man muss den Hessischen Rundfunk loben für seinen Mut

Ebenso der Schluss, wenn er nach getaner Polizeiarbeit am Rhein in den Sonnenuntergang marschiert, beleuchtet von Scheinwerfer und Blaulicht eines Polizeiautos – ein einsamer Wolf. Als Epilog darf er dann noch den Beginn eines unbeschwerten, sonnigen Tages erleben.

Man muss den Hessischen Rundfunk loben für seinen Mut, solch ein Kammerspiel möglich zu machen – sage noch jemand, es fehlte den Öffentlich-rechtlichen an Experimentierfreude. Regisseur Brüggemann (der übrigens auch Musiker ist, er hat den unauffälligen Soundtrack selbst geschrieben) jedenfalls kann über seine Arbeit im Auftrag des hr berichten: „Man hat große Freiheiten und ein garantiertes Millionenpublikum.“ Hat er verdient.

RND/Michael Berger

Tatort-Blitzkritik Tatort-Blitzkritik Nr. 303: „Das verschwundene Kind“ (Göttingen) - Charlotte Lindholm: Willkommen in der Provinz
03.02.2019
Tatort-Blitzkritik „Tatort“-Blitzkritik Nr. 302, „Der Pakt“ (Saarbrücken) - Kriminalfall nach Schnittmuster
27.01.2019
20.01.2019
Anzeige