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Tatort-Blitzkritik LN-Speedrating: Drei Gründe, warum der Hessen-„Tatort“ herausragend war
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21:47 20.10.2019
Was ist bloß los auf Wache 08? Jenny Sibelius (Paula Hartmann), Walter Brenner (Peter Kurth, Mitte) und Felix Murot (Ulrich Tukur) im neuen „Tatort“ aus Wiesbaden. Quelle: HR/Bettina Müller
Lübeck

Die „Tatort“-Folgen mit Ulrich Tukur als Kommissar Felix Murot vom Landeskriminalamt Wiesbaden sind so selten wie verblüffend. Mal durchlebt der kauzige Einzelkämpfer einen Tag sieben Mal (Murot und das Murmeltier“), mal spielt Tukur den Schauspieler Tukur und den Ermittler Murot als Film-im-Film-Episode („Wer bin ich?“). Der aktuelle „Tatort: Angriff auf Wache 08“ erreicht ein Thriller-Niveau, das man von den Kinofilmen eines Quentin Tarantino („Pulp Fiction“) kennt. Die Banden des Organisierten Verbrechens im Rhein-Main-Gebiete versuchen, mit vereinter Feuerkraft eine einsame Polizeiwache am Rand von Offenbach zu stürmen. Drei Gründe, warum dieser „Tatort“ herausragend ist:

Realitätsnah? Egal: Diese Story ist gut erfunden

Erstens: die Geschichte. Man darf sich nicht mit der Frage aufhalten, wie realitätsnah sie ist. Sie ist auf jeden Fall gut erfunden. Eine Wache im Niemandsland eines verlassenen Gewerbegebiets hat als Polizeimuseum überlebt, dort trifft der LKA-Mann Murot seinen alten Kollegen Brenner (Peter Kurth). Es retten sich aber auch ein junges Mädchen, das seinen ermordeten Vater gerächt hat, und ein Gefangenentransport mit Schwerkriminellen hierher. Zunächst ist unklar, warum die Wache plötzlich beschossen wird. Brenner ahnt: „Wenn sich hier der Abschaum der Welt zusammenrottet, dann gnade uns Gott . . .“

Regisseur Stuber schafft Szenen, die unter die Haut gehen

Zweitens: die Macher. Regisseur Thomas Stuber hatte mit seinem Kurzfilm „Von Hunden und Pferden“ bereits 2012 einen Studentenoscar gewonnen und ist zuletzt mit ein paar außergewöhnlich stimmungsvollen Kinofilmen aufgefallen. „In den Gängen“ war auf der Berlinale und beim Deutschen Filmpreis ausgezeichnet worden. Für den „Tatort“ schuf er nun beängstigende wie klaustrophobe Szenen, die unter die Haut gehen. Mit dem Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer („Im Stein“) hat Stuber bei „Angriff auf Wache 08“ einen starken Drehbuchautor zur Seite. Und einen begnadeten Laiendarsteller: Meyer spielt den penetrant gut gelaunten Radiomann Ecki, der seine Hörer auf eine Sonnenfinsternis einstimmt und sie mit altbackener Popmusik versorgt. Er repräsentiert die heile, weil ahnungslose Welt da draußen.

Ulrich Tukur scheint das Organisierte Verbrechen allein in Schach zu halten

Drittens: der Hauptdarsteller. Ulrich Tukur ist in jedem Murot-„Tatort“ die Hauptattraktion. Er agiert auch diesmal so, dass man seiner Figur zutraut, das Organisierte Verbrechen und auch die schmutzigen Saubermänner in Politik und Wirtschaftsleben allein in Schach zu halten. Schon sein Blick weckt Vertrauen in den Sicherheitsapparat, auch wenn der Mann beim „Angriff auf Wache 08“ an seine Grenzen stößt.

Vorsicht, Spoiler! Das Ende ist nicht wirklich gut ...

Hat dieser Film ein gutes Ende? Man weiß es nicht. Murots alter Kumpel Brenner hat sich geopfert, der Kommissar konnte sich gemeinsam mit einer Polizistin, dem von Verbrechern verfolgten jungen Mädchen und einem kannibalischen Häftling retten. Doch man sieht die Gruppe im vorletzten Bild durch ein Zielfernrohr . . . Für diesen „Tatort“ kann es nur Note 1 geben.

Hier lesen Sie alle bisherigen Blitzkritiken.

Von Michael Berger