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Tatort-Blitzkritik LN-Speedrating: Drei Gründe, warum sich der Odenthal-Tatort lohnt
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16:20 17.11.2019
„Die Pfalz von oben“: Am Tatort treffen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Stefan Tries (Ben Becker) aus Zarten wieder aufeinander, 28 Jahre nach der schaurigen Folge „Der Häcksler“, bei dem es auch schon zwischen beiden funkte. Quelle: Benoît Linder/SWR /dpa
Lübeck/Ludwigshafen

Siebzig Mal ist Ulrike Folkerts jetzt als Kommissarin Lena Odenthal im Ersten zu sehen gewesen, am 29. Oktober 1989 zum ersten Mal in der „Tatort“-Folge „Die Neue“. Ihr jüngster „Tatort“ „Die Pfalz von oben“ (So., 17. November, 20.15 Uhr, ARD, 21.45 und 23.45 Uhr, One) knüpft an einen der spektakulärsten frühen Odenthal-Filme an, an „Tod im Häcksler“ von 1991.

Damals wie heute spielt Ben Becker den Polizisten Stefan Tries aus dem fiktiven Ort Zarten. Eine originelle Idee von Drehbuchautor Stefan Dähnert, der bereits vor 28 Jahren dabei war, und Regisseurin Brigitte Maria Bertele, die erstmals einen „Tatort“ verantwortet. Es gibt mindestens drei gute Gründe, sich „Die Pfalz von oben“ nicht entgehen zu lassen:

Ben Becker spielt einen brillanten Gegenpol zu Ulrike Folkerts

Erstens: der wichtigste Nebendarsteller. Ben Becker ist ein Schauspieler, dessen raumgreifendes Spiel oft dazu führt, dass alle anderen Mitwirkenden an die Wand gedrückt werden. In diesem „Tatort“ aber ist er als Leiter eines Polizeireviers in der Provinz ein brillanter Gegenpol zur stets etwas reserviert auftretenden Lena Odenthal der Ulrike Folkerts („Routine hält mich“).

Stefan Tries („Routine ist der Mehltau auf unseren Gedanken“) ist weder besonders ansehnlich, noch charmant, aber korrupt. Dennoch kapiert man, warum die spröde Lena sich von dem Kerl zu einer Nase Kokain, einer Flasche Rotwein und wohl auch weitgehender Intimität hinreißen lässt. Beckers Figur ist unwiderstehlich, sie war die besondere Attraktion der Folge von 1991, und sie ist es jetzt wieder.

Die idyllische Hügellandschaft erweist sich als trostloser Sumpf

Zweitens: der Handlungsort. „Die Pfalz von oben“ ist ein Titel, der an jene Landschaftsfilme erinnert, die die schönsten Ansichten eines Landstrichs aus der Drohnen-Perspektive einfangen. „Norddeutschland von oben“ oder „Die Elbe von oben“ hießen solche Dokumentationen beim NDR. „Die Pfalz von oben“ zeigt zunächst eine frühlingshaft-idyllische Hügellandschaft, selbst die vielen Windräder stören den heiteren Eindruck nicht.

Die Pfalz von unten ist dann allerdings ein Sumpf: ungemütlich nass, mit schlammigen Wegen, trostlosen Neubaugebieten und Gehöften. In der Polizeiwache geht’s zu wie in einer Kneipe, man raucht, trinkt Bier, klopft Sprüche und guckt Fußball. Dass der junge Streber unter den Kollegen zum Mordopfer auf der nassen Landstraße wird, ist da nur logisch. Wieder einmal ist eine Szenerie abseits der Metropolen besonders reizvoll.

Die Filmmusik verstärkt auf subtile Weise die unheimlichen Bilder

Drittens: die Musik. Haben Sie’s gehört? Nicht nur den Bob-Dylan-Song „Lay Lady Lay“, der die zentrale Szene zwischen Odenthal und Tries begleitet („Bleib, Liebste, bleib, solange die Nacht noch vor uns liegt“, singt Bob). Sondern vor allem den Soundtrack des Jazzsaxofonisten und Filmmusikers Christian Bigai. Vermutlich haben die wenigsten Zuschauer die feinen Kompositionen wahrgenommen.

Das macht nichts, denn die minimalistischen Klänge von Trompete, Gitarre und Schlagwerk wirken auch ohne bewusstes Zuhören. Sie verstärken auf subtile Weise die Atmosphäre des Films, verstärken das Unheimliche der nächtlichen Bilder. Einmal ist ein Bigai-Stück aber im Vordergrund zu hören: als eine Blaskapelle den Trauerzug für den getöteten Polizisten mit einer recht schrägen Melodie durchs Dorf führt.

Ob Einzelkämpfer, dynamisches Duo oder mehrköpfige Truppe: Die Tatort-Ermittler sind in der ganzen Republik und darüber hinaus im Einsatz. Hier finden Sie alle derzeit tätigen Spürnasen im Überblick.

Manches klingt eher nach Berlin als nach Betzenberg

Eine kleine Einschränkung muss man beim Lobgesang auf den Film machen: Der Plot aus pfälzisch Sibirien wäre noch eindringlicher, wenn neben dem Kriminaltechniker Becker und der Sekretärin Keller auch einige andere Figuren, die in dieser Episode angeblich kaum aus ihrem heimischen Biotop herausgekommen sind, das örtliche Idiom sprechen würden.

„So ’ne Lage hatt’n wa hia noch nie“, sagt einmal Revierleiter Tries. Das klingt eher nach Berlin als nach Betzenberg. Die rheinland-pfälzische SWR-Produktion befindet sich damit in guter „Tatort“-Gesellschaft, auch die Dresdner und die Stuttgarter Folgen meiden den Dialekt. Alles in allem hat „Die Pfalz von oben“ die Schulnote eins bis zwei verdient.

Hier finden Sie alle Tatort-Blitzkritiken.

Von Michael Berger

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