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Tatort-Blitzkritik Sieben Schüsse auf den Koch, ein Schuss in den Ofen
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21:43 18.08.2019
Eine Kritik von Lars Fetköter. Quelle: LN
Lübeck/Dresden

Das ist ein Rückschritt für das neu formierte Dresdner „Tatort“-Team. Zur Premiere von Kommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) im April gab es an dieser Stelle großes Lob, jetzt aber senkt sich der Kritikerdaumen für eine Story, die sich mit einem Wort beschreiben lässt: hanebüchen.

Die Mafia-Spur verläuft im Sande

Die anfangs favorisierte Spur für den Mord am Star-Koch, ein Komplott der örtlichen Mafia, verläuft nach einer guten Dreiviertelstunde im Sande. So steht es wohl auch in der Herstellungsanleitung für mäßige „Tatort“-Drehbücher. Aber was sich da nach und nach als Hintergrund der sieben Todesschüsse entpuppt, ist dann doch zu dicke: Eine Mutter lässt ihre beiden Söhne den eigenen Vater erschießen. Mit sieben Schüssen!

Nur der skrupelfreie kleine Bruder darf in Mamas Bett schlafen

Dann bestraft sie den zögerlichen großen Bruder, den trotz heimischen Ballerspieltrainings und Schießübungen im Zittauer Gebirge seine Skrupel am Vatermord hindern, damit, dass nur der kleine und offenbar skrupelfreie Bruder in Mamas Bett schlafen darf. Und sie droht ihm offenbar Waterboarding in der Badewanne an, wenn er Papas Geldversteck nicht verrät. Geht's noch? Aus dem Leben welcher Familie ist das denn gegriffen? Ob der Vater wirklich schlimm war oder nur die Mutter wahnsinnig, bleibt im Dunkeln. Wenn denn eine Frau ihren Mann umbringen will und ihre Kinder zur Hilfe einspannt, so hätte sie doch bitteschön selbst schießen und die Söhne die Alibi-Anrufe machen lassen können. Aber selbst das hätte diesen Dresdner „Tatort“ nicht gerettet.

Ein seltsamer Zusammenhalt in der Familie Benda: Mutter Katharina (Britta Hammelstein) mit ihren Söhnen Viktor (Juri Sam Winkler) und Valentin (Caspar Hoffmann). Quelle: MDR/W&B Television/Daniela Incor

Die Ungereimtheiten verhindern jeden Filmgenuss

Die Mutter (Britta Hammelstein) und ihre Söhne Viktor (Juri Sam Winkler) und Valentin (Caspar Hoffmann) werden gut gespielt. Stattgegeben. Aber all die Ungereimtheiten in diesem Plot (Buch: Mark Monheim und Stephan Wagner, der auch Regie führt) verhindern jeden Filmgenuss. Dieser Sonntagskrimi ist ein Schuss in den Ofen.

Wieso Nemesis? Am Mordplan ist nicht Gerechtes

Wieso überhaupt muss Nemesis, die Göttin des gerechten Zorns, als Namenspatin dieses abstrusen Krimis herhalten? Am Mordplan von Katharina Benda ist nichts Gerechtes. Und an Hybris, also maßloser Selbstüberschätzung, die Nemesis in der griechischen Mythologie bestraft, leidet die abgedrehte Mutter offenbar selbst. Warum wird erwogen, von bis auf die Augen maskierten Männern ein Phantombild zu erstellen? Was ist das bitte für ein seltsamer Informant, der bei laufender Waschanlage zu den Kommissarinnen ins Auto springt und alle Hintergründe der Dresdner Verbrecherszene kennt?

Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) sind unterwegs zum Haus der seltsamen Familie Benda. Quelle: MDR/W&B Television/Daniela Incor

Der schludrige Chef soll auf einmal Gourmet sein?

Widersprüchlich ist auch der Top-Schauspieler Martin Brambach als Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel: Der schludrige, in früheren Folgen ohne Verdruss schlechten Kaffee schlürfende Chef soll auf einmal ein Gourmet sein, der für die Küche des Top-Kochs Benda schwärmt? Das nimmt ihm niemand ab. Immerhin ist der gebürtige Dresdner Brambach der Einzige, der Dialekt spricht in diesem Regionalkrimi – aber er berlinert, anstatt zu sächseln. Zugegeben, ich höre auch lieber Bayerisch als Sächsisch. Doch ein Kriminalfilm aus Sachsen ohne ein Minimum an heimischer Mundart ist doch ein wenig feige, lieber MDR. Wunsch für den nächsten Dresden-„Tatort“, der ja durchaus ein gutes Trio an Hauptdarstellern aufweist: eine bessere Story, gern mit ein wenig Lokalkolorit. Machenses hibsch!

Hier finden Sie alle Tatort-Blitzkritiken.

Von Lars Fetköter

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