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Tatort-Blitzkritik Die Mordverdächtige macht die Zuschauer zu Komplizen
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21:42 19.05.2019
Eine Kritik von Michael Berger. Quelle: hfr
Stuttgart/Lübeck

Es scheint bei den „Tatort“-Machern Mode geworden zu sein, die Kommissare in die zweite Reihe zu rücken und einer Figur, die zum Kreis der Verdächtigen in einem Mordfall gehört, die zentrale Rolle zuzuweisen. So auch jetzt beim Stuttgarter „Tatort: Anne und der Tod“. Die im Titel genannte Altenpflegerin Anne, gespielt von der großartig in ihrer Figur aufgehenden Katharina Marie Schubert, hat jedenfalls größere Anteile am Gelingen der Folge als Richy Müller und Felix Klare, die als Kollegen Lannert und Bootz von der Mordkommission auf die Rolle von Stichwortgebern und Rätsellösern reduziert werden.

Lannert röhrt im alten Porsche durchs schadstoffgeplagte Stuttgart

Für Regisseur Jens Wischnewski und Drehbuchautor Wolfgang Stauch sind die Kommissare offenbar nicht besonders ergiebig. Bootz ist auch in dieser Episode wieder ein farbloser Ermittler, er muss gegenüber der Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera) mit seiner gescheiterten Ehe kokettieren, um ein bisschen Profil zu gewinnen. Wie Bootz seine braune Lederjacke als Insignie der Polizeigewalt braucht, braucht Lannert offenbar seinen albernen braunen Porsche-Oldtimer für die Selbstinszenierung. Für den Zuschauer ergibt sich allerdings die Frage: Wieso darf Lannert mit dieser Feinstaub- und Stickoxidschleuder noch durchs schadstoffgeplagte Stuttgart röhren? Weil es der Südwestrundfunkt erlaubt?

Zwei alte, aber erotisch interessierte Männer kommen zu Tode

Katharina Marie Schubert rettet diese Folge vor den schlicht dargestellten Kommissaren. Ihre Anne, die verdächtigt wird, für den Tod von zwei alten, bettlägerigen, aber, wie sich herausstellt, erotisch noch interessierten Männern verantwortlich zu sein, wehrt sich zunächst wacker gegen die Unterstellung, aus Habgier zur Mörderin geworden zu sein. Und man möchte ihr zu gerne glauben. Die Schauspielerin macht den Zuschauer zum Komplizen, zumal diese Anne auch für den schweren, aber klaglosen Dienst am hilflosen Mitmenschen steht. Die Kommissare hingegen nerven mit ihrer (berechtigten) Hartnäckigkeit.

Das Publikum weiß mehr als die Polizei

Raffiniert operiert die Regie mit den Rückblenden, die Einblick in das Leben der Altenpflegerin geben – in ihren Kampf mit dem aufsässigen, konsumfreudigen Sohn, in ihre Not mit den Patienten. Das Fernsehpublikum weiß dadurch mehr über die wahre Sachlage als die Polizei. Doch auch die Kommissare ahnen letztlich, dass diese Frau lieber durch ein falsches Geständnis als Mörderin gelten will, als ihre Integrität zu verlieren. Dass sie den alten Männern sexuelle Wünsche erfüllt hat, das will und kann Anne in einer Umwelt voll von bigotter schwäbischer Rechtschaffenheit nicht zugeben.

Der glaubwürdige, aber für Freunde der Krimigerechtigkeit vermutlich unbefriedigende Schluss und die glänzend agierende Katharina Marie Schubert machen aus diesem „Tatort” ein bemerkenswertes Fernsehereignis.

Hier finden Sie alle Tatort-Blitzkritiken.

Michael Berger

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