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Tatort-Blitzkritik Unsäglich übersinnlich
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21:25 16.11.2014
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Berlin

Dem guten Kommissar Felix Stark hätte man einen eleganteren Abgang aus den Berliner „Tatort“-Folgen gewünscht. Boris Aljinovic, der in dieser Rolle neben dem impulsiven Kollegen Till Ritter (gespielt von Dominic Raacke, der bereits ausgestiegen ist) immer nüchtern und rational wirkte, wurde Opfer eines Drehbuchs, das erstmals und in allem Ernst Übersinnliches in die Serie einführte.

Um ehrlich zu sein: Der Autor dieser Fernsehkritik wartete bis ganz zum Schluss darauf, dass die  norwegische Studentin sich verrät – dass sie eben nicht mit dem zweiten Gesicht  gesegnet ist und Morde voraussehen kann, sondern auf ganz prosaische Weise mit den Taten und Tätern zu tun hatte. Denkste.

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„Manchmal gibt’s Sachen, die kann man sich nicht vorstellen“, findet der Polizeipsychologe und meint damit die ahnungsvollen Träume der Norwegerin Trude. Was man sich tatsächlich nicht hätte vorstellen können, ist, dass sich solch ein Spökenkieker-Plot in den ARD-Sonntagabend verirrt  wie dieser „Tatort“ mit dem ins Ungefähre weisenden Titel „Vielleicht“.

Dabei hat Regisseur und Autor Klaus Krämer ein paar schöne Szenen eingebaut. Zum Beispiel, wenn zwei ratlose Polizeikräfte beim Bier sitzen, das Bier rasch weniger wird aber nicht die Ratlosigkeit. Und auch die Kreuzberger Straßen- und Hinterhofszene wurde großartig eingefangen. Überhaupt war Krämer bisher ein Garant für ansehnliche „Tatort“-Folgen. „Hitchcock und Frau Wernicke“ von 2010 ist noch in bester Erinnerung, eine Paraphrase auf Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“. Doch jetzt ist er ins Reich des Paranormalen abgeglitten, eigentlich eine Domäne von RTL II, man denke an die unsägliche Serie „X-Factor: Das Unfassbare“.

Geradezu absurd ist, dass die ARD den „Tatort: Vielleicht“ als Beitrag zur „Themenwoche Toleranz“ erklärt. Toleranz gegenüber dem Irrationalen? Die Fernsehleute haben sich damit Helmut Schmidts Verdikt redlich verdient: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Boris Aljinovic  aber darf man nach 31 Fällen in 13 Jahren getrost eine Träne nachweinen.

Michael Berger