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Kommentar Unser gefährliches Erbe
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23:37 20.04.2015
Von Lars Fetköter

Wenn Sie ein Haus bauen und den Platz für die Mülltonne vergessen, bekommen Sie Ärger mit ihrem örtlichen Entsorgungsunternehmen. Eine Firma, in deren Betrieb Abfälle entstehen, vielleicht sogar Schadstoffe, muss nachweisen, dass die Abfälle fachgerecht entsorgt werden. Für die Atomindustrie galt das noch nie.

Seit 1961 wird in Deutschland Strom aus Atomkraft produziert. 50 Jahre später, nach der Katastrophe von Fukushima 2011, wurde beschlossen, dass spätestens im Jahr 2022 das letzte Atomkraftwerk vom Netz geht. Und noch immer gibt es kein Entsorgungskonzept. Jetzt werden Daten genannt, die wir nur aus Science- Fiction-Geschichten kennen: Bis zum Jahr 2170 kann es dauern, bis ein Endlager gefunden, gebaut und aller in Deutschland angefallener Strahlenmüll darin sicher verstaut ist. In 155 Jahren!!! Eine gefährliche Technik von vorgestern ist längst ausrangiert, aber für den anfallenden Müll wird erst übermorgen nach einer Deponie gesucht. Auf Wiedervorlage am St. Nimmerleinstag, möchte man rufen, auch wenn jetzt ja immerhin mal konkrete Jahreszahlen genannt werden. Klar ist: Noch viele Jahrzehnte wird hochradioaktiver Müll in Atomkraftwerken auch in Norddeutschland zwischengelagert werden müssen.

Es ist ein hochriskantes Spiel auf Zeit, das die Stromkonzerne gemeinsam mit den Regierungen von Bund und Land hier vorführen. Ein Trauerspiel. Und ein Schwarzer-Peter-Spiel, in dem bei der unseligen Standortsuche für ein Endlager Wahltermine längst wichtiger geworden sind als Bodenproben.

Stellen Sie sich mal Ihr Einfamiliengrundstück vor, wenn dort über 200 Jahre die Mülltonne nicht abgeholt wird. Ein rein theoretisches Beispiel, denn ich versichere Ihnen: Es würde einen, höchstens zwei Monate dauern, dann würden die Behörden die Müllabfuhr erzwingen.

Beim Strahlenmüll kommt kein Mahnbescheid. Ausgerechnet bei der wohl gefährlichsten Technologie leisten wir uns die Fahrlässigkeit, das Problem an unsere Enkel, nein: an unsere Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel zu vererben. Die werden sich bedanken. Hoffentlich haben unsere Nachkommen in 150 Jahren auch Gründe, uns für bessere Taten in Erinnerung zu behalten. Bericht

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LN