Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Brennpunkte Ausgangssperre bringt vorerst Ruhe - Muslimbrüder: 2600 Tote
Nachrichten Brennpunkte Ausgangssperre bringt vorerst Ruhe - Muslimbrüder: 2600 Tote
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:14 15.08.2013
Bei den Zusammenstößen zwischen Muslimbrüdern und der Polizei gab es hunderte Tote und rund 2000 Verletzte. Quelle: AFP
Kairo

Der blutige Konflikt in Ägypten hat eine nächtliche Ruhepause eingelegt. Nach den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Islamisten und Sicherheitskräften, in deren Verlauf am Mittwoch mindestens 278 Menschen ums Leben kamen, beendete die von der Führung verordnete nächtliche Ausgangssperre zunächst die Zusammenstöße. Bei den Kämpfen um die Räumung islamistischer Protestlager in Kairo gab es viele Tote, darunter 43 Sicherheitskräfte. Auch vier Journalisten waren unter den Todesopfern. Rund 2000 Menschen seien verletzt worden, berichteten arabische Medien am späten Mittwochabend. Die Muslimbrüder gingen von deutlich mehr Todesopfern aus, ihr Sprecher Ahmed Aref schätzte die Zahl der Toten am Abend gar auf 2600.

Die Gewalt in Ägypten ist am Mittwoch eskaliert: Als die Polizei Camps von Mursi-Anhängern räumte, kam es zu Straßenschlachten.

Die Übergangsregierung rief für einen Monat den Notstand aus und verhängte eine nächtliche Ausgangssperre. Fernsehbilder aus der Nacht zum Donnerstag zeigten gespenstisch anmutende Szenen: Während auf den Straßen Kairos fast ausschließlich Militärfahrzeuge unterwegs waren, sorgten brennende Autowracks für eine schaurige Kulisse. Das Militär hatte am Abend gewarnt, es werde die Ausgangssperre „mit unnachgiebiger Härte“ umsetzen, wie die Zeitung „Al-Ahram“ auf ihrer Online-Seite berichtete.

Kommentar: Ein faustischer Pakt

Die USA und die Europäische Union verurteilten die Gewalt aufs Schärfste. Alle Seiten müssten an der Wiederherstellung demokratischer Strukturen durch Wahlen arbeiten und die friedliche Teilnahme aller politischen Kräfte zulassen, verlangte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton. „Die heutigen Ereignisse sind beklagenswert und laufen dem ägyptischen Streben nach Frieden, Zusammenhalt und echter Demokratie zuwider“, sagte US-Außenminister John Kerry. Der Notstand müsse so schnell wie möglich aufgehoben werden. Der einzige Ausweg sei eine politische Lösung.

Außenminister Westerwelle berief wegen des Blutvergießens den Krisenstab des Auswärtigen Amts ein und forderte bei einem Besuch in Tunesien: „Das Blutvergießen muss beendet werden, und zwar durch Gespräche und Verhandlungen.“ Er appellierte erneut an alle Deutschen in dem Land, die Reisehinweise des Auswärtigen Amts im Internet zu beachten.

Die Polizei setzte am Mittwoch bei der gewaltsamen Räumung der beiden Protestlager der Anhänger des vom Militär entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi zunächst Tränengas ein. Die Islamisten gingen mit Steinen und Flaschen auf Sicherheitskräfte los, später wurde von beiden Seiten scharf geschossen. Die Gewalt griff rasch auf andere Teile des Landes über. Daraufhin rief Übergangspräsident Adli Mansur den Notstand aus, der Razzien und Festnahmen ohne gerichtliche Anordnung ermöglicht. In Kairo und mehreren anderen Provinzen durfte von 21.00 Uhr bis 6.00 Uhr kein Mensch die Straße betreten.

Übergangs-Ministerpräsident Hasem al-Beblawi sagte am Abend im Staatsfernsehen, es habe keine Alternative zu der Räumung der Camps gegeben. Der Staat sei zum Handeln gezwungen gewesen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Die Islamisten hatten die Zeltlager in Kairo vor fünf Wochen errichtet, um Mursis Wiedereinsetzung zu erzwingen. Das Militär hatte den Präsidenten am 3. Juli nach Massenprotesten abgesetzt.

Nach Angaben von Innenminister Mohammed Ibrahim wurden bei den Unruhen im Land unter anderem 21 Polizeiwachen angegriffen. Bei der Räumung der Lager seien zahlreiche Waffen sichergestellt worden, darunter Maschinengewehre und Handgranaten.

Im Verlauf der Unruhen in Ägypten wurden am Mittwoch auch zahlreiche christliche Kirchen angegriffen. Nach Angaben des Blattes „Watani“ attackierten Islamisten 35 koptishe Kirchen oder andere Einrichtungen der Kopten. Der Sprecher der Katholischen Kirche in Ägypten, Rafic Greiche, berichtete von Übergriffen gegen 17 Gotteshäuser seiner Kirche.

Der Nahost-Experte Peter Scholl-Latour fühlt sich durch die Bürgerkriegs-Bilder aus Ägypten „an die Niederschlagung der Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking" erinnert. „Was im Moment in Kairo geschieht, ist noch sehr viel schlimmer“, sagte Scholl-Latour der „Passauer Neuen Presse“ (Donnerstag). Vom Ende des Arabischen Frühlings zu sprechen, sei für ihn ein völlig falsches Bild. „Von einem Arabischen Frühling haben nur Dummkopfe geredet. Den hat es nie gegeben“, sagte er. „Das war nur Wunschdenken.“ Jetzt sehe er Ägypten auf dem Weg zurück in die Militär-Diktatur. „Darauf läuft es hinaus.“

Die ägyptischen Muslimbrüder wollen ihre Proteste gegen die Absetzung von Präsident Mohammed Mursi auch nach den blutigen Unruhen vom Mittwoch fortsetzen. Das ägyptische Nachrichtenportal youm7 berichtete am Donnerstag, die Sicherheitskräfte befürchteten dann „eine neue Welle der Gewalt“, wenn die Islamisten an diesem Freitag erneut demonstrieren sollten.