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Brennpunkte Bahnstreik: Reise ins Ungewisse
Nachrichten Brennpunkte Bahnstreik: Reise ins Ungewisse
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09:26 23.04.2015
Auch in Lübeck standen die Züge zum größten Teil still. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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Lübeck/Hamburg

Es ist 6.50 Uhr. Am Lübecker Hauptbahnhof schauen Passanten ratlos auf eine Anzeigetafel. Bei Nele Rußland-Marz kommt Panik auf. „Ich muss zu einer Klausur nach Hamburg“. Doch wegen des Streiks der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) fallen zwei Zugverbindungen aus. Bei vorigen Streiks sei diese Route nicht so sehr betroffen gewesen. Statt 7.08 Uhr kann die 24-Jährige erst 7.43 Uhr in die Bahn steigen. „Ich zittere und hoffe, dass ich nachschreiben kann.“

Wegen des bundesweiten Streiks im Güter- und Personenverkehr ist es gestern deutschlandweit zu Zugausfällen und Verspätungen gekommen. Einige Reisende im Lübecker Hauptbahnhof hat der Ausstand kalt erwischt. Sie stehen vor der Informationstafel und suchen ihre Verbindung. Doch sie können sie nicht sehen. Denn vielerorts sind die ausgefallenen Züge gar nicht angezeigt worden. Thomas Solf will nach Bad Oldesloe fahren und hat mit solch einer Situation nicht gerechnet. „Ich bin gerade dabei umzuziehen“, sagt Solf. „Bei dem ganzen Stress bin ich nicht dazu gekommen, Nachrichten zu schauen“, sagt der 28-Jährige. Er arbeitet als Lehrer und fährt werktags mit dem Zug in Richtung Hamburg. Er werde wohl 20 Minuten zu spät kommen – „der Unterricht wird vertreten“. Neben ihm sind Millionen Berufspendler, Geschäfts- und Urlaubsreisende von dem Streik betroffen. Die Bahn hatte Ersatzfahrpläne erstellt, die nach ihren Angaben weitgehend eingehalten werden konnten.

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Statt mehrmals in der Stunde sind gestern die Züge zwischen Lübeck und Hamburg nur im Ein-Stunden-Takt gefahren. In Mecklenburg-Vorpommern war der Zugverkehr fast vollständig lahmgelegt. „Wir konnten nur ein sehr eingeschränktes Angebot aufrechterhalten“, sagt Bahnsprecher Burkhard Ahlert. Rund 70 Prozent aller Zugverbindungen in MV seien ausgefallen, für heute sehe es ähnlich aus. Nach Angaben der Deutschen Bahn konnten im Fernverkehr insgesamt nur 244 statt der üblichen 805 Züge fahren, im Regionalverkehr je nach Region 15 bis 60 Prozent der Züge.

Doch das Chaos ist ausgeblieben. Viele haben sich auf den GDL-Streik eingestellt. „Ich bin schon streikerprobt“, sagt Philine Stöckmann. „Aber ärgern tut es mich trotzdem“, sagt die 24-Jährige. Für viele Pendler sind solche Tage zur Routine geworden. Der bundesweite Ausstand trifft sie zum siebten Mal seit Beginn des Tarifkonflikts vor rund neun Monaten.

Um 7.40 Uhr fährt dann endlich der RE 80 auf Gleis 7 ein. Viele Menschen laufen mit Taschen und Koffern von der Bahnhofshalle die Treppen hinunter zum Gleis. Als sie in den Zug einsteigen, verziehen manche ihre Gesichter. Die meisten Plätze sind schon besetzt. Özlem Akyol hat noch einen Sitzplatz gefunden. „Es ist heute voller als sonst“, sagt die Lübeckerin, die täglich den Zug nach Hamburg nimmt. Sie ist extra früh losgefahren, damit sie rechtzeitig zu ihrer Arbeit kommt. Beim Bahnhof Bad Oldesloe sagt Akyol: „Jetzt wird es noch voller.“ Die Türen öffnen sich, Männer und Frauen steigen ein, sie stellen sich schließlich in die Gänge und auf die Treppen des Doppelstockwaggons.

Gegen 8.30 Uhr ist das Ziel erreicht. „Wir bitten alle Fahrgäste auszusteigen“, sagt eine Stimme durch den Lautsprecher. Der Zug kommt am Hamburger Hauptbahnhof an. Mehr Informationen gibt es nicht. An den Gleisen sind in Din-A4-Größe Zettel mit der Überschrift „Streikinformation“ zu lesen. Eine Telefonnummer und eine Internetadresse sind angegeben.

Mehr Informationen als im Untergeschoss gibt es im Erdgeschoss in der Wandelhalle. Zwei Bahn-Mitarbeiter versuchen einen Stand aufzustellen, doch ein Schild rutscht immer wieder herunter. „Was für eine Technik!“, murrt ein älterer Mann, der sie beobachtet. Neben Informationen für „Gestrandete“ gebe es hier auch kostenlos Kaffee und Tee, sagt eine Mitarbeiterin.

Draußen stehen die Streikenden. Elf Männer tragen cremefarbene Tüten am Oberkörper. „GDL“ ist darauf in grünen Buchstaben zu lesen. Der Vorsitzende der GDL, Claus Weselsky, spricht von insgesamt rund 3000 Lokführern und Zugbegleitern, die gestern im Ausstand gewesen seien. Wenige Meter von den Gewerkschaftern in Hamburg entfernt, qualmt es aus einem Mülleimer – der Gestank zieht in ihre Richtung, doch das scheint sie nicht zu stören. Sie verharren. Beantworten Fragen von Bürgern. Nicht alle bleiben freundlich. Als der Vorsitzende des Bezirks Nord, Hartmut Petersen, gerade sagt: „Es ist wichtig, dass die Züge stehen“, geht ein Mann vorbei und ruft der Gruppe zu: „Ihr sollt schaffnern, nicht hier rumstehen!“ Petersen erwidert nichts. „Wir haben heute auch schon gehört, dass wir uns schämen sollen“, sagt der 50-Jährige. An seiner Einstellung ändert sich dadurch nichts. Auch beim siebten Streik.

„Der Arbeitgeber spielt auf Zeit“, sagt Petersen. Er und seine streikenden Kollegen fordern unter anderem, dass die Überstunden begrenzt werden sollen auf 50 pro Jahr. „Bisher ist die Anzahl nach oben offen“. Manch einer hätte 1000 zusätzliche Stunden angesammelt. Zudem will die Gewerkschaft fünf Prozent mehr Lohn und eine Stunde weniger Arbeitszeit pro Woche durchsetzen. Die Arbeitsniederlegung im Personenverkehr soll heute noch bis 21 Uhr dauern.

Elena Vogt

Lok- und Lokrangierführer

Rund 20 000 Lokführer sind bei der Deutschen Bahn sind angestellt. Sie steuern ICE-, Intercity- und Regionalzüge sowie S-Bahnen und Güterzüge. Gut 75 Prozent von ihnen sind Mitglied der GDL. Außerdem arbeiten etwa 3100 Lokrangierführer für die Bahn.
Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), deutlich größer als die GDL, reklamiert für sich, dass etwa 75 Prozent der Lokrangierführer bei ihr organisiert sind. Sie bewegen Eisenbahnwagen auf einem Gleisvorfeld, oft per Fernsteuerung.
In der jüngsten GDL-Mitteilung hieß es: „Seit Jahren verlagert die DB Arbeitsplätze der Lokomotivführer auf Lokrangierführer. Diese Kollegen machen die gleiche Arbeit, werden aber deutlich schlechter bezahlt und haben viel schlechtere Arbeitszeitregelungen.“ Die EVG hält das Engagement der GDL für die Lokrangierführer für unglaubwürdig. Sie führt parallel zur GDL Tarifverhandlungen mit der Bahn und möchte das neue Berufsbild eines Transportlogistikers einführen, da Lokrangierführer inzwischen immer mehr Zusatzaufgaben erfüllen.

Wie es sonst im Land aussieht, lesen Sie hier:

Lübeck: Mit dem Chaffeur entspannt ans Ziel

Bad Schwartau: Das lange Warten auf den nächsten Zug

Stormarn:  Bahnstreik: Immerhin fuhr jede Stunde ein Zug

Lauenburg: GDL-Streik: Leere Bahnhöfe in Mölln und Büchen

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