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Kultur im Norden Besucherrekord bei Jazz Baltica 2018
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21:02 25.06.2018
Quelle: Agentur 54°
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Timmendorfer Strand

Timmendorf hat den Jazz. Satter Bigband-Sound, regenverhangene Saxophonsoli, in die Beine fahrender Swing oder verschwebt-melancholische Arrangements: Rund 17.000 Besucher freuten sich über eine beeindruckende musikalische Vielfalt. Durch den Kurpark wehen Gitarrenklänge von der Open-Air-Bühne, in Hängematten schaukeln Besucher, im Jazzcafé erzählt Drummerin Eva Klesse von ihrem musikalischen „Papa Nils“.

Urlauber bleiben neugierig stehen, viele sind aber gezielt angereist. Da ist die Dame im luftigen Trägerkleid, die beim Konzert der Norwegerin Hildegunn Øiseth und ihrem Damenensemble auf der Empore der Main Stage ekstatisch hin- und herwippt. „Vor zwei Tagen haben die am Strand geprobt, da habe ich sie gehört. Ob die wohl die Soli alle selber schreibt?“, fachsimpelt die Besucherin. Während desselben Konzerts fläzen sich Jugendliche der Länge nach auf dem Boden und schlafen ungeniert. Den Auftritt des Schweden Lars Danielsson bekommen die Schüler schon nicht mehr mit. „Hauptsache, die kommen schon mal auf den Geschmack“, meint ein Gast.

Für Ulf Wakenius dürfte der Auftritt am Sonnabend kein ganz leichter gewesen sein. Während sein Heimatland Schweden in der letzten Minute der Spielzeit gegen sein „musikalisches Gastgeberland“ verliert, steht der Gitarrist mit seinem „Super Quartet“ auf der Bühne. „Backstage haben die Musiker einen Fernseher“, verrät eine Mitarbeiterin des Organisationskomitees. Etliche Gäste, darunter auch Finanzminister Olaf Scholz, schauen das Spiel Deutschland-Schweden in der Windjammerbar.

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Am Sonntag geht es familiär weiter mit „Klaus Klettermaus“. Den Helden eines skandinavischen Kinderbuchklassikers kennt man hierzulande noch nicht, das ändert Nils Landgren mit seiner Fassung für JazzBaltica. Wunderbar hat er die Abenteuer der schlauen Maus Klaus Klettermaus, von Fuchs Mickel Fox, dem Hasen-Bäcker und vielen anderen Tieren, die im Hakkebakke-Wald leben, inszeniert. Bemerkenswert ist die Leistung von Dominique Horwitz, die Geschichte so lebendig und liebevoll und (fast) ohne Versprecher zu erzählen.

Großartig dazu die Begleitung von Landgren und Musikerinnen der All Star Band, die jede Szene musikalisch auf den Punkt bringen – vom Hasenhoppeln bis zur Niesattacke vom Fuchs, der vom Hasen in der Bäckerei angeschmiert wurde. Das Publikum folgt Erzähler und Orchester gebannt, und selbst die vielen Kinder, die mit ihren Eltern und Großeltern gekommen sind, hören aufmerksam zu, klatschen mit und freuen sich über das Happy End. So machen Kindergeschichten (noch mehr) Spaß.

Schlagzeuger Wolfgang Haffner beginnt am Sonntagnachmittag mit Verspätung. Die mitunter ein wenig vollgestellte Hauptbühne sorgt für längere Umbaupausen. Sie müsse immer erst komplett leergeräumt werden, bevor der nächste Künstler aufbauen kann, erklärt Festivalmacher Nils Landgren. Dann wird es spanisch – Haffner ließ sich bei seinen neuen Kompositionen von seiner zweiten Heimat inspirieren (er lebt zeitweise Ibiza). Draußen kommt gerade die Sonne raus, im Saal entfacht Haffner am Schlagzeug einen Orkan, mit Handfeger auf Stoff kann er auch leise. Aber auch jeder seiner Musiker bekommt Raum: Christopher Dell am Vibrafon, Christian Diener am Bass und Simon Ausländer an zwei Pianos. Rasant, ruhig, mit Herzblut – tosender Applaus. Ganz anderes das Dieter Ilg Trio danach, das Bach interpretiert. So hat man die Goldberg-Variationen noch nie gehört – Kammerjazz vom Feinsten, allerdings nicht für jeden Geschmack.

Musiker fühlen sich wohl in Timmendorfer Strand

Immer wieder betonen die Musiker, wie wohl sie sich in Timmendorfer Strand fühlen, schätzen die kurzen Wege, die Strandnähe. „Jetzt sind wir zu Hause“, sagt Nils Landgren und bringt die gute Nachricht am Sonntag mit: Die Gemeinde hat beschlossen, dass Jazz Baltica die nächsten fünf Jahre hier stattfinden kann. Beim Abschlusskonzert sind dann all die Größen noch einmal auf der Bühne. Bassist Lars Danielsson durfte sich diese Geburtstagsparty zu seinem 60. zusammenstellen, und sie wird zu einer wahren Feier des Jazz.

Seine Ehefrau Cæcilie Norby füllt den Saal mit unglaublicher Stimmgewalt, beseelt jammen die Weltklasse-Musiker, befeuern sich, glänzen mit Soli und bringen den Saal beim Beatles-Klassiker „Come together“ zum Tanzen. Das ist nicht zu toppen – mit Cohens „Halleluja“ in sehr eigener Version entlassen Lars Danielsson und Cæcilie Norby die Besucher glücklich in die Nacht. Sie haben eine Sternstunde des Jazz erlebt.

ab, taf, ph