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Kultur im Norden Von Shanties bis Goethe – So war das Konzert von Achim Reichel in der Lübecker MuK
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Von Shanties bis Goethe – So war das Konzert von Achim Reichel in der Lübecker MuK
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15:35 25.10.2019
Sparsame Deko, große Band: Achim Reichel (3. v. l.) mit Kollegen. Quelle: Olaf Malzahn
Lübeck

Noch gar nicht lange her, da hat Achim Reichel ein Konzert in Lübeck abgesagt. Der Vorverkauf lief nicht besonders gut. Am Donnerstag war der Saal in der MuK ausverkauft. Was soll man sagen. Und auch auf der Bühne war einiges los. Gleich sieben Musiker hatte Reichel mitgebracht, darunter drei Bläser, was dem Abend eine ganz eigene Note gab.

Er hat den Rock’n’Roll in der Bundesrepublik ja mindestens miterfunden, in den Sechzigern mit den Rattles war das und er kaum 20 Jahre alt. In den Jahrzehnten danach hat er einen Streifzug durch alle möglichen Stile unternommen und war eigentlich immer da, auch wenn er mal nicht da war. Jetzt steht er auf der Bühne, 75 Jahre alt, wobei er tatsächlich die meiste Zeit sitzt, und greift mal hier und mal da ins Regal mit seinen Songs, die Auswahl ist ja groß genug.

Ein Interview mit Achim Reichel lesen Sie hier:

„Fliegende Pferde“ ist einer davon, eines dieser typischen Reichel-Lieder, damit geht es los. Er hat es geschrieben, als seine Mutter gestorben war. Musik, Text, es war auf einen Schlag alles da, hat er mal erzählt. Er brauchte es nur aufzuschreiben. Fliegende Pferde also. Und wenn darin von der Nummer die Rede ist, die einer am Telefon dreht, dann kann der Song so ganz jung nicht mehr sein.

Tod auf der Autobahn

Es geht weiter mit „Wahre Liebe“ aus den Neunzigerjahren, auch schon eine Weile her. Dann folgt „Winde wehen“, und erst beim vierten Song steht er auf, weil der im Stehen gespielt werden muss, wie er sagt. „Der Spieler“ ist das, mit einem Text von Jörg Fauser, der großen deutschen Literaturhoffnung, die vor mehr als drei Jahrzehnten von einem Lastwagen auf der Autobahn bei München zerstört wurde. Auf ihr war Fauser unterwegs, in der Nacht, zu Fuß und warum auch immer. Es war sein Geburtstag, er wurde nur 43 Jahre alt.

Termine

Viele Konzerte der Tour sind ausverkauft. Im Norden kann man Achim Reichel aber noch am 30. Oktober in der Hamburger Laeiszhalle sehen, am 4. November in der Bremer Glocke.

Mit Fauser hat Achim Reichel öfter zusammengearbeitet. Überhaupt hatte er einen Hang zur Literatur in all den Jahren, hat den klassischen deutschen Kanon durchforstet, aber auch abseits davon nach interessanten Dingen Ausschau gehalten und Gedichte in Rockmusik übersetzt, von denen man das nicht für möglich gehalten hätte.

Nattern essen

Das war nicht immer gelungen. Matthias Claudius’ „Abendlied“ zum Beispiel hätte er vielleicht besser einfach so gelassen. Beim „Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ dagegen klappte es sehr gut. Beide Stücke hat er in der MuK gespielt und dazu noch einige andere aus dem „Regenballade“-Album vom Ende der Siebziger. Auch das Titelstück selbst, eine nebelverhangene Moritat Ina Seidels vom Schnatermann, der die Fische kalt und roh frisst und auch die Natter nicht verschmäht, denn deren Knorpel sind so gut zu kauen. Für „Nis Randers“ braucht die Band nur etwa halb so lang wie im Original, Detlef von Liliencrons „Trutz, Blanke Hans“ gewinnt noch an Wucht. Es gibt Goethes Altmännerphantasie vom „Heideröslein“, es gibt sogar „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ von Hans Albers, den Reichel zu einem der größten deutschen Bluessänger ernennt. Und einen echten Blues gibt es auch, „Am besten, du gehst“, die Geschichte eines Mannes, auf den wohl keine Erlösung mehr wartet.

Eigens aus Chicago gekommen

Einen gewichtigen Teil seiner Karriere aber gibt es nicht, die Krautrockphase von A. R. & Machines vom Beginn der Siebziger, als Reichel im Studio den falschen Knopf gedrückt und aus Versehen die Loop-Technik entdeckt hatte. Es ging auf die „Grüne Reise“ damals und in andere Gegenden des erweiterten Bewusstsein, aber er hat das irgendwann nicht weiter verfolgt. Jetzt aber, gut vierzig Jahre danach, wird er dafür international gefeiert. Als er vor zwei Jahren mit diesen Psychedelia in der Hamburger Elbphilharmonie gespielt hat, sollen einige Zuschauer eigens aus London und Chicago angereist sein. Selbst die Royal Albert Hall war im Gespräch.

Aber Shanties hat Reichel mitgebracht nach Lübeck. Und „Kuddel Daddel Du“ und „Aloha Heja He“, den Songs , an denen er wohl nicht mehr vorbeikommt bei seinen Konzerten und die auch in der MuK groß gefeiert werden. Überhaupt gefällt es den Leuten sehr, die Zugabe wird von den meisten im Stehen absolviert, dankbar für einen Streifzug durch die eigene Geschichte. Die Stimme aber da vorne, tief im Norddeutschen verwurzelt, die wird offenbar nicht alt. Und der Mann drumherum wohl auch nicht.

Von Peter Intelmann

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