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Kultur im Norden Fest für Augen, Ohren und Verstand: Premiere von „Alice“ im Theater Lübeck
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17:11 10.02.2020
Alice und ihr Schöpfer: Astrid Färber und Andreas Hutzel. Quelle: Kerstin Schomburg
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Lübeck

Das Reich der Fantasie ist unergründbar. Die Bücher „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ des Briten Lewis Carroll öffnen Türen in dieses weite Land. Das Musical „Alice“ mit der Musik von Tom Waits, das am Sonnabend am Theater Lübeck Premiere feierte, führt die Zuschauer ebenfalls in eine Welt, die mit der unseren nur wenig zu tun hat – oder vielleicht doch?

Geschichten für Alice

Lewis Carroll hat „Alice im Wunderland“ 1865 veröffentlicht. Er hieß eigentlich Charles Dodgson, war Diakon und Mathematik-Dozent an der Universität Oxford und hat sich die Geschichte für Alice Liddell ausgedacht, die Tochter eines Kollegen. Es wurde zu einem der klassischen Bücher, nicht nur für Kinder. 1871 ließ er die Fortsetzung „Alice hinter den Spiegeln“ folgen.

Die nächsten Termine: 13. Februar, 7. und 21. März, 17. und 19. April im Großen Haus.

Das Stück geht auf eine der Grundfragen ein, die Lewis Carroll in seinen zu Unrecht als Kinderbücher abgetanen Romanen gestellt hat. Es ist die Frage der Identität. Diese Frage stellt sich der Autor, der eigentlich Charles Lutwidge Dodgson hieß und eine bürgerliche Existenz als Mathematik-Professor in Oxford führte. Seine Leidenschaft aber galt nicht den Zahlen, sondern kleinen Mädchen, die er möglichst knapp bekleidet fotografierte und in deren Gegenwart er, der Stotterer, plötzlich ganz normal sprechen konnte. Die Frage nach der eigenen Identität stellt sich aber auch Alice, die zunächst als Erwachsene auftritt und sich dann an ihre Kindheit erinnert, in der sie im Banne des verschrobenen Autors stand. Wer bin ich, was bin ich? Beantwortet werden diese Fragen im Musical „Alice“ nicht – aber es werden Anregungen gegeben, wie man mit sich selbst besser zurechtkommt.

Spaß und Ernst

Regisseur Malte C. Lachmann gelingt es ausgezeichnet, sowohl den skurrilen Humor von Lewis Carroll als auch den philosophischen Hintergrund der beiden „Alice“-Bücher auf die Bühne zu bringen. Er zeigt mit geringen Mitteln, wie sich die Körpergröße von Alice immer wieder verändert, nachdem sie in den Kaninchenbau gestürzt ist (Bühne: Luisa Wandschneider). Die Fantasiefiguren agieren in den Kostümen von Tanja Liebermann wie Traumgestalten, vom Fisch über das Gänseblümchen bis zum Ei auf der Mauer. Lachmann schafft es, Lächerliches, Lachhaftes, Spaß und Ernsthaftigkeit zu einer Einheit zu verschmelzen, und das macht diesen Theaterabend so wunderbar.

Der Abend wird aber auch getragen von der Musik von Tom Waits. Sie ist ungemein vielfältig und reicht von jazzigen Stücken bis hin zu an Kurt Weill erinnernde Balladen. Die groß aufspielende Band um Willy Daum präsentiert diese komplexen Arrangements ganz fabelhaft, Tom Waits‘ Kompositionen erwachen zum Leben.

Begeisterte Schauspieler

Besetzt ist dieses fantastische Spektakel komplett aus dem Schauspielensemble des Lübecker Theaters. Alle Darsteller spielten und sangen mit einer Leidenschaft, die man in dieser Form selten erleben kann. „Alice“ war offenbar eine Herzensangelegenheit für die sieben Schauspielerinnen und Schauspieler, die es schafften, ihre Begeisterung für das Stück auf das Publikum zu übertragen. Allen voran Astrid Färber, die in ihrem Blümchenkleid tatsächlich wie ein kleines Mädchen wirkte und die Zerrissenheit der Titelfigur überzeugend darstellte. Sie sang ausgezeichnet, für ihre Songs gab es immer wieder Szenenapplaus. Andreas Hutzel als Lewis Carroll, weißer Ritter und herrlich hoppelndes weißes Kaninchen bot ebenfalls eine starke Leistung. Bei der man sich fragte, ob er stimmlich den rauen, an Tom Waits erinnernden Gesangsstil durchhalten würde. Er schaffte es mit Bravour.

Tweedledee/Tweedledum und Humpty Dumpty

Alle anderen Mitwirkenden hatten mindestens sechs verschiedene Rollen. Susanne Höhne war unter anderem als Köchin, blutrünstige Königin und als Schachfigur zu erleben – auch sie hatte starke Auftritte. Lilly Gropper blieb als hervorragend singende Lilie in Erinnerung, Will Workman beeindruckte als silberner Fisch und Ei-Popanz Humpty Dumpty ebenso wie als Part des Zwillingsduos Tweedledee/Tweedledum, das er gemeinsam mit Heiner Kock verkörperte und das Publikum zu Lachsalven veranlasste. Kock war als Schachkönig eindrucksvoll, vor allem brillierte er als Fliegen fangender Frosch. Henning Sembritzki hatte einen hinreißenden Auftritt als strickendes Schaf, seine stimmlichen Qualitäten sind bekannt.

Insgesamt ein gelungener Ausflug in das Reich der Fantasie, mit ungeheurem Einfallsreichtum inszeniert und ausgestattet, ein wahres Fest für Augen und Ohren. Und für den Verstand, denn dieses Stück hat Tiefgang. Das Publikum war begeistert von dieser Sicht auf „Alice“ und ihr Wunderland.

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Von Jürgen Feldhoff

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