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Kultur im Norden Als Bach nach Lübeck ging
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17:21 26.03.2019
Johann Sebastian Bach (1685-1750)  auf einem Gemälde von Elias Gottlob Haußmann aus dem Jahr 1748.
Johann Sebastian Bach (1685-1750) auf einem Gemälde von Elias Gottlob Haußmann aus dem Jahr 1748. Quelle: Archiv
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Lübeck

Es war Ende Oktober, als er seine Sachen packte. Und es wurde ja auch langsam Zeit. Er wollte nach Lübeck in die Marienkirche, zu den Abendandachten im Advent. Der große Dieterich Buxtehude hatte sie zu einem Ereignis gemacht. Und Johann Sebastian Bach, 20 Jahre alt und voller Drang, wollte von ihm lernen.

Das Buch

Horatio Clare, britischer Autor und Journalist, hat sich auf die Spuren Johann Sebastian Bachs (1685-1750) begeben. Im vergangenen Oktober ist sein Buch „Something Of His Art. Walking to Lübeck with J. S. Bach“ bei Little Toller Books auf Englisch erschienen (96, Seiten, 12 Pfund). Bislang sei noch keine deutsche Übesetzung geplant, heißt es aus dem Verlag. Clare hat die Wanderung im Auftrag der BBC unternommen. Mit „Slow Radio“ gibt es dort ein Format im Kulturkanal BBC3-Radio, das sich mit einem Besuch im norwegischen Winterwald und ähnlich beschaulichen Impressionen der Entschleunigung verschrieben hat. Clares Bach-Wanderung war im Dezember 2017 zu hören.

Also machte er sich auf den Weg, zu Fuß, gut 400 Kilometer durch den deutschen Herbst des Jahres 1705. Der britische Autor Horatio Clare ist seinen Spuren gefolgt und hat ein Buch darüber geschrieben: „Something Of His Art. Walking to Lübeck with J. S. Bach“.

Man weiß nicht viel über die Reise. Man kennt nicht mal den genauen Weg. Also musste Clare improvisieren und sich Dinge zusammenreimen. Aber so hatte es Hans Franck 1935 in seiner Bachnovelle „Die Pilgerfahrt nach Lübeck“ schließlich auch schon gemacht.

Mikrofone im Rucksack

Clare ging nicht allein. Er wanderte für BBC3-Radio und wurde von einem Produzenten und einem Tontechniker begleitet, den Rucksack voller Mikrofone. Und sie marschierten auch nicht die ganze Strecke, sondern nur einige Abschnitte.

In Arnstadt war Bach Organist in der Neuen Kirche. Gottesdienst am Sonntag, Betstunde am Montag, Frühpredigt am Donnerstag, Pflichten als Kantor – es gab viel zu tun. Aber es gab auch Ärger und Verdruss. Bei einer Provokation durch aufmüpfige Primaner soll er seinen Galanteriedegen gezogen haben. Da war es auch eine Erlösung, als das Konsistorium ihm Bildungsurlaub in Lübeck genehmigte.

Vier Wochen sollten es werden, fast vier Monate wurden es. Er hatte also einiges zu erklären, als er wieder zu Hause war. Zumal man ihm auch vorhielt, „in dem Chorale viele wunderliche variationes gemachet, viele fremde Töne mit eingemischet“ zu haben. Ein gutes Jahr blieb er noch in Arnstadt, dann zog er nach Mühlhausen, nach Weimar, Köthen, Leipzig und wurde zu einem der großen Musiker der Geschichte, zu einem Weltkulturerbe. Er hätte nicht Bach, sondern Meer heißen müssen, würde Ludwig van Beethoven später sagen.

Jahre in Lüneburg

Einen Teil seines Weges nach Lübeck hatte Bach gekannt. Einige Jahre zuvor war er in Lüneburg auf der Lateinschule gewesen. Die Zeit seiner „musikalischen Universität“, schreibt sein Biograf Klaus Eidam. Die britische Reisegesellschaft hatte die Stadt denn auch vor Augen, als sie sich in Arnstadt über kleine Orte wie Ichtershausen und Eischleben und größere wie Erfurt, Wolfenbüttel und Braunschweig aufmachte gen Norden. Sie ging durch die Wälder Thüringens und die Ebenen Sachsen-Anhalts, sie überquerte den Harz und die Elbe. Und als sie die Backsteinmauern an der Ilmenau erreichten, waren Lübecks Kirchtürme fast schon zu sehen.

Unterwegs notierte Clare, was er sah. Hielt alte Eichen fest, an denen Bach vorbeigekommen sein könnte, beschrieb Nebel über dem Wasser und Sonnenlicht, das durch kahler werdende Baumkronen fiel. Und es waren sicher auch Habichte in der Luft. Ob da aber wirklich ein Eisvogel eintauchte? Oder ein Wespenbussard flog? Das mag in der Freiheit eines Autors liegen, den gut 300 Jahre von seiner Geschichte trennen.

Aber Clare schreibt auch von sich und Bach. Davon, dass er früher nicht in der Klassik zu Hause war, sondern Pop und Indierock hörte. Wenn er seine CDs durchging, fanden sich da nur vier mit klassischer Musik. Auf einer waren Cello-Sonaten von Bach, wie die anderen ein Geschenk seines Vaters. Und Clare erzählt, wie sie ihm zu einem Anker wurden, als er in einer Depression zu versinken drohte. Sie waren ihm „Schönheit und Wahrheit und Hoffnung“ in einer Zeit, als es wenig davon gab.

Lübeck als „heilige Stadt“

Von Lüneburg bewegte sich das Trio nach Norden, die alte Salzstraße hoch. Sie gingen am Elbe-Lübeck-Kanal entlang, kamen nach Mölln, und als sie Lübeck erreichten, wurde Horatio Clare etwas pathetisch. Es war, schreibt er, als würden sie eine Art heilige Stadt“ betreten.

Sie bewegten sich über das Kopfsteinpflaster, aßen in der Schiffergesellschaft, Clare dachte an die verlorene Macht und den einstigen Reichtum der Stadt. Und schließlich, als er die Marienkirche betrat, wähnte er Bach neben sich, wie der den Hut abnahm, nach oben in dieses gewaltige Gewölbe blickte und sich in eine der Bänke setzt, voller Dankbarkeit und Erfüllung.

Es war Winter, als Bach sich im Januar auf den Rückweg machte. Er hatte seinen Urlaub völlig überzogen, hatte Buxtehude „behorcht“, wie es im Nekrolog heißt, aber er hatte nicht dessen Tochter geheiratet. Das wäre die Bedingung gewesen, wenn er die Stelle des alten Meisters hätte übernehmen wollen. Aber wie Georg Friedrich Händel zwei Jahre zuvor hatte er darauf verzichtet. Schließlich wartete zu Hause Maria Barbara

Peter Intelmann