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Kultur im Norden „An manchen Antiken klebt auch Blut“
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20:10 22.10.2014
Michael Müller- Karpe. Quelle: dpa

Mainz — Der Handel mit illegalen Kulturgütern in Deutschland nimmt nach Ansicht des Kriminalarchäologen Michael Müller-Karpe (59) zu. Der Experte am Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz glaubt, dass sich auch die Miliz Islamischer Staat (IS) mit Raubkunst finanziert.

Lübecker Nachrichten: Ist Deutschland ein Zentrum für den illegalen Handel mit antiken Kulturgütern?

Michael Müller-Karpe: Zunehmend. Zentren des Handels sind München, Frankfurt und Köln. In Deutschland wird weitgehend ungehindert mit geplündertem Kulturgut gehandelt. Hehlerei ist zwar verboten, aber soweit es Antiken betrifft, werden diese Straftaten nicht konsequent verfolgt. Sie können unbehelligt Antiken ohne Herkunftsangabe kaufen. Was Sie angeboten bekommen, kann aber nur aus Raubgrabungen stammen, denn archäologische Funde aus legaler Grabung kommen ins Museum.

LN: Sind andere Länder strenger?

Müller-Karpe: In den USA sind mehrere Tausend Objekte aus dem Irak sichergestellt und zurückgegeben worden. In Deutschland sind es bisher nur wenige Dutzend. Antiken sind in aller Regel Eigentum des Herkunftslandes.

LN: Warum tut man sich bei der Bekämpfung der Antikenhehlerei hierzulande so schwer?

Müller-Karpe: Die Gemeinschädlichkeit dieser Straftaten wird von den Behörden vielfach noch immer übersehen. Man tut das als „Verbrechen ohne Opfer“ ab, denn die einstigen Eigentümer seien doch seit Jahrtausenden tot. Dabei verkennt man den eigentlichen Wert der Antiken: Sie transportieren Informationen über Menschen, auf deren Schultern wir stehen, denen wir die Grundlagen unserer Zivilisation verdanken.

LN: Expandiert der Antikenhandel?

Müller-Karpe: Vor gut zehn Jahren haben Unesco und FBI das jährliche Volumen, das mit geplünderten Antiken umgesetzt wird, auf weltweit sechs bis acht Milliarden Dollar geschätzt.

Inzwischen spricht man von einem mehrstelligen Milliardenbetrag. Krieg und Chaos sind der ideale Nährboden für Raubgrabungen und Museumsplünderungen.

LN: Gibt es Belege dafür, dass sich kriegerische Gruppen wie der Islamische Staat in Syrien und dem Irak mit Raubkunst finanzieren?

Müller-Karpe: Es waren zunächst einzelne Hinweise. Inzwischen sind die Indizien aber erdrückend. Das fing schon an mit einem der Attentäter des 11. September, Mohammed Atta, der während seines Studiums in Hamburg afghanische Antiken angeboten hat. Die bittere Erkenntnis für den kunstsinnigen Antikenkäufer: An diesen Dingen klebt auch Blut.

Interview: Oliver von Riegen

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