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Kultur im Norden Armin Mueller-Stahl und sein intensiver Blick auf die Menschen
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09:59 25.11.2015
Der Künstler schaut mit fast 85 erwartungsvoll in die Zukunft: Armin Mueller-Stahl vor der Papierarbeit „An die Freude...“ (2012). Quelle: Roeßler
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Eutin

Vor vielen Dekaden begann Armin Müller-Stahl als Musiker, wurde dann Schauspieler mit internationalem Renommee, endeckte schließlich seine Begabung für die Malerei und kehrte dem Kino den Rücken. Als ihn gestern eine Fernsehreporterin fragte, ob er traurig sei, nicht mehr vor der Kamera zu stehen, sagt er mit blitzenden Augen: „Was wollen Sie denn, ich stehe doch soeben vor Ihrer Kamera.“ Und ließ die Fragerin wissen, dass er natürlich eine Rolle spiele, wenn er wie jetzt eine öffentliche Figur abzugeben habe.

Drei Fragen an...

Wie kam es zum Titel der Ausstellung: „Die Jahre kommen und gehen“? Den Titel hat sich die Museumsleiterin Julia Hümme ausgesucht. Er basiert auf einem Gedicht von Heinrich Heine, dessen Anfang auf einem meiner Bilder zu lesen ist: „Die Jahre kommen und gehen, / Geschlechter steigen ins Grab, / Doch nimmer vergeht die Liebe, / Die ich im Herzen hab...“. Im Alter vergeht die Zeit viel zu schnell. Wenn ich zurück auf meine Jugend schaue, dann kommt mir der Zeitraum klein vor. Wer als Zwanzigjähriger hinaufschaut zum Alter von 85 – das sind Ionen.
Wie hat sich Ihre Kunst verändert in den vergangenen Jahren? Ich kann meine Arbeit nur sehr schwer kommentieren. Ich habe sie gemacht – basta. Die Kraft des Zufalls spielt eine große Rolle. Das in ein Bild zu übertragen, was ich im Kopf habe, gelingt nie. Ich habe eine Vorstellung, doch wie es endet, wird sich herausstellen.
Sie sind Schauspieler, Maler, Musiker, Autor. Vermissen Sie nichts, wenn Sie nun nur noch malen und keine Filme mehr drehen? Ich habe schon oft gesagt, die einzige Arbeit, bei der ich wirklich frei bin, ist das Malen. In allen anderen Berufen, die ich ausgeübt habe, war ich abhängig – als Schauspieler von Regisseur, Drehbuch, Kameramann und vielem anderen. Beim Malen ist das anders, da fühle ich mich ungebunden, da kann ich fliegen.

Pure Ironie. Mueller-Stahl ist aber kein blasierter Star, sondern ein fast demütiger Mensch, der seinen Wohnsitz in Ostholstein als Heimat begreift. Deshalb ist das Eutiner Museum nun zum wiederholten Mal der Ort, an dem eine große Ausstellung seines Werks stattfindet. Selbst die Avancen des Landrats Reinhard Sager, der sich beim Pressetermin ein wenig im Ruhm des prominenten Mitbürgers sonnt und für den Sonnabend eine Feierstunde im Vorgriff auf den halbrunden Geburtstag ankündigt, nimmt Mueller-Stahl gelassen hin.

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Man kennt die Talente des Jubilars: Es gibt wieder eine Reihe von Porträts, die weniger auf plakative Ähnlichkeit abzielen als auf das Sichtbarmachen von inneren Merkmalen. Auf dem Siebdruck „John Lennon“, der in frischen Farben leuchtet, erkennt man hinter dem Idol den Menschen, der man selbst in jenen Jahren gerne gewesen wäre, als der Musiker Repräsentant eines freien Lebensstils war. Auch historischen Personen hat sich Mueller-Stahl so genähert. Aus dem Bild, das mit Carl Maria von Weber beschriftet ist, scheint aber eher Mueller- Stahls Lübecker Galerist Frank-Thomas Gaulin herauszuschauen. „Der ist ja auch eine Persönlichkeit“, sagt der Maler lakonisch.

Schnell hingeworfene Schemen, stark abstrahierende Skizzen – darin ist Mueller-Stahl ein Meister. Eine Papierarbeit wie „Vier pissende Männer“ mit viel Gelbtönen und eilig umrissenen Figuren erschöpft sich nicht im karikierenden Witz, sondern offenbaren ein Gespür für rege Nebenschauplätze. Zu den schnellen Bildern gehören auch übermalte Buchseiten. Sie stammen aus einem alten Lexikon, Mueller-Stahl sieht in den Blättern Zeugen vergehender Zeit, die er mit getuschten oder farbigen Figuren wiederbelebt.

Zum dritten Mal in Eutin

Das Ostholsteinmuseum in Eutin zeigt zum dritten Mal in einer großen Ausstellung Bilder Armin Mueller- Stahls. Die von Museumsleiterin Julia Hümme kuratierte Schau öffnet am kommenden Sonntag.
Armin Mueller-Stahl, geboren am 17. Dezember 1930 im ostpreußischen Tilsit, war ab 1952 im Ostberliner Theater am Schiffbauerdamm von Bertolt Brecht engagiert und spielte in zahlreichen DDR-Filmen mit. Nachdem er praktisch Berufsverbot bekam, übersiedelte er 1980 in die Bundesrepublik. Er war ein begehrter Charakterdarsteller, auch Hollywood beschäftigte ihn. Er lebt in Sierksdorf und Pacific Palisades.

Er sagt, dass ihn Gemälde, die Planung und Präzision erfordern, quälen. Dennoch ist auch die Königsdisziplin der Malerei, das Ölgemälde, vertreten: Bilder zum „Urfaust“ illustrieren nicht das Drama, sondern haben Textstellen zum Vorbild. Aus dunklem Hintergrund schälen sich beunruhigende Figuren. Und dann ist auch noch das Thema Flucht zu entdecken. Düstere Bilder von Personenbündeln, einige singen im Walde.

Mueller-Stahls Motive sind stets Figuren, Menschen, Charaktere. Er wirft auf alle einen intensive Blick, der die Dargestellten verwandelt, ihnen eine Geschichte gibt. Ein Programm habe er nicht beim Malen, er sei selbst gespannt, wie sich seine Kunst in Zukunft entwickeln werde. Museumsleiterin Julia Hümme versichert dann auch: „Wer wie Armin Mueller-Stahl noch im Alter seine künstlerische Wandelbarkeit unter Beweis stellt, der blickt nicht wehmütig auf ein vergangenes Jahr, sondern erwartungsvoll auf das kommende.“

Michael Berger