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Kultur im Norden Auf dem letzten Weg: Unterwegs mit einem Sterbe-Begleiter aus Lübeck
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09:10 01.11.2019
„Ich fühle mich gut aufgehoben“: Herr W. freut sich über die Besuche von Palliativpfleger Sebastian Heinlein. Dank eines guten Netzwerkes kann er weiter zu Hause leben. Quelle: Fotograf Lutz Roeßler
Lübeck

Charly Brown und sein Hund Snoopy sitzen auf einem Steg und schauen aufs Wasser.

Sagt Charly: Eines Tages werden wir sterben, Snoopy.

Sagt Snoopy: Stimmt, aber an allen anderen Tagen werden wir leben.

Die Karikatur hängt an der Pinnwand neben Einsatzplänen, Terminen und Adressen. Sebastian Heinlein sitzt am PC, checkt Mails und seine heutigen Termine. Um sieben Uhr hat seine Schicht begonnen. Etwa sechs Patienten besucht er durchschnittlich pro Tag, heute sind es vier. Ältere, Jüngere, Frauen, Männer, die eines eint: die Diagnose „unheilbar krank“. Sie leben trotzdem oder nach einem Krankenhausaufenthalt wieder zu Hause. Menschen in Ausnahmesituationen, im Wechselbad zwischen Verzweiflung, Verstehen, Wut, Hoffnung, Trauer, Angst, Aufbegehren. Menschen, die mehr Fragen haben als Antworten. Sebastian Heinlein kommt, um einige Antworten zu geben. Um Zuzuhören. Neben Angehörigen, Ärzten und Pflegediensten sind er und seine Kollegen für die Patienten eine Stütze in einer Lebensphase, in denen die bekannten Sicherheiten nichts mehr gelten.

„Ohne Netzwerke geht es nicht“

Wie bei Herrn W. In seiner hellen Wohnung im Lübecker Hochschulstadtteil sitzt er im Pflegebett im Wohnzimmer und wartet auf uns. Die 91 Jahre sieht man ihm nicht an. Fröhliche Augen und Erzähllaune. Neben dem Bett und auf der Kommode stehen Fotos von seiner verstorbenen Frau. Viele Bilder an den Wänden erzählen von einem erfüllten Leben. Seine Krankheitsgeschichte begann mit der Diagnose Prostatakrebs. Außerdem waren seine Beine in den vergangenen Wochen stark geschwollen und entzündet, Sebastian Heinlein hat sie versorgt. Gestern sind die neuen Stützstrümpfe angekommen. Nun versuchen die Männer, sie über die inzwischen wieder schmalen Beine zu ziehen, zu rollen, zu schieben – keine Chance. Sie witzeln und lachen. Es funktioniert nicht, also umwickelt Sebastian Heinlein die Beine mit Binden. Herr W. möchte, so lange es geht, in der Wohnung bleiben. Mit dem Rollator kann er sich dort bewegen, Frühstück macht er sich selbst. „Tost und was Süßes. Ohne Marmelade läuft der Laden nicht.“ Seine Nichten kommen häufig, die Haushaltshilfe „bemuttert“ ihn, die Nachbarn kümmern sich. „Ich fühle mich hier gut aufgehoben.“

Hanse Talk „Den Tod ins Leben holen“

Zum Hanse Talkunter dem Titel „Den Tod ins Leben holen“ laden die Lübecker Nachrichten für Donnerstag, 14. November, ins Europäische Hansemuseum ein. Beginn ist um 19.30 Uhr (Einlass 19 Uhr) im Raum „La Rochelle“.

Unter der Moderation von Chefredakteur Gerald Goetsch diskutieren Sozialminister Dr. Heiner Garg (FDP), Dr. Merwe Carstens, Fachärztin für Innere Medizin und Sektionsleiterin Palliativmedizin der Sana-Kliniken Lübeck, Fred Mente, Geschäftsführer der Vorwerker Diakonie, Thomas Schell, Geschäftsführer des Palliativnetzes Travebogen sowie Tinka Beller, ehrenamtliche Betreuerin und stellvertretende Vorsitzende der Lübecker Hospizbewegung.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion können die Besucher den Podiumsteilnehmern Fragen stellen. Anmeldung bis Montag, 11. November, 18 Uhr, unter: www.ln-online.de/todinslebenholen.

„Ohne Netzwerk geht es nicht“, sagt Sebastian Heinlein. Der 40-Jährige ist Altenpfleger mit einer speziellen Ausbildung in Palliativpflege. Palliare kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: etwas mit einem Mantel umhüllen. Etwas Wärmendes also. Schützendes. Menschen werden vom Palliativteam umsorgt, wenn es nicht mehr darum geht, eine Krankheit zu besiegen, sondern ihnen zu ermöglichen, mit der Krankheit so gut es geht zu leben und das Sterben ein bisschen weniger schlimm zu machen. Wie er die Patienten antrifft, wisse er nie vorher, sagt Heinlein. Hatten sie eine schlimme Nacht? Wirken die Medikamente? Welche Bedürfnisse haben sie? Körperlich, seelisch, sozial, auch spirituell. Durchschnittlich eine halbe Stunde pro Besuch plant er ein, das variiere je nach Bedarf. Auch, wie oft er sie pro Woche besuche.

„Du hörst es, aber du kannst es nicht erfassen“

Verlässlichkeit ist wichtig für Menschen, bei denen das Leben eben mal alle Verlässlichkeiten über den Haufen geworfen hat. So wie bei Conny im März. Die Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Unheilbar. „Du hörst es, aber du kannst es nicht erfassen. Du lebst in einer Blase. Ich wollte dann auch keinen sehen außer meinen Mann. Die guten Wünsche der Freunde konnte ich nicht hören. Oder die Fragen. Ich hatte ja selbst keine Antworten.“ Conny wirkt vital an diesem Morgen. Gestern sah es anders aus. Jeder Tag ist anders. „Damit muss man erst mal klarkommen. Ich war vorher immer aktiv. Bin Fahrrad gefahren, war im Garten.“ Conny ist 64 Jahre alt, vor kurzem Oma geworden. Sie macht eine Chemotherapie, um ihre Lebenszeit zu verlängern, nimmt dafür alles Übel in Kauf. „Alle Behandlungen zahlt die Kasse, auch die Fahrt mit dem Taxi dahin. Gut, dass man sich nicht auch noch um das Finanzielle Sorgen machen muss“, sagt ihr Mann. Er sieht müde aus und blass. „Ist alles nicht so einfach. Ich hab‘ Federn gelassen in den letzten Monaten.“

Mit Conny bespricht Sebastian Heinlein den Medikamentenplan. Quelle: Fotograf Lutz Roeßler

Sebastian Heinlein bespricht den Medikamentenplan, beantwortet Fragen zu neuen Tabletten. Eine Kollegin aus dem Palliativteam hat Conny gezeigt, wie sie selbst durch Akupressur entspannen und Schmerzen lindern kann. „Das tut gut. Man hat Hilfe, man kann fragen, und das gibt Sicherheit.“ Sebastian Heinlein ermuntert die Patienten, anzurufen, wenn es ihnen schlecht geht. Auch nachts. „Manchmal komme ich und höre: Ach, ich hatte wieder so eine schlimme Nacht. – Ja, warum haben Sie denn nicht angerufen?“ Es gibt einen Bereitschaftsdienst rund um die Uhr. „Wir sind dazu da, den Patienten und den Angehörigen Sicherheit zu geben. Ihnen Strategien zu zeigen, wie sie in Krisen reagieren können. Sie nicht unvorbereitet zu lassen. Ihnen so viel Autonomie wie möglich zu geben.“ Denn jeder Tag ist für die Schwerstkranken ein Weg auf unbekanntem Gelände, mit Fallstricken, Hürden, Abhängen, sonnigen Wegen, Schotterpisten und Durststrecken. Da ist es gut, verlässliche Stützen zu haben, Wegmarken, an denen man sich orientieren kann.

Die Angehörigen tragen eine große Last

Nicht nur für die Patienten. „Manchmal sind wir für die Angehörigen fast noch wichtiger, sie tragen eine große Last“, sagt Heinlein. Conny und ihr Mann haben in diesem Jahr ihren 42. Hochzeitstag gefeiert. Manchmal, wenn es Conny gut geht, fährt er im Auto mit seiner Frau an die Küste oder nach Mecklenburg durch die Landschaft. Manchmal, wenn es Conny gut geht, sortiert sie Schubladen oder ihre Fossiliensammlung. „Dann kann ich mich fokussieren, die Gedanken drehen sich mal nicht um die Krankheit“, sagt Conny. „Es muss ja weitergehen.“ Sie lacht. „Bloß nicht den Humor verlieren.“

Seit drei Jahren arbeitet Sebastian Heinlein in Lübeck. Diese pragmatische Haltung der Norddeutschen, dieses „Es ist, wie es ist. Man muss das Beste daraus machen“ sei ihm aufgefallen. Er hat vorher in Bayern gearbeitet. „Im katholisch geprägten Bayern ging es in den Gesprächen häufiger auch um Schuld oder die Frage: Warum ich?“ Heinlein hat im Zivildienst in der Altenpflege gearbeitet, dann angefangen, Politik und Philosophie zu studieren. Doch er wollte nah dran sein an den Menschen, hat sich als Altenpfleger ausbilden lassen mit der Spezialisierung auf Palliativpflege und Ethik, er ist der Vorsitzende des Ethikkomitees im „Travebogen“. „Man lernt Demut vor dem Leben. Manchmal hat man auch keine Antworten, dann muss man die Situation einfach aushalten. Auch Ehrlichkeit kann Sicherheit geben.“

Wer schwer krank ist, hat ein volles Programm

Der nächste Patient wohnt auf Marli, der 86-Jährige liegt im Pflegebett im Wohnzimmer. Markantes Profil, der schmale Körper ist mit einer Decke zugedeckt. Er trägt ein weißes Oberhemd. Sebastian Heinlein bespricht mit seiner Frau, die sich um alles kümmert, den Medikamentenplan, erneuert Medizin in der Notfallbox. Der wöchentliche Besuchsplan der Pfleger und Ärzte hängt neben dem Bett. Viele Termine, vielleicht könnte man sie reduzieren? Wer schwer krank ist, hat ein volles Programm, manchmal muss man sich Freiräume schaffen.

Der Tod sei eher selten ein Thema bei seinen Gesprächen, sagt Heinlein. Aber das Sterben, der Prozess treibe die Menschen um. „Die Angst vor Schmerzen, vor dem Ersticken ist groß. Wir können nichts versprechen, aber den Menschen Dinge an die Hand geben. Eine sehr gute Schmerzfreiheit ist heute möglich, aber wir können sie nicht zu 100 Prozent garantieren.“

So funktioniert das Palliativnetz Travebogen

Das Palliativnetz Travebogen in Lübeck unterstützt schwerstkranke und sterbende Menschen sowie deren Familien und Freunde.

Die Palliativ Care Teamsbestehen aus Ärzten, Pflegefachpersonen, Sozialarbeitern und anderen Therapeuten. Eine 24-Stunden-Ruf- und Einsatzbereitschaft sichert die Versorgung für die Patienten in dieser schweren Situation.

Die Beratungsambulanz stellt Betroffenen und Angehörigen Raum und Zeit für ihre Fragen zur Verfügung. In den Gesprächen werden gemeinsam Lösungen für die individuelle Situation entwickelt.

Der Fachpflegedienst kombiniert die Betreuung onkologischer Patienten zu Hause sowie spezialisierte und allgemeine ambulante Palliativversorgung.

Die Akademie Travebogen bietet Kurse, Workshops und Vorträge für Laien und Profis an.

Die Stiftung Travebogenwurde gegründet, um die Arbeit vom Palliativnetz Travebogen durch die Beschaffung zusätzlicher Mittel dauerhaft zu sichern.

Einzugsgebiet:Region Nord: Bad Segeberg, Wahlstedt, Todesfelde bis Bornhöved; Region Ost: Lübeck und Umgebung; Region Süd: Ahrensburg, Bargteheide, Bad Oldesloe und Reinfeld; Region West: Bad Bramstedt, Henstedt-Ulzburg.

Voraussetzungen: Es besteht ein grundsätzlicher gesetzlicher Anspruch (§37b SGBV) auf die spezialisierte ambulante Palliativversorgung, wenn die Notwendigkeit durch eine ärztliche Verordnung bescheinigt wird.

Wie oft wird man besucht: Das richtet sich nach der Notwendigkeit. Mindestens dreimal die Woche, aber auch mehrmals täglich.

Pläne: Das Palliativnetz Travebogen, die Vorwerker Diakonie, die Lübecker Hospizbewegung und der Kinderhospizverein „Die Muschel“ wollen ein gemeinsames Hospiz- und Palliativzentrum in Lübeck errichten.Weitere Infos:www.travebogen.deBei Fragen wenden Sie sich an Kornelia Schneider, Telefon 0451 / 1608 5941

Klar ist, dass am Ende der Begleitung der Tod steht. Man kann ihn nicht verhindern, aber gut behüten. „Wenn wir es schaffen, dass die Patienten und Angehörigen ganz gut durch die Zeit kommen, dass man ihnen die Sicherheit geben kann, die sie brauchen, dann gibt es auch ein Gefühl der Zufriedenheit, dann kann es eine gute Zeit sein.“ Wenn der Patient verstorben ist, bieten die Pfleger an, die Familie beim Abschied zu unterstützen und den Leichnam zu richten. „Oft sind das sehr schöne, friedliche Momente.“

Wir fahren nach Karlshof zu Raimund. Er sitzt im Pflegebett im Wohnzimmer mit Blick in den Garten. Schwarzes T-Shirt, markantes Gesicht, direkte Ansprache. „Was möchten Sie wissen?“ – „Wie geht es Ihnen heute?“ – „Ganz gut, wenn ich alles mache, was Herr Heinlein sagt.“ – „Was wäre das?“ – „Regelmäßig inhalieren zum Beispiel.“

Raimund hat Besuch von seiner Tochter. Mit Sebastian Heinlein bespricht er Möglichkeiten, weiterhin in der Wohnung mobil zu bleiben. Quelle: Fotograf Lutz Roeßler

Raimund hat Lungenkrebs, er kommt gerade nach einer Krise aus dem Krankenhaus, seine Tochter ist bei ihm. Die Familie ist groß, sie kümmert sich. Je länger wir reden, desto jünger wirkt Raimund. Sein Leben, im Kurzdurchlauf, klingt nach Rock’n’Roll. An den Wänden hängen selbst gemalte Bilder. Raimund ist 68. „Zu jung zum Sterben“, sagt er. „Aber ich habe mich damit abgefunden.“ durch die große Glastür blickt er auf seinen schön gestalteter Garten. Der kugelförmig geschnittene IIex wächst nach oben aus. „Den schneid ich noch wieder in Form.“

Wie das Leben, so das Sterben, sagt man. Selbst bestimmen, aktiv sein. Autonomie ist wichtig, sie kommt zu Raimund in Gestalt eines Rollstuhls. Der Rollator ist bestellt, aber noch nicht da. Sebastian Heinlein will bei der Firma nachfragen. Auch wegen einer kleinen Rampe, um die Stufe vom Wohnzimmer zur Terrasse zu überbrücken. Viele kleine Schritte für mehr Lebensqualität.

„Man lernt wenig übers eigene Sterben, aber über das Leben“

Gegen 13 Uhr sind wir wieder im Büro von „Travebogen“. Es ist, als käme man aus einer Parallelwelt zurück in den Alltag. Einer Parallelwelt, in der Worte, auch das Schweigen mehr Gewicht haben als anderswo. Wie viel nimmt Sebastian Heinlein von dieser Welt mit in seine private? „Die Themen Tod und Sterben schleichen sich auch zu Hause ein, das kann man nicht verhindern. Ich habe einen anderthalbjährigen Sohn und eine fünfjährige Tochter. Sie fragt mich nach der Arbeit und weiß, was Krebs ist, was da passiert. Aber die beiden sorgen natürlich auch dafür, dass ich schnell auf ganz andere Gedanken komme.“

Und was lernt man, wenn man von Berufs wegen täglich mit dem Sterben zu tun hat? „Man lernt wenig übers eigene Sterben, aber viel über das eigene Leben. Die eigene Endlichkeit ist mir immer bewusst. Vielleicht bin ich deshalb ernsthafter als andere Menschen. Mir fehlt die Unbekümmertheit, ich schätze den Moment.“

Eines Tages werden wir sterben.

Stimmt, aber an allen anderen Tagen werden wir leben.

Von Petra Haase

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