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Kultur im Norden Nach Meese bringt Doris Salcedo moderne Kunst nach Lübeck
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11:24 06.09.2019
„Von höchster Relevanz für die Gegenwart“; Doris Salcedo thematisiert die Folgen von Gewalt in ihrer Werken. Erstmals in Deutschland zu sehen in St. Annen in Lübeck. Foto: Lutz Roessler
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Lübeck

Fünf Holztische stehen im leeren Raum. Alt und verwittert sehen sie von weitem aus, beim näheren Hinsehen bricht die Struktur auf. Die Tische sind aus unzähligen kleinen Splittern zusammengesetzt. Doris Salcedo will damit an Vergewaltigungen erinnern, die viele Frauen während des kolumbianischen Bürgerkrieges und der bis heute anhaltenden Gewaltherrschaft erlitten haben. Sie hat die Tische – gefundene und selbst gebaute – dafür zunächst zerstört und danach mit Leim wieder zusammengesetzt. „Man sieht den Frauen das Erlebte nicht an, sie müssen neu von null anfangen. Aber die Wunden werden niemals heilen“, sagt die Künstlerin, die sich vorher in vielen Interviews den Schicksalen der Frauen angenähert hat.

Bis November kann man sich in der Kunsthalle St. Annen in Lübeck mit den Werken von Doris Salcedo auseinandersetzen. Wir haben uns schon mal umgesehen.

LondonNew YorkLübeck

„Tabula Rasa“ heißt die Installation, so ist auch die Werkschau in der Kunsthalle St. Annen überschrieben, die morgen eröffnet wird. Nach der Ausstellung von Jonathan Meese ist Lübeck nun zum zweiten Mal Schauplatz zeitgenössischer Kunst. „Doris Salcedo ist eine international renommierte Künstlerin, die in der Tate Modern und im Guggenheim Museum ausgestellt hat. Und jetzt in Lübeck“, sagt Kunsthallen-Leiterin Antje-Britt Mählmann, die seit einem Jahr im Amt ist und das Profil des Hauses schärfen möchte.

LondonNew YorkLübeck: Diese Route von Salcedos Kunst ist der Lübecker Possehl-Stiftung zu verdanken, die im vergangenen Jahr erstmals einen mit 25 000 Euro dotierten Preis für Internationale Kunst ausgeschrieben hat. Die Wahl der international besetzten Jury fiel auf die Künstlerin, weil sie „für politische Herrschaftssysteme, Rassismus und systematische Ungleichbehandlungen poetische Bilder“ finde und ihr Werk „von höchster Relevanz für die Gegenwart ist“, sagt Oliver Zybok, Jurymitglied und Kurator der Lübecker Ausstellung. „Es ist ein sehr eindeutiges Votum gewesen“, ergänzt Max Schön, Vorsitzender der Possehl-Stiftung.

Drei Gründe, die Ausstellung zu besuchen

„Es ist die erste Ausstellung von Doris Salcedo in Deutschland. Sie stellt sonst in der Tate Modern in London und im Guggenheim Museum in New York aus, ihr Atelier ist in Kolumbien. Jetzt hat man einmalig die Möglichkeit in Deutschland, speziell in Lübeck, sich ihre Kunst anzusehen – das empfehle ich unbedingt.“

Antje-Britt Mählmann, Leitende Kuratorin der Kunsthalle St. Annen

Doris Salcedo ist eine der wichtigsten Künstlerinnen des 21. Jahrhunderts. Sie schafft es, mit minimalistischen Elementen eine unglaublich große Wirkung zu erzielen im Raum. Das Thema Gewalt, vor allem die Erinnerung an die Opfer, steht bei ihr ganz oben im Fokus. Ein Thema, das uns alle betrifft.“

Oliver Zybok, Kurator der Ausstellung

„Ein Grund ist ihre Kunst. So eine Ausstellung, die mit so viel Akribie und Liebe aufgebaut wurde, hatten wir hier noch nie. Außerdem zeigt die Ausstellung von Doris Salcedo nach Jonathan Meese: Lübeck steht nicht nur für Mittelalterkunst, sondern ist auch ein toller Ort für Gegenwartskunst.“

Max Schön, Vorsitzender der Possehl-Stiftung

Geburtsstadt Bogotá ist ihre Heimat

Doris Salcedo wurde 1958 in Bogotá geboren, hat dort und in New York Kunst studiert und lebt in Bogotá. Kunst bedeutet für die 61-Jährige immer Auseinandersetzung mit Gewalt und Ausgrenzung. Für Aufsehen sorgte 2007 der riesige Riss im Betonboden der Turbinenhalle der Tate Modern in London – er symbolisierte die Abschottungs- und Ausgrenzungsmechanismen der sogenannten „ersten Welt“.

Teppich aus Tausenden Rosenblättern

Die Folgen von Gewalt und Verbrechen, die Erinnerung an die Opfer sind auch Themen ihrer Arbeiten, die in Lübeck zu sehen sind. So liegt in der zweiten Etage ein riesiges, in rötlichen Tönen changierendes Tuch auf dem Boden. Zart, filigran und sehr ästhetisch wirkt es. Der Blick darauf ändert sich, wenn man den Hintergrund kennt. Das Werk „A Flor de Piel“ besteht aus tausenden konservierten Rosenblättern, die über mehrere Jahre mit Garn zu einer einzigen großen Fläche von etwa fünf mal viereinhalb Metern zusammengenäht wurden. Es erinnert an die Geschichte einer kolumbianischen Krankenschwester, die ein schweres Leben hatte, gekidnappt und zu Tode gefoltert wurde. Kennt man die Geschichte, kommen Assoziationen an eine Blutlache oder ein Leichentuch.

Zu sehen bis zum 3. November

Morgen um 19 Uhrerhält Doris Salcedo den Internationalen Kunstpreis, damit wird auch die Ausstellung eröffnet (auf Einladung).

Öffnungszeiten: Di-So von 10 bis 17 Uhr

Bis zum 3. Novemberläuft die Ausstellung

Der aufwendig gestaltete Katalogzur Ausstellung kostet 29 Euro

Es gibt ein umfangreiches Rahmenprogramm

Weitere Infos unter www.kunsthalle-st-annen.de

Gras wächst aus Tischen

Erklärungen an den Wänden wollte die Künstlerin nicht – die Objekte im Raum, akkurat arrangiert, sind ein Gesamtkunstwerk und vertragen keine Störung. Deshalb ist der Besucher gut beraten, sich ein Infoheft auf seinen Rundgang mitzunehmen. So erschließt sich dann auch die Installation „Plegaria Muda“ (stilles Gebet). Zahlreiche Tische sind in einem Raum aufeinander gestapelt, aus vielen Ritzen wachsen Grashalme (die vor drei Wochen angepflanzt wurden und in den kommenden Wochen immer auf Länge gehalten werden). Das Werk soll an die Opfer der Bandenkriminalität von Los Angeles erinnern, die Salcedo längere Zeit erforscht hatte.

Gespensterhafte Gewänder

Die Stoff-Arbeiten „Disremembered“ wirken gespensterhaft und fragil – jedes Gewand ist aus Rohseide und mehr als 12 000 Nadeln gefertigt. Ausgangspunkt waren Interviews mit Müttern aus Chicago, die ihre Kinder durch Waffengewalt verloren haben.

Doris Salcedo ist glücklich darüber, dass ihre Arbeiten nun auch in Deutschland zu sehen sind, „denn Gewalt ist ein universelles Thema“. Sie findet poetische Bilder dafür, die durch ihre Ästhetik und handwerkliche Präzision überzeugen – dafür sollte man sich Zeit nehmen.

Posehl-Preis: 25 000 Euro für die Kunst

2019 wird zum ersten Mal der Possehl-Preis für Internationale Kunst vergeben. Mit dem Preis werden alle drei Jahre lebende Künstlerinnen und Künstler mit nationalem und internationalem Renommee für ihr Lebenswerk oder eine herausragende Arbeit beziehungsweise Werkgruppe ausgezeichnet. Für die Würdigung stehen eine außerordentliche künstlerische Auseinandersetzung und eine mindestens über ein Jahrzehnt hinaus andauernde kontinuierliche Leistung im Vordergrund, die eine besondere Anerkennung verdienen. Der Preis wird innerhalb der Sparten Skulptur, Installation, Neue Medien und Performance sowie Formen des künstlerischen Aktionismus vergeben. Intermediale Bezüge vielfältiger künstlerischer Ausdrucksformen im Gesamtwerk werden verstärkt bei einer Preisvergabe berücksichtigt. Die Auszeichnung umfasst ein Preisgeld von 25.000 Euro sowie die Ausrichtung einer Ausstellung in der Kunsthalle St. Annen.

Weitere Informationen unter: www.possehl-stiftung.de/stiftung/preise/kunstpreis.html

Von Petra Haase

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