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Kultur im Norden Geschichte im Kleinformat
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17:26 30.01.2019
1961, Mauerbau in Berlin: In dieser Szene ist auch Willy Brandt zu sehen, wie er vor einer Fernsehkamera ein Interview gibt. Quelle: Lutz Roeßler
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Lübeck

45 Jahre war Berlin geteilt, von 1945 bis 1990. Dann griff eine nach wie vor wundersame Revolution der Geschichte in die Speichen, machte aus zwei deutschen Staaten wieder einen, und auch die in Ost und West zerfallene Stadt wuchs zusammen. Im Willy-Brandt-Haus kann man sich die Geschichte der Berliner Teilung anschauen, im Zeitraffer und im Kleinformat. Am Freitag, 1. Februar, wird die Ausstellung eröffnet.

Vor zehn Jahren war sie schon einmal zu sehen. In Hamburg war das, wo die dortige Landeszentrale für politische Bildung mit dem Miniatur Wunderland zusammengearbeitet hatte. Sieben Dioramen waren entstanden, die an einer Berliner Ost-West-Kreuzung Stationen der Geschichte anschaulich machten. Bei einer Tagung wurde die Brandt-Haus-Museumspädagogin Frauke Kleine Wächter auf die Schaukästen aufmerksam, setzte sich mit dem Wunderland in Verbindung, und jetzt sind sie bis Ende März in Lübeck zu sehen.

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Bis zum 31. März

Die Sonderausstellung „Geteilte Stadt. 1945-1990“ wird am Freitag, 1. Februar, um 13 Uhr im Willy-Brandt-Haus (Königstraße) eröffnet. Zu den Gästen zählen Sabine Bamberger-Stemmann, die Leiterin der Hamburger Landeszentrale für politische Bildung, und Sebastian Drechsler vom Miniatur Wunderland. Die Schau ist täglich von 11 bis 18 Uhr zu sehen und läuft bis zum 31. März. Der Eintritt ist frei.

Die Kreuzung hat es so nicht gegeben, aber an ihr lässt sich idealtypisch deutlich machen, was die Teilung bedeutete. Der Bogen spannt sich dabei von den Brandruinen des Zweiten Weltkriegs bis zu den Tänzen auf der Mauer nach deren Fall. Bevölkert sind die Szenen von kleinen Figuren, wie sie in der Miniatur Wunderwelt in der Hamburger Speicherstadt seit Jahren Millionen Besucher anziehen.

Man kann in sieben Schritten hinter Plexiglas verfolgen, wie die Trümmer und Spuren des Krieges verschwinden und einem Neuanfang weichen. Es wird gebaut, die Bäume werden größer, aber auch der Todesstreifen wächst. Eine S-Bahn, die anfangs noch beide Teile verbindet, bricht in den Sechzigerjahren buchstäblich ab. Man sieht Alltagsszenen aus Ost und West, Demonstrationen, Punks und flügelschlagende Gänse, man sieht den Mauerbau und Senioren vor ihrem Heim in der Sonne sitzen. Man sieht, was die Brandt-Haus-Leiterin Bettina Greiner „historische Wimmelbilder“ nennt. Die Geschichte werde mit einem spielerischen Ansatz präsentiert, sagt sie, aber es werde nichts beschönigt oder weggelassen.

Die Ausstellung richte sich an alle, aber gerade auch an jüngere Besucher, an die „Generation Merkel“, betont Frauke Kleine Wächter. Erich Honecker etwa sage nicht mehr vielen etwas, aber das gelte für Willy Brandt oder Konrad Adenauer gleichermaßen. Da müsse die Vermittlung anders laufen, über Werte wie Demokratie oder Menschenrechte etwa. Freitagfrüh aber wird sie vor der offiziellen Eröffnung mit Schulklassen durch die Ausstellung gehen, ein Angebot, das große Resonanz gefunden habe.

Eine zweite Grenzanlage in Reserve

Zur Ausstellung gehören auch ein Suchscheinwerfer und ein alter Grenzpfahl, Leihgaben des Grenzhuus’ aus Schlagsdorf. Die DDR habe im Übrigen eine komplette zweite Grenzanlage in Reserve gehabt, sagt Bettina Greiner – „ein echtes Ersatzteillager“. In einem weiteren Raum findet man eine Lesecke mit Literatur über die Grenze in der Region. Eine Wand ist grau wie die Berliner Mauer gestrichen und soll von den Besuchern beschrieben oder bemalt werden. Eine Art Gästebuch, und für die besten Einträge gibt es Freikarten für das Miniatur Wunderland.

Lübeck als einzige Großstadt an der innerdeutschen Grenze spielt in der Ausstellung auch eine Rolle. Es werden Fotos von der Teilung gezeigt, aber auch von deren Ende, als die Stadt voll war mit Trabbis und Wartburgs und sich die Menschen in die Arme fielen.

Willy Brandt taucht in der Ausstellung ebenfalls auf. Einmal steht er beim Mauerbau im Kleinformat vor einer Fernsehkamera, einmal sitzt er im Schatten der Mauer auf einem Podest und wartet darauf, interviewt zu werden. Die reale Interviewszene kann man in einer kleinen Schau sehen, die ebenfalls zum Programm gehört. Schwarzweiße Fotos zeigen da den Regierenden Bürgermeister von Berlin und späteren Bundespolitiker mit Gästen wie John F. Kennedy oder Richard Nixon an der Mauer, beim Gedenken an Peter Fechter, der aus der DDR fliehen wollte und nach Schüssen der Grenzsoldaten qualvoll im Todesstreifen starb.

Und man sieht ihn am Morgen des Mauerbaus und 28 Jahre später, am Tag nach dem Mauerfall, an gleicher Stelle. Grenzanlagen wie diese seien die Absage an den Versuch einer politischen Lösung, sagt Bettina Greiner. Willy Brandt aber sei der Gegenentwurf. Und während es 1961 beim Mauerbau weltweit 16 ähnliche Anlagen gegeben habe, seien es heute mindestens 65.

Peter Intelmann