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Kultur im Norden Adios, Amigos?
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16:23 25.07.2019
„Wichtig, dass es tanzbar und discofähig ist“: die Amigos in der MDR-Open-Air-Show „Die Schlager des Sommers“. Quelle: Sebastian Willnow/dpa
Hungen

Wer Bernd Ulrichs Haus betritt, wird fast geblendet. Hinter der Eingangstür beginnt es zu funkeln. An den Wänden reihen sich einige von mehr als 100 goldenen und Platinschallplatten – Beweise für Erfolg.

„Das macht einen stolz und dankbar“, sagt der 68-jährige Hausherr, die eine Hälfte der Amigos aus dem mittelhessischen Hungen. Auch sein Bruder Karl-Heinz (70), der Maurer gelernt und als Lastwagenfahrer gearbeitet hat und in der Nähe wohnt, ist froh, wie das Leben gelaufen ist. „Die Musik hat uns zu Millionären gemacht. Wir sind aber normal geblieben und machen keinen Blödsinn“, sagt er.

Im November in Lübeck

Die Amigos sind das ganze Jahr über auf Tour, quer durch die Republik, aber auch in Österreich, Frankreich, Belgien, der Schweiz und Italien.

Im Norden sind sie im Herbst dieses Jahres zu sehen: am 29. November im Stadeum in Stade und am 30. November in der Lübecker Musik- und Kongresshalle. Im kommenden Jahr spielen sie am 29. März in Rostock in der Stadthalle und am 2. Mai schon wieder in Stade. Dann heißt das Unternehmen „50 Jahre Jubiläums-Tour“.

Die Amigos, eines der erfolgreichsten deutschen Schlager-Duos, könnten sich den ganzen Tag in den Garten setzen und die Früchte ihres Erfolges genießen. Seinen Garten hat Bernd Ulrich so konzipiert, dass er wenig Arbeit macht – Kunstrasen und Kiesstreifen. Dazu ein Springbrunnen mit einer spärlich bekleideten Frauen-Skulptur, daneben thronen weiße Löwen-Statuen. Die Amigos sitzen auf der Terrasse, trinken Kaffee und rauchen reichlich.

Zuletzt haben sie allerdings viel gearbeitet. Am 26. Juli erscheint die neue Platte namens „Babylon“. Es ist das 28. Studio-Album und das 33. insgesamt – eine ganze Menge in fast fünf Jahrzehnten. „Für uns ist wichtig, dass es tanzbar und discofähig ist“, sagt Bernd Ulrich. „Und bei den Themen und Texten soll die Musik unsere Fans berühren.“

Texte aus dem Autoren-Pool

Das geht natürlich nicht selten mit Herz, Schmerz und Schmachten. Sie bemühen sich jedoch auch immer wieder um Themen mit Tiefgang. „Aber wir machen nichts Künstlerisches, es muss leicht verständlich sein“, sagt Bernd Ulrich. Produziert werden sie von Michael Dorth (Hennef), der auch schon für den Party-Sänger Michael Wendler gearbeitet hat. Ihre Texte bekommen sie mittlerweile aus einem Autoren-Pool. „Früher haben wir alles selbst geschrieben, jetzt haben wir unser Team zur Unterstützung.“

Die Botschafter der Opferschutz-Organisation „Weißer Ring“ singen auch über Verkehrstote, Umweltverschmutzung, Obdachlosigkeit oder Kindesmissbrauch. „Wir wollen auch mal Zeichen setzen“, findet Karl-Heinz Ulrich. Beim Thema Pädophile regt sich sein Bruder heftig auf: „Das ist das Allerletzte. Die Täter gehören weggesperrt.“

Kollegen meckern

Doch wenn die Amigos in der heilen Gute-Laune-Welt der Schlager- und Volksmusik solche Stimmungstöter behandeln, bleibt das nicht unkommentiert. Branchen-Kollegen hätten deswegen schon gemeckert, erzählen sie. „Wie könnt ihr nur über so etwas singen?“, hieß es da. Doch das ist Bernd Ulrich egal: „Wir wollen auf Missstände hinweisen.“

Die Amigos, die in Hallen für 2000 bis 3000 Zuschauer singen, haben eine treue Fan-Gemeinde. Ihre Alben erobern in den Hitparaden von Deutschland und Österreich regelmäßig Spitzenplätze. In der Schweiz waren sie fünf Jahre hintereinander auf Platz eins der Charts.

Bis dahin hat es allerdings eine Weile gedauert. Die Mitglieder der 1970 gegründeten Kombo machten Musik lange nur als Hobby. Produziert wurde zu Hause in einer umgebauten Garage, sie spielten auf Dorffesten und in Bierzelten. 2006 aber belegten sie Platz eins in der MDR-Musikshow „Achims Hitparade“ – der Durchbruch.

Als Bierbrauer gearbeitet

Plattenfirmen wurden auf das Duo aufmerksam. „Da waren wir auch für die interessant, die unsere Demo-Tapes zuvor abgelehnt hatten“, erinnert sich Bernd Ulrich, der früher als Bierbrauer gearbeitet hat. Dann machten sie hauptberuflich Musik und erhielten 2011 den Echo.

Mittlerweile absolvieren sie rund 150 Auftritte pro Jahr, sind viel auf Achse, werden aber nicht überall geliebt. Sie erhielten in den vergangenen Jahren schon viele Hass-Botschaften übers Internet. „Wir sind von einigen Vollpfosten übel beleidigt worden, wurden sogar bedroht“, berichtet Karl-Heinz Ulrich. Auch TV-Komiker hätten sie schon angefeindet. Ihre Erklärung für die Angriffe: „Wir polarisieren halt. Die Leute reiben sich zum Beispiel extrem an den Klamotten, die wir tragen“, sagt er.

Wie lange dauert die Karriere der Amigos noch? „Noch macht es einfach zu viel Spaß. Es ist noch nicht die Zeit, die Bühne zu verlassen“, sagt Karl-Heinz Ulrich. Nächstes Jahr wollen sie mal nachdenken, wie es weitergeht. „Dann werden wir sehen, wie es gesundheitlich steht. Dann bin ich 72. Eigentlich langsam Zeit zum Aufhören. Aber wenn wir in guter Verfassung sind, können wir noch ein paar Jahre dranhängen.“ Zwar wollen sie ihre Auftritte reduzieren und etwas zur Ruhe kommen. Doch ob das klappt erscheint fraglich: 2020 feiern sie ihr 50-jähriges Jubiläum.

Jörn Perske

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