Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden „Meese war ein Aufbruch“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden „Meese war ein Aufbruch“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 04.08.2019
Salutieren für die Kunst: Jonathan Meese vor seinen Arbeiten in der Kunsthalle St. Annen. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Hans Wißkirchen ist Direktor der Kulturstiftung Hansestadt Lübeck, bei der die Geschäftsführung für alle städtischen Museen liegt.

Fünfeinhalb Monate Meese in Lübeck – sind Sie zufrieden mit der Bilanz?

Ja, sind wir. Und zwar im doppelten Sinne. Zum einen werden an den fünf Orten mehr als 30 000 Besucher gezählt werden, was sehr gut ist für ein solch sperriges und kontroverses Projekt. Manche sind eigens aus Wien angereist. Zum anderen war es allen Beteiligten wichtig, ein Signal zu setzen. Und zwar für die ganze Stadt. Lübeck ist ein Ort mit Tradition, mit Nobelpreisträgern, mit großer Mittelalterkunst und vielem mehr, und das soll auch so bleiben. Aber es gibt seit einiger Zeit, nicht zuletzt mit Jan Lindenau als neuem Bürgermeister und Max Schön an der Spitze der Possehl-Stiftung, einen neuen Schwung, die Zukunftsthemen werden zunehmend wichtiger. Ich habe den Eindruck, dass sich Lübeck wandelt, es kommen mehr junge Leute, durch die Uni, durch Dräger, da muss man auch im kulturellen Bereich das Gegenwärtige stärken. Lübeck stand da bisher nicht in der ersten Reihe.

Eine letzte Führung

„Dr. Zuhause: K.U.N.S.T. (Erzliebe)“ war der Titel, unter dem Jonathan Meese seit Mitte Februar Lübeck bespielt hat. An fünf Orten – St. Petri, Grass-Haus, Overbeck-Gesellschaft, Kunsthalle St. Annen, Gollan-Kulturwerft – gab es Ausstellungen und eine Performance. Am 4. August gehen im Grass-Haus und der Kunsthalle auch die beiden letzten Aktionen zu Ende.

In der Kunsthalle kann man am 4. August noch von 11 bis 12 Uhr an einer letzten öffentlichen (Familien)-Führung durch die Meese-Schau teilnehmen.

Wie war das Medienecho?

Lübeck als Kunstort, als Gesamtkunstwerk fand sich bundesweit in der Presse. International eher weniger, aber es war ein erster Schritt, dem weitere folgen müssen.

Es gab teils heftige Reaktionen.

Das war immer klar. Zumal in St. Petri, einem Kirchenraum, auch wenn die Kritik dort teils zu hart ausgefallen ist. Aber jeder der fünf Orte hatte seinen ästhetischen Schwerpunkt, und in der Petrikirche war es die Fülle, das Exzessive Ausbreiten von gesammelten Dingen, die bei Meese dann zu einem Kunstarrangement werden. Das hat natürlich einen hohen Provokationscharakter.

Entsetzen und große Begeisterung

War das ganze Projekt als Provokation angelegt?

Wenn man es zugespitzt formulieren will: Ja! Und zwar, um zu zeigen, was Lübeck anders machen kann und wie Gegenwartskunst funktioniert. Da sind Dinge dabei, die man nicht versteht, die man nicht mag, die verstören, aber all das bewegt dann etwas. Das hat es in der Form und in der Intensität in Lübeck bisher nicht gegeben. Es war sicher das spektakulärste Kunstprojekt in Lübeck seit Langem. Das spürt man auch in den Reaktionen, die von Abscheu und Entsetzen bis zu großer Begeisterung reichten. Diese Mischung ist ein zentraler Erfolg. Ich denke, das wird bleiben.

Mehr zu Jonathan Meese finden Sie hier:

Sind Sie auch persönlich angegangen worden?

Es gab teils heftige Kritik, natürlich. Aber schlimm wäre es gewesen, wenn es dabei geblieben wäre, und das war nicht der Fall. Es gab Kritik, aber auch Lob. Und das ist in Ordnung so. Wenn man so etwas macht, dann muss klar sein, dass man dafür nicht von allen geliebt wird.

Auch die Zusammenarbeit der Beteiligten war ungewöhnlich.

Es zeichnet Lübeck aus, dass fünf so unterschiedliche Partner kooperiert haben. Und es wird weitergehen. Meese war ein Aufbruch. Es lohnt sich, da weiterzumachen. Das haben alle Beteiligten gemerkt. Und es sind schon weitere Ideen in der Planung.

Nicht gezuckt bei Meese

Haben Sie gezuckt, als der Meese-Gedanke erstmals aufkam?

Nein. Aber als Oliver Zybok, der Initiator des Projektes, auf mich zukam, war mir sofort klar, dass das für Lübeck eine Herausforderung werden würde.

Wie lang war der Vorlauf?

Etwa anderthalb Jahre. So etwas kann man sicher nicht jedes Jahr machen. Und man muss über neue Strukturen nachdenken, um gemeinsam bei solchen großen Kulturprojekten arbeiten zu können. Zentral ist für mich: Bisher kommen die Menschen wegen der schönen Stadt nach Lübeck und nehmen dann auch die Kultur wahr. Wir wollen zeigen: Es lohnt sich auch, nur wegen der Kultur zu kommen. Aber dann braucht die Stadt die ganze kulturelle Breite – von der Straßenkunst bis zum Museum. Da ist Meese sicher so etwas wie eine Initialzündung. Da ist aber für uns noch viel zu tun.

Keine Chance ohne Possehl-Stiftung

Mussten Sie in der Stadt viel Überzeugungsarbeit für ihn leisten?

Nein, zumal wir von Anfang die Unterstützung der Possehl-Stiftung hatten, die das maßgeblich finanziert hat. Sonst hätten wir das gar nicht machen können. Es gab noch einen Zuschuss von der Kulturstiftung des Landes, und jeder Partner hat auch einen kleinen Teil zubezahlt.

Mehr zu Jonathan Meese finden Sie hier: https://www.ln-online.de/Nachrichten/Kultur/Kultur-im-Norden/Meese-live!-Hoehepunkt-der-Luebeck-Festspiele

Wie teuer war das Projekt?

Es war gar nicht so viel, „875 Jahre Lübeck“ etwa war ungefähr doppelt so teuer. Auch die Mittelalterausstellung „Lübeck 1500“ hat wesentlich mehr gekostet. Und wir sind im Kostenrahmen geblieben.

Keine Denkverbote!

Wie hat es Meese selbst gefallen?

Ich glaube, sehr gut. Wichtig war, dass es keine Denkverbote gab. Das hatte er sich ausbedungen. Und es geht ja auch nur so. Aber das war nicht selbstverständlich, das hat er auch schon anders erlebt.

Viele waren angetan von seiner Persönlichkeit.

Er ist als Künstler eine Kunstfigur. Wenn man ihn persönlich spricht, erlebt man einen sehr sympathischen, fast zurückhaltenden Menschen. In der Kunst aber ist seine Radikalität bemerkenswert.

Haben Sie schon den nächsten großen Namen im Auge?

Jetzt kommt im September erst mal Doris Salcedo in die Kunsthalle St. Annen. Erstmals wird dann der Possehl-Kunstpreis verliehen, der mit einer Ausstellung in Lübeck verknüpft ist. Das ist eine Künstlerin von Weltformat, die sonst in Museen wie der Tate Modern ausstellt, aber in Deutschland bislang noch nicht zu sehen war. Das wird bundesweit, vielleicht europaweit Furore machen. Und für das nächste Jahr gibt es auch schon Pläne. Aber klar ist: Meese und die damit begonnene stärkere Betonung der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts bedeutet nicht den Abschied von unseren klassischen Kulturthemen. Es ist etwas, das hinzukommt. Erst beides zusammen macht den besonderen Wert dieser Stadt aus.

Auch Bilder verkauft

Sind auch Bilder verkauft worden?

Ja, aber das lief nicht über uns.

Ist eines bei der Stadt geblieben?

Ja, es werden eine oder zwei Grafiken in den Bestand der Kunsthalle kommen.

Lässt sich der Werbewert für Lübeck beziffern?

Wir werden das sicher noch auswerten. Aber bei der Verbandstagung des deutschen Museumsbundes im Frühjahr etwa haben mich schon Kollegen angesprochen, was Lübeck denn da macht. Das hätte man nicht gedacht. Es waren auch Sammler in Lübeck und haben sich die Arbeiten angeschaut.

Lübeck auf die Landkarte gesetzt

Ein gutes Zeichen?

Das ist wichtig, wenn später Werke verkauft oder besser noch verschenkt werden. Bisher bekommen wir etwa Thomas-Mann-Manuskripte angeboten, Gegenwartskunst gehört nicht dazu. Aber da ist Lübeck jetzt mit auf die Landkarte gesetzt worden. Diese Botschaft also ist angekommen. Wir haben einen Anfang gemacht. Wer so etwas auf die Beine stellt, dem traut man zu, vielleicht noch mehr zu schaffen. Diesen Schwung fortzusetzen wird die zentrale Herausforderung der nächsten Jahre sein. Ich bin sicher, dass uns das gelingen wird: Mit Hilfe der Stiftungen und weiteren Unterstützern.

Peter Intelmann

50 Kinder proben mit Profimusikern in Lübecks Hafenschuppen für die Piratenoper „Störtebeker“. Am 10. August feiert das Stück Premiere. Hier gibt es einen ersten Einblick.

04.08.2019

Ein magischer Park, ein altes Gutshaus, Musik, Tanz und Schauspiel: So schön wird das 20. Parkfest im Kultur-Gut Dönkendorf in Nordwestmecklenburg.

03.08.2019

Zum fünften Mal beschert Daniel Hope seinen Lübecker Freunden ein spezielles Musikfest innerhalb des SHMF. Zehn Auftritte in vier Tagen, oft an ungewöhnlichen Orten der Altstadtinsel in kleiner Runde. Das war das Konzept, das am Freitag allerdings nicht immer galt.

03.08.2019