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Kultur im Norden Musik aus dunkelster Zeit
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17:13 08.05.2019
Auf Partituren von Erwin Schulhoff sind die Stempel des Ghettos Theresienstadt zu sehen. Quelle: Foto: dpa
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Lübeck

Gideon Klein, Erwin Schulhoff, Pavel Haas und Rudolf Karel – sie alle entstammen einer Musiziertradition, die man noch im 19. Jahrhundert die böhmische nannte und die sich seit Zeiten Mozarts durch ihre hervorragende Bläserkultur auszeichnet. Studierende der Musikhochschule und ihre Instrumentallehrer führten ihre Kammermusikwerke mit Blasinstrumenten auf.

Verfemte Komponisten

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Spiegelt sich die furchtbare Situation der Komponisten in Bedrängnis, Verfolgung und Todesnot in ihren Kompositionen wider? Wenn überhaupt, lassen sich Spuren der Verzweiflung und Depression relativ unmittelbar im 3. Satz von Pavel Haas’ Suite für Oboe und Klavier op. 17 heraushören, die vor der Pause von Diethelm Jonas (Oboe) und Christian Ruvolo (Klavier) mit höchster Intensität vorgetragen wurde. Haas hat teilweise in der Partitur tagespolitische Ereignisse notiert: „Heute müssen wir unser Radio abgeben – für immer“, heißt es etwa am 29.9.1939, wie aus eingeblendeten Projektionen zu erfahren war.

Zuvor hatte Diethelm Jonas zusammen mit Rafael Sousa (2. Oboe), Reiner Wehle und Oleg Shebeta-Dragan (Klarinetten), Pierre Martens und Vasco Miguel Lessa Teixeira (Fagotte), Christoph Eß und Alexander Hertel (Hörner) in mustergültigem Zusammenspiel Gideon Kleins Divertimento für Bläseroktett aufgeführt, das teilweise der Groteske der Dada-Kunst der 1920er Jahre aber auch noch der tschechischen volkstümlichen Nationalmusik verpflichtet ist.

Komposition auf Toilettenpapier

Erwin Schulhoff, der vielleicht bekannteste der verfemten Komponisten, komponierte mit seinem Concertino für Flöte, Viola und Kontrabass ein munteres Vexierspiel, für die drei Musiker und erweist auch hier, wie nahe ihm die Jazz-Musik stand das Angela Firkins (Flöte), Barbara Westphal (Viola) und Jörg Linowitzki (Kontrabass) mit virtuosem Witz realisierten. Rico Gubler, Altsaxofon und Sergej Tcherepanov, Klavier, ergänzten den Eindruck von Schulhoffs Musik mit der bekannteren „Hot-Sonate“, die wiederum stark vom Jazz inspiriert ist.

Vielleicht wäre mit mehr Probenzeit das Zusammenspiel bei einigen gemeinsamen Forte-Akzenten noch perfekter ausgefallen. Zum Abschluss mit Rudolf Karels Nonett für Bläser und Streicher op. 43 tauchte in dem Programm ein weiterer Akzent auf, weil hier der Komponist „die Vorstellung des Frühlings, unseres Retters“ evozieren wollte. Die Komposition ist nur fragmentarisch auf herausgeschmuggeltem Toilettenpapier überliefert. Großer eindringlicher Applaus für die Ensembleleistung.

Dieter Kroll