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Kultur im Norden Bienen als Fluchthelfer
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14:23 25.07.2019
Ein Imker beim Rekordversuch mit Bienenhaube. Im Roman werden Flüchtlinge durch Bienenvölker geschützt. Quelle: Foto: Empics
Lübeck

Die Bienenkönigin der Art Apis mellifera carnica sucht den Körperkontakt zum Menschen. Nicht um ihn zu stechen, sondern um bei ihm zu sein. Das hat zur Folge, dass auch die anderen Bienen des Stammes, mehrere Tausende, sich zu dem Menschen hingezogen fühlen, bei dem ihre Königin weilt. Auch sie sind friedlich, wollen nur bei der Königin sein.

„Pro Flüchtling vier Lockenwickler mit je einer Königin“

Das hat in der Zeit des Nationalsozialismus einigen Juden das Leben gerettet. Es ist verbürgt, dass Imker in der Eifel gegen Geld – üblicherweise 200 Reichsmark – die von den Nazis verfolgten Menschen versteckt in präparierten Bienenstöcken über die Grenze nach Belgien brachten. Autor Norbert Scheuer, 1951 in der Eifel geboren, hat die Aufzeichnungen eines verstorbenen Imkers in die Hände bekommen und daraus mit meisterlicher Fantasie einen Roman gemacht. Darin heißt es: „Pro Flüchtling benötige ich in der Regel vier Lockenwickler, die ich jeweils mit einer Königin bestücke. Ich befestige je einen an Schulter und Brust und einen an den Jackenärmeln; das genügt, um den ganzen Körper mit einer Traube von Bienen bedecken zu lassen, wie ein Kleid aus braungoldenen, summenden Perlen.“

Penibel Tagebuch geführt

Die Leser sind sofort auf der Seite des Menschenschmugglers mit dem seltsamen Namen Egidius Arimond, einem Mitglied der verzweigten Familie Arimond, die auch schon in vorangegangenen Romanen Scheuers eine Rolle spielte. Egidius war ein aus dem Schuldienst entlassener Lateinlehrer, der an Epilepsie litt, aber trotzdem mit der Frau des NS-Kreisleiters angebändelt hatte. Er war zweifach geschützt. Die im Dorf bekannte Affäre ließ die Leute denken, er habe Sympathie für die Nazis. Was ganz und gar nicht der Fall war. Er war als Imker, der die Bienenzucht seines Vaters übernommen hatte, klug genug, das Heft mit den Tagebuchaufzeichnungen über die geschmuggelten Juden in einem seiner Bienenstöcke zu deponieren. Der Verschlag wäre erst durchsucht worden, wenn er als Flüchtlingshelfer aufgeflogen wäre. Dann wäre Egidius sicher hingerichtet worden.

Aber er war in jeder Hinsicht gründlich. Wenn er die Juden bis an die Grenze gebracht hatte, wartete er noch stundenlang, bis klar war, dass seine Schützlinge von anderen Helfern abgeholt worden waren. Nur einmal, am 27. November 1944, trieben ihn Bedenken um. „Vielleicht sollte ich meine Notizen vernichten, nichts mehr aufschreiben, außer das, was Bienen betrifft“, schreibt er. Aber „das bringe ich nicht über mich, denn das Einzige, was bleibt, sind diese Notizen. Sie halten mich am Leben, sind meine Erinnerung.“

Das Faszinierende dieses Buches ist die Gleichzeitigkeit. Es gibt das Tagebuchmanuskript, dazu eine Kiste voller Papiere, und der Autor suggeriert, er habe die Unterlagen gesichtet und daraufhin mit dem Roman begonnen.

Vermischung von Realem und Erfundenem

Zugleich hat sich Norbert Scheuer mit den Umständen des Menschenretters, seiner Alltäglichkeit, seinen Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten befasst – als reine Fiktion. Er hat somit einem Mann, der Großes geleistet hat, ein Gesicht, ein Umfeld und eine Lebensgeschichte gegeben. Alles daran ist weitgehend erfunden. Die Vermischung von Realem und Erfundenem macht den Roman zu einem lesenswerten Werk. Es wäre auch zu einfach gewesen, nur aus den Aufzeichnungen des Wilhelm Müller – so hieß der schon lange verstorbene Tagebuchschreiber in Wahrheit – eine Erzählung zu basteln. Scheuer hat sich tief hineingedacht, das ist die eigentliche schriftstellerische Leistung.

Der Autor hat dabei davon profitiert, dass er selbst aus der Eifel stammt, sogar in der Stadt Kall wohnt wie der Imker. Er kennt den Menschenschlag, und er hat einem davon ein Denkmal gesetzt. Es erscheint als sicher, dass dieser Roman verfilmt werden wird.

Norbert Scheuer„Winterbienen“ C.H. Beck, München, 319 Seiten22 Euro

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