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Kultur im Norden Der jüdische Friedhof von Stockelsdorf
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13:44 20.08.2019
Ist vor 20 Jahren auf den Friedhof aufmerksam geworden: Rolf Verleger. Quelle: 54° / Felix Koenig
Stockelsdorf

Bertha Horwitz war 71, als sie starb. Man schrieb den 19. August 1919, es ist hundert Jahre her. Begraben liegt sie auf dem jüdischen Friedhof in Stockelsdorf. Es war die letzte Beisetzung auf dem kleinen Areal. Dass jetzt an sie und das Gräberfeld erinnert wird, verdankt sich einem Buch: „Haus der Ewigkeit“. Im Stockelsdorfer Rathaus wurde es vorgestellt.

Geschrieben hat es ein Autorenteam um die Herausgeber Rolf Verleger und Nathanja Hüttenmeister. Verleger war Professor an der Universität Lübeck, hat sich im Zentralrat der Juden in Deutschland als streitbarer Geist erwiesen und zuletzt vor zwei Jahren ein Israel-Buch veröffentlicht. Nathanja Hüttenmeister ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen.

Das Buch

Rolf Verleger, Nathanja Hüttenmeister (Hg.), „Haus der Ewigkeit. Der jüdische Friedhof Stockelsdorf“, Solivagus Verlag, 162 Seiten, 24 Euro

Rolf Verleger war vor zwanzig Jahren auf den Friedhof aufmerksam geworden. Er nahm sich zwei Tage Urlaub, entzifferte die Grabsteine, wandte sich an diverse Institutionen, und dann passierte lange Jahre erst mal gar nichts. 2013 kam doch noch Bewegung in die Sache, und jetzt liegt das Buch vor.

Grafiken und Fotos

Es finden sich nur 36 Grabsteine auf dem kleinen Friedhof an der Segeberger Straße. Der Bildband mit Grafiken von René Blättermann und Fotos von Jörg Schiessler zeigt jeden einzelnen, erzählt in knappen Texten Biografisches, erläutert Inschriften, Namen und Symbole, erklärt Trauerriten. Und er erzählt die Geschichte Fackenburgs auf dem Gebiet des heutigen Stockelsdorf.

Die Juden, die sich Mitte des 17. Jahrhunderts in der Region niederließen, stammten aus dem Königreich Polen-Litauen. 1656 war in Moisling eine jüdische Gemeinde gegründet worden, außerhalb Lübecks also, denn die Stadt hatte Juden die Niederlassung in ihren Mauern verboten. Mitte des 18. Jahrhunderts baute der Verwalter des Gutes Mori eine Brauerei und eine Schnapsbrennerei. Er hieß Philibert Fack, nannte seine Gründung Fackenburg, und auch dort siedelten sich Juden an. 1803 lebten in Fackenburg 335 Menschen, darunter 18 jüdische Familien. Und als sie ihre Toten begruben, taten sie das auf einem eigenen Friedhof. Die erste Bestattung lässt sich für das Jahr 1812 nachweisen.

Familienfriedhof der Horwitz’

„Haus der Ewigkeit“ schildert die Geschichte der kleinen Gemeinde, die erst reichlich verspätet ihre Anerkennung erhielt. Es erzählt von der Franzosenzeit, von der Blüte Fackenburgs und von seinem Niedergang bis hin zur letzten Bestattung auf dem Friedhof, der zum Schluss im Grunde ein Friedhof der Familie Horwitz war.

Der Stockelsdorfer ist einer von mehr als 2400 jüdischen Friedhöfen in Deutschland, sagte Nathanja Hüttenmeister. Vielerorts sei es das einzige Zeugnis jüdische Geschichte. Sie seien „zu Stein gewordene Archive“ und verrieten mehr als nur Namen und Daten. In der Datenbank ihres Instituts (http://www.steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat?id=hha) seien inzwischen 200 Friedhöfe mit mehr als 35 000 Grabinschriften seit dem 11. Jahrhundert enthalten und aufbereitet.

Im KZ ermordet

Einige Nachfahren der Stockelsdorfer Juden seien in Konzentrationslagern wie Theresienstadt ermordet worden, sagte Ostholsteins Kreispräsident Harald Werner, der wie Pastorin Almuth Jürgensen und der Verleger Stefan Eick auch zum Autorenteam gehört. Andere lebten heute in Neuseeland, Israel, den USA oder Norwegen, in Hamburg, Harburg oder Uelzen. Eine von ihnen, Hanna Horwitz, Tochter von Wilhelm und Ella Horwitz, die mit 18 Jahren von Uelzen nach New York ging und heute 99-jährig in den USA lebt, hatte für die Veranstaltung ein Grußwort geschrieben. Sie wisse jetzt, dass ihr Urgroßvater in Stockelsdorf begraben liege, ließ sie mitteilen. Und sie dankte allen, die an dem Buch mitgearbeitet haben.

Der Friedhof sei nie wirklich in Vergessenheit geraten, sagte Harald Werner. Aber er habe nicht immer die ihm gemäße Beachtung gefunden. Jetzt erhielten die Stockelsdorfer mit dem Buch einen Teil ihrer Geschichte „als Geschenk“.

Von Peter Intelmann

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