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Kultur im Norden Fragen Sie Nick Cave
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20:00 14.05.2019
„Lass deine Hunde auf mich los“: Nick Cave (hier bei einem Konzert in Hamburg 2017). Quelle: JAZZ ARCHIV HAMBURG
Harburg

Drogen? Nein, Drogen sind keine gute Idee, wenn es um Kreativität geht, sagt Nick Cave. Da liegt für ihn kein Segen drauf. Auf dem Leiden übrigens auch nicht. Er glaubt nicht an diese düstere Romantik, wonach man für die Kunst tief in Abgründe geschaut haben muss. Und Nick Cave muss es wissen. Mit Drogen und Leiden kennt er sich aus.

Neues Album in diesem Jahr

In Deutschland ist Nick Cave am 15. Mai noch in Berlin und tags darauf in Düsseldorf zu erleben. Dann geht seine „Conversations“-Tour weiter nach Skandinavien, in die Benelux-Staaten und nach Großbritannien, bevor er in sein Heimatland Australien reist, wo er mit dem Programm schon unterwegs war.

Sein letztes Studioalbum ist das 2016 erschienene „The Skeleton Tree“. In diesem Jahr soll es ein neues mit den Bad Seeds geben, es wäre das 17. Bei einem seiner Gesprächskonzerte Anfang des Jahres in Australien hatte Cave laut dem „New Musical Express“ gesagt: „Wir sind fast fertig mit der neuen Platte. Und ich würde sagen, sie ist fantastisch.“

Er hat das am Montag (13. Mai) in Harburg erzählt, in der Friedrich-Ebert-Halle. Es war kein Konzert, sondern so etwas wie ein Gesprächsabend mit Musik. „Conversations with Nick Cave“ nennt sich das. Er stand auf der Bühne, die Zuschauer konnten ihm Fragen stellen, dann setzte er sich an den schwarzen Flügel und spielte ein paar Songs, dann wieder Fragen, dann wieder Songs, mehr als drei Stunden lang, und die letzte der beiden Zugaben war „Cosmic Dancer“ von T. Rex.

Blues und Punk

Nick Cave ist jetzt 61. Er kam aus Australien nach Europa, nach London, Berlin, es waren die Achtziger, und er machte mit seiner Band Birthday Party eine rohe Musik, die ihr schwarzes Funkeln aus dem Blues und dem Punk gleichermaßen gewann. Mit den Bad Seeds setzte er das später fort und wurde zu einem der großen Schmerzensmänner des Rock. Nick Cave, das war einer, den interessierte, was wohl hinter all diesen Grenzen lag. Etwas Besseres als der Tod würde es allemal sein.

Das scheint sehr weit weg an diesem Abend. Auf der Bühne steht ein hagerer Mann in einem hellgrauen Anzug, ruhig und entspannt, hinter sich ein paar Zuschauer an kleinen Tischen. Er hat im Internet die „Red Hand Files“ eingerichtet, ein Online-Forum, in dem man ihm Fragen stellen kann, die er dann beantwortet, manchmal sehr, sehr ausführlich. Und es ist völlig egal, ob da ein in Ehren ergrauter Cave-Wissenschaftler etwas wissen will oder der zehnjährige Ptolemy, dem er rät: „Ein Junge voller Inspiration mit einem Kriegernamen! Die Welt wartet auf dich. Zeig’s ihnen, Kid.“ Jetzt hat er das Forum auf die Bühne verlegt.

Therapeut und Ratgeber

In Harburg unter der hohen Kuppel der Ebert-Halle sind es an diesem Abend ein paar Dutzend Fragen. Mal scheint man den Mann da oben für einen Traumatherapeuten zu halten, mal für einen künstlerischen Ratgeber. Mal ist er ein Freund, der einen schon das ganze Leben begleitet. Und Cave weicht keiner Frage aus und erzählt.

Er erzählt von seiner Verehrung für Bob Dylan und Johnny Cash, wobei die für Johnny Cash noch etwas tiefer geht. Er erzählt von seiner Kindheit in Australien auf dem Land mit den drei Geschwistern, die frei war, sehr glücklich und sehr christlich. Von seinem Sohn Luke, der in Biochemie promoviert hat, und dass er kein Atheist sei, weil er diese Tür zu etwas ganz anderem nicht zuschlagen will. Er macht sich beim Songschreiben immer erst an die Texte, sagt er, dann an die Musik. Und dabei muss man wie jeder Künstler in die verbotenen Zonen gehen, unbedingt. Trotzdem ist ihm das Schreiben immer noch ein großes Rätsel.

Blixa Bargeld antwortet nicht

Er erzählt von Warren Ellis, mit dem er schon so lange zusammenarbeitet, ein großartiger Mann. Und von Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten, der lange Jahre auch bei den Bad Seeds gespielt hat. Sie haben sich lange nicht gesehen, seit „20 000 Days on Earth“ nicht mehr, dem Film über Cave, und der ist jetzt auch schon wieder fünf Jahre alt. Er hat Bargeld im Januar eine Mail zu dessen 60. Geburtstag geschrieben, aber der hat bisher nicht geantwortet. Auch beim vorletzten Album „Push The Sky Away“ war er eingeladen, aber es hat nicht geklappt. Trotzdem ist Bargeld eine ganz besondere Figur in seinem Leben. „Ich vermisse ihn.“ Dann setzt er sich wieder ans Klavier und spielt ein paar Songs.

Mercy Seat“ ist darunter, das er nie leid wird, wie er sagt. Er spielt den „Higgs Boson Blues“ und „Jubilee Street“, er spielt „Avalanche“ von Leonard Cohen, und als oben auf dem Rang einer die Gelegenheit nutzt und seine Freundin fragt, ob sie ihn heiraten will, spielt er nicht den vom Publikum geforderten „Weeping Song“, sondern den wunderbaren „Ship Song“. „Lass deine Hunde auf mich los“, heißt es darin, „verbrenn’ deine Brücken und lass dein Haar herabhängen.“

Songs über Heroin

Was er über den Tod denkt, wollen die Leute wissen. Ob er die nie verblassende Angst kennt, jemanden zu verlieren. Und warum er keinen Song über Heroin schreibt. Das wird ein Mann gefragt, ein Ex-Junkie, der vor vier Jahren einen seiner Söhne verloren hat, als der im Rausch bei Brighton tödlich von den Klippen stürzte. Und Nick Cave sagt, ja, er kennt all das sehr gut, und dieser Tod hat nichts so gelassen, wie es war. „Er hat alles verändert, absolut.“

Freunde haben ihm damals geschrieben, sagt er, Bekannte, Fans. Sie haben von ihren Verlusten erzählt, und das hat ihm und seiner Frau Susie geholfen. Das hat sie gerettet. Es geht um Verbindung zu Menschen, sagt er. Und dass man durch all das Furchtbare hindurch muss, für sich und für die Menschen um einen herum. Auch deshalb steht er heute Abend hier auf der Bühne. Und dann setzt er sich wieder ans Klavier und spielt ein paar Songs.

Peter Intelmann

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