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Kultur im Norden Daniel Kehlmann – nichts als Gespenster
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17:44 14.10.2019
„Natürlich sehnte ich mich danach, mehr als ein Leben zu führen“: Daniel Kehlmann. Quelle: dpa
Lübeck

Daniel Kehlmann war noch ein Kind als er auf einer Langspielplatte seines Vaters eine Rede von Max Reinhardt hörte. Der berühmte Theaterregisseur sprach darauf über das „bürgerliche Leben“, das „eng begrenzt und arm an Gefühlsinhalten“ sei. Gutes Theater allerdings stelle einen Ausweg aus dieser Enge dar. Gutes Theater, wohlgemerkt! Denn, so Reinhardt: „Das Theater kann, von allen guten Geistern verlassen, das traurigste Gewerbe, die armseligste Prostitution sein.“

Das Buch

Daniel Kehlmann: Vier Stücke. Geister in Princeton/ Der Mentor/ Heilig Abend/ Die Reise der Verlorenen, Rowohlt, 288 Seiten, 24 Euro

Das mit dem „traurigen Gewerbe“ verstand Daniel Kehlmann damals nicht so ganz, schon weil er nicht wusste, was das Wort „Prostitution“ bedeutet. Das über die „Armut des bürgerlichen Lebens“ aber leuchtete ihm ein: „Natürlich sehnte ich mich nach anderen Möglichkeiten und danach, mehr als ein Leben zu führen, alle Kinder tun das, werden sie erwachsen, verdrängen sie es, es sei denn, sie werden Schauspieler, oder schreiben.“ Kehlmann entschied sich für letzteres. Schon allein deswegen, weil sein Vater Michael Kehlmann Regisseur war und das Theater deswegen zu seinem Zuständigkeitsbereich zählte. Daniel Kehlmann wollte „etwas Eigenes sein und tun“. Also wurde er Schriftsteller und landete mit „Die Vermessung der Welt“ (2005) und „Tyll“ (2017) Welterfolge.

Heftige Kritik am Regietheater

Nun werden die Menschen, wie man gerne sagt, mit zunehmendem Alter ihren Eltern immer ähnlicher. Es ist demnach kein Wunder, wenn es auch den 1975 in München geborenen Daniel Kehlmann zum Theater zieht. Mit „Vier Stücke“ erscheint jetzt ein Band, der sein dramatisches Schaffen versammelt. Darin lässt sich der genaue Wortlaut seiner Bühnenwerke nachlesen, ohne dass ein Regisseur sie verfremdet hat. Wobei das bei Kehlmann ohnehin kein Faktor sein sollte, seit er 2009 in seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele gegen das moderne Regietheater wetterte und in der Folge Probleme bekam, einen Regisseur für sein erstes eigenes Stück „Geister in Princeton“ zu finden. Anna Badora inszenierte es schließlich 2011 im Schauspielhaus Graz. Das hier aber nur am Rande.

Weniger Humor

Wer die Romane von Kehlmann kennt, weiß, wie ausgezeichnet er Dialoge schreiben kann. Natürlich ist er auch ein guter Dramatiker. Wobei der ihm eigene Humor in den Stücken nicht so stark ausgeprägt ist wie in seiner Prosa. Was ein wenig allerdings an den Themen liegen dürfte, denen er sich zuwendet. Am deutlichsten wird das in seinem jüngsten Theaterstück „Die Reise der Verlorenen“ von 2018, das auf dem 1974 erschienenen Buch „The Voyage Of The Damned“ von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts basiert und von dem Dampfschiff „St. Louis“ erzählt, das 1939 mit tausend vor Hitler fliehenden Juden nach Kuba ablegte, wo es nicht anlegen durfte und nach Europa zurück musste, wo fast alle den Tod fanden. Einem solchen Stoff kann und will selbst Kehlmann nichts Komisches abtrotzen.

Gespenster aus dem Grab

Wie Gespenster beschwört Daniel Kehlmann seine mit leichter Hand gezeichneten Figuren herauf. Aus der Vergangenheit und mitunter sogar aus dem Grab. Als würden Zeit und Raum nicht existieren. Oft wenden sich die Gestalten direkt ans Publikum und brechen so die fiktionale Ebene auf. Auf Regieanweisungen verzichtet er weitestgehend. Die würden die heutigen Theatermacher ja ohnehin nur ignorieren.

Ob es der Philosoph und Mathematiker Kurt Gödel ist, der sich so sehr mit der Logik beschäftigt, dass es nur folgerichtig erscheint, wenn er schließlich verrückt wird („Geister in Princeton“). Die beiden Schriftsteller, die sich beim Mentorenprogramm einer literarischen Gesellschaft darauf einigen könnten, ihre Zeit nur abzusitzen (das Geld kriegen sie ja eh) und sich trotzdem in die Haare kriegen („Der Mentor“, 2012). Oder die Philosophie-Professorin, die vom Verfassungsschutz zum Verhör geladen wird, weil sie für ihre Studenten ein Manifest entworfen hat, das zum Widerstand aufruft („Heilig Abend“, 2017). Immer führt Kehlmann seine Figuren als Figuren vor und gibt ihnen etwas Absurdes mit. Die Mechanismen der Bühne hat dieser Schriftsteller ohne Frage begriffen, auch wenn er kein Schauspieler wurde.

Von Welf Grombacher

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