Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Brasilianischer Musiker aus Reinfeld spielt „Metal für eine bessere Welt“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Brasilianischer Musiker aus Reinfeld spielt „Metal für eine bessere Welt“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:04 21.10.2019
„In keiner Szene geht es so friedlich zu wie in der Metal-Szene“, sagt Musiker Daniel Pereira Da Silva. Quelle: Lutz Roeßler
Reinfeld

In der offenen Wohnküche macht die Frau mit Kind auf dem Arm gerade einen Kaffee. Der kleine Bruno ist noch nicht mal ein Jahr alt und schaut seiner Mutter verträumt über die Schulter. Es ist ein regnerischer Tag im Kreis Stormarn, hier am Rande von Reinfeld, wo man mehr Kühe auf der Weide, aber weniger internationale Stars vermutet. Auf dem Herd blubbert das Wasser, auf der Ablage stapeln sich Unterlagen. Alte Kacheln und neue Möbel stehen sich im Wohnzimmer gegenüber – und das Weiß der Inneneinrichtung stemmt sich tapfer gegen das Grau vor der Tür. Idyllisch. Einladend. Stimmig.

Und dann wird’s schwarz.

Daniel kommt durch die Tür. Eingepackt in Lederkutte und ausgestattet mit schweren Stiefeln, die er sich bis über die Knöchel geschnürt hat. Unzählige Nieten und Aufnäher zieren seine schwere Jacke. Bandnamen und Symbole mit umgedrehten Kreuzen sind darauf zu sehen.

Diverse Armbänder schmücken seine Handgelenke – und hinten aus dem schwarzen Cap ragen lange schwarze Zöpfe, die Daniel sich zu seinem kahl rasierten Kopf hat stehen lassen. Ein Patronengürtel – leer – hängt lässig um seine Hüfte und schabt über den Stuhl, auf den er sich setzt. „Hey Bruno“, sagt er und streichelt seinem Sohn liebevoll über die Wange. Und dann schaut er aus seinen dunklen Augen in die Runde. Und lächelt.

Das Klischee-Pendel im Kopf ist bis hierhin schon heftig ausgeschlagen. Das passt doch alles nicht! Oder doch? „Warum nicht?“, fragt der Familienvater. Und wer den Rest von Daniels Geschichte hört, der wird sich noch wundern über viele weitere Klischees und Stereotype, die der Brasilianer einfach nicht bedienen will.

Metall-Musiker Daniel Pareira da Silva lebt in Reinfeld und ist als Künstler international erfolgreich

Alles, außer gewöhnlich

Ob er als Brasilianer mit Fußball aufgewachsen ist? „Nein.“ Ob er am Meer mit ’nem Surfbrett unterm Arm die Mädchen beeindruckt hat? „Nein“. Ob er Samba mag? „Nein, gar nicht“, sagt der 34-Jährige. „Metal“ heißt das Zauberwort, das Daniels Augen zum Glänzen bringt und ihn zu seiner Geschichte ansetzen lässt, die das Klischee-Pendel wieder heftig in Bewegung setzt.

Aufgewachsen in Manaus, Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Amazonas, kam Daniel schon früh in der Familie in Berührung mit Metal-Musik. „Mein Bruder war ein großer Iron-Maiden-Fan“, erzählt der Musiker mit Akzent. „Ich war sieben, als ich deren CDs das erste Mal gehört habe – und ich war begeistert.“

Als Daniel elf Jahre alt war, bekam er von seinem Vater endlich eine Gitarre geschenkt und alles, was er fortan an Liebe und Leidenschaft investierte, war der Metal-Musik gezollt. Die Schule hat er mit Bravour durchgezogen und das Psychologie-Studium erfolgreich abgeschlossen – aber was ihn noch viel mehr fesselte, war der Sound von harten, schrabbeligen, lauten Gitarrenmelodien abseits der Massen, die unter der Sonne Brasiliens lieber das Leben und die Leichtigkeit feierten.

„Weil Metal im Kern sehr gefühlvoll ist“

Aber warum ausgerechnet diese Musik? Und warum dieser Stil, der einen so aggressiven, ja auch düsteren, Eindruck macht? „Weil Metal im Kern sehr gefühlvoll ist“, antwortet der junge Familienvater. „Und weil für mich keine Musikrichtung für mehr Toleranz und Freiheit steht“, sagt er und führt aus. „Wir mögen schwarz gekleidet sein und hart rüberkommen, aber in keiner Szene geht es so friedlich zu wie in der Metal-Szene, wo Offenheit gegenüber allen Kulturen oder sexuellen Ausrichtungen eine große Rolle spielt.“

Hart, aber herzlich: In seiner Band Incarceration ist Daniel Sänger und Gitarrist. Quelle: Incarceration

Hart, aber herzlich

In all den Jahren seiner Karriere als Musiker und Booking-Agent habe er nicht ein einziges Mal das Gefühl von schlechter Stimmung oder Ablehnung unter den Bands und Musikern empfunden, berichtet da Silva. Ganz im Gegenteil. „Die Szene weltweit ist wie eine große Familie.“ Im August erst war er als Kontakter und Ansprechpartner in Wacken vor Ort. „Nicht umsonst ist dieses Festival eine der friedlichsten Großveranstaltungen überhaupt“, berichtet er. „Und da läuft nur Metal.“

Kein Wunder also, dass es ihm überhaupt nicht schwer gefallen ist, Südamerika zu verlassen und mit seiner Ehefrau Esther nach Reinfeld zu gehen, wo sie herstammt. Ob ihm das schöne Wetter aus der Heimat fehlt? „Nein. Sonne ist für mich da, wo Metal-Musik ist“, sagt er. „Und hier in Deutschland sind die Möglichkeiten besser, weil die Szene viel größer ist.“

Von Reinfeld und seinem Hamburger Büro aus hat er sich einen festen Stamm an Metal-Künstlern und Bands aufgebaut, die Daniel betreut und vermittelt. Außerdem knüpft und vertieft er durchs Netzwerken täglich mehr Kontakte, organisiert Konzerte, Auftritte und Termine und tourt mit seiner eigenen Band „Incarceration“ durch ganz Europa.

FORSAKEN AND FORGOTTEN!

FORSAKEN AND FORGOTTEN! This Saturday Incarceration played in Bremen with ULTHA. This footage shows the very end of our live catharsis, performing Forsaken and Forgotten (Sacrifice Debut EP - 2013) after 40 minutes healing our cursed existences exaltating chaos and blasphemy through death metal madness. Horns up to Ultha, the whole organization crew and everyone who showed up. \m/ 666

Gepostet von Incarceration am Montag, 22. Oktober 2018

Am 2. November gibt Daniel Da Silva mit seiner Band sein einziges eigenes Konzert in Norddeutschland, im Hamburger Kultur Palast. „Jeder ist willkommen“, kündigt er an und verspricht: „Es wird ein cooler Abend mit friedlichen Menschen, die zusammen Metal-Musik feiern.“

Weg mit den Klischees!

Von Schabnam Tafazoli

Der gefeierte Autor schreibt auch fürs Theater. Genau so gut wie in seinen Romanen? Jetzt liegt ein Band mit seinen Stücken vor.

14.10.2019

Eine Poplady hielt Hof: Nach zwölf Jahren gastierte der US-Superstar wieder an der Elbe.

14.10.2019

An die 100 Kapitäne hat Stefan Krücken schon interviewt und ihre Erzählungen über das Abenteuer Seefahrt im Ankerherz Verlag veröffentlicht. Jetzt erscheint die dritte Anthologie. Kapitän Horst Hahn aus Travemünde erzählt darin vom hochprozentigen Humor der Russen – ein Auszug.

14.10.2019