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Kultur im Norden Das Leben, ein Traum - und eine Qual
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10:16 18.01.2015
Zwei Gestalten, die sich fern und doch so nah sind: Faust (links, Jean-Noël Briend) und Mephisto (Taras Konoshchenko) gehören letztlich zusammen wie Pech und Schwefel. Quelle: Jochen Quast
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Lübeck

„Man soll gehen, wenn es am schönsten ist“, sagte Anthony Pilavachi, als er sich mitten im rauschenden Schlussapplaus vom Lübecker Publikum verabschiedete. Nach 18 Inszenierungen in den vergangenen Jahrzehnten war es offenbar zum endgültigen Bruch zwischen dem Regisseur und dem Theater gekommen.

Theaterdirektor Christian Schwandt nannte als Grund „massive Konflikte“, die sich während der Probenarbeit ergeben hätten, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Pilavachi sagte, ihm sei keine andere Alternative geblieben, als mit dem Lübecker Theater zu brechen, weil die Verantwortlichen seit fünf Wochen trotz vieler Streitpunkte keinen Kontakt zu ihm aufgenommen hätten. Das Publikum reagierte geschockt und traurig (siehe Kommentar auf dieser Seite).

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Ende einer großen Ära - Kommentar von Jürgen Feldhoff

„La Damnation de Faust“ war in der Tat eines der schönsten Erlebnisse, das Anthony Pilavachi in seinen an künstlerischen Höhepunkten so reichen 18 Produktionen dem Lübecker Publikum geboten hat.

Dieser Umgang mit dem sperrigen Stück von Berlioz war in jeder Hinsicht herausragend. Pilavachi zeigte Faust als modernen Wissenschaftler mit Burnout-Syndrom, der nicht mehr weiß, was die Welt im Innersten zusammenhält und dem sämtliche Perspektiven abhanden gekommen sind. Die Einführung der Figur des Kind-Faust, von Jöran Rohlf mit bemerkenswerter Sicherheit gespielt, machte die Sinnfreiheit der Existenz dieser ödipal verstrickten Persönlichkeit noch deutlicher. Mephisto als Alter Ego zu zeichnen, bringt die zwei Seelen in der Brust des Protagonisten zutage. Eine Welt der Qual, brüchig und ohne Sicherheit. Das wird in vielen der starken Bilder deutlich, die der Regisseur im Bühnenbild von Stefan Heinrichs (Kostüme: Constanze Schuster) gefunden hat. Ein Schwanen-Kahn ist von der einen Seite ein Stolzer Vogel — von der anderen anatomisches Präparat. Jesu Himmelfahrt wird besungen — in der Videoprojektion im Hintergrund fressen wimmelnde Zecken den Körper des Gekreuzigten.

Eine fröhliche Hochzeitsfeier endet in einer brutalen Massenvergewaltigung der Braut: So sieht Fausts Welt aus. Starke Bilder in einer starken Inszenierung, die — wie bei Pilavachi üblich — jede Bewegung aus dem Geist der Musik entwickelt und trotz der überströmenden Flut der Zeichen und Symbole stringent eine Geschichte erzählt: meisterhaftes Regie-Handwerk.

Warum sich das Theater Lübeck an eine komplizierte Chor-Oper wagt, ohne über einen schon allein von der Zahl der Sänger adäquaten Chor zu verfügen, bleibt ein Rätsel der Verantwortlichen.

Pilavachi verlangte den Sängerinnen und Sängern viel komplizierte Bewegungsarbeit ab, die großartig gelang. Gesanglich gab es Defizite, weil die einzelnen Stimmen zu dünn besetzt waren, es entwickelte sich häufig ein unhomogener Klang, gelegentlich wackelte es bedenklich. Das galt auch für das Orchester, das Ryusuke Numajiri vor allem vor der Pause viel zu laut spielen ließ. Im zweiten Teil war dann auch der Zusammenhalt etwas besser, der anfangs zu wünschen ließ wie auch die mangelnde Gestaltung — ein Marsch klang ebenso kalt wie eine zarte Hymne auf die Natur.

Herausragend die Solisten: Wioletta Hebrowska als Marguerite vollzog die Wandlung vom unschuldigen Mädchen zur Teufelsbraut mit stimmlicher und schauspielerischer Bravour. Faust-Darsteller Jean-Noël Briend klang in der Mittellage etwas müde und angestrengt, sein Piano in der Höhe hingegen war ganz einfach wunderbar. Taras Konoshchenko als Mephisto bestach durch Schauspielkunst und solide fundierten und dennoch beweglichen Bass. Auch der junge Seokhoon Moon als Brander wusste zu gefallen. Als stets präsenter Hilfsteufel brillierte der Tänzer David Winer-Mozes.

Ein wunderbarer Opernabend mit einem schwierigen Stück in einer höchst anspruchsvollen Inszenierung. Das Publikum feierte alle Beteiligten — bis zum bitteren Ende.

Nächste Vorstellungen: 24. Januar und 12. Februar.

Jürgen Feldhoff