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Kultur im Norden Deniz Yücel in Lübeck: Politisch, ehrlich, symphatisch!
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Deniz Yücel in Lübeck: Politisch, ehrlich, symphatisch!
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02:00 12.10.2019
Journalist Deniz Yücel (r. 46) las am Freitag im Theater Lübeck aus seinem neuen Buch „Agentterrorist“ vor –Theater-Chef Christian Schwandt moderierte durch den Abend. Quelle: Wolfgang Maxwitat
Lübeck

Drei deutsche Städte gäbe es, da sei er noch nicht gewesen – und die habe er sich für seine Lesetour durchs Land unbedingt auf seiner Liste gewünscht. Das eine sei Koblenz, das andere Aachen, „und die dritte Stadt ist Lübeck“, sagte Deniz Yücel am Freitagabend im Großen Haus des Theaters.

„Ich freue mich sehr, es endlich hierher geschafft zu haben“, begrüßte der Journalist das Publikum im voll besetzten Saal. „Die Nachfrage war so kurz, dass wir die Veranstaltung kurzerhand von den Kammerspielen hierher verlegt haben“, freute sich Theater-Chef Christian Schwandt, der durch den Abend moderierte. „Wir wollten den vielen Nachfragen Folge leisten.“

Aktivisten vor der Tür

Ja, die Nachfrage war riesig – und die Stimmung vor der Lesung ließ schon erahnen, dass dieser Abend etwas Besonderes wird. Besonders, weil ein Mann aus dem bisher wohl dunkelsten Kapitel seines Lebens erzählte, das der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan ihm beschert hat, weil er ihn zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt und ohne Beweise und Anklage mehr als ein Jahr hinter türkische Gitter brachte.

Besonders, weil die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei dadurch in eine noch tiefere Krise stürzten und Besucher im Foyer schon angeregt darüber sprachen, ob man zum Beispiel noch in den Urlaub in die Türkei fahren solle.

Besonders, weil Erdogans aktueller Feldzug im kurdischen Rojavar in der Luft lag – und auch Aktivisten vor dem Haus standen, die gegen die Besatzungspolitik Erdogans demonstrierten.

Vor dem Theater hatten sich kurdische Aktivisten versammelt, um auf die aktuelle Krise in Rojava aufmerksam zu machen. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Aber ganz besonders, weil vorne auf der Bühne ein Mann im Trikot des Istanbuler Fußballvereins Beşiktaş saß, der einen Teil seines Lebens an eine triste Zelle aber nicht seinen Humor verloren hatte!

Mit viel Witz und sehr sympatischen Momenten las Deniz Yücel einige Passagen aus seinem Buch „Agentterrorist“ vor – diese Wortschöpfung ist von Erdogan für ihn persönlich – und beantwortete im Wechsel dazu Fragen, die Christian Schwandt vorbereitet hatte: Über Erdogan (Yücel: „Ich bin im nie persönlich begegnet.“) Über die Ermittlungen ( „Das Dezernat für Organisierte Kriminalität war für mich zuständig, weil die Terrorabteilung überlastet war.“). Über seine Beziehung zu Kanzlerin Merkel („Sie war die einzige Offizielle, die meine Frau gefragt hat, wie es ihr geht“) und über seinen für die Türkei kreierten Begriff „Nichtsodemokratie“ („Die Türkei irgendwo zwischen Diktatur und Demokratie.“)

Ein Buch über ein Jahr Hochsicherheitsgefängnis

 

Deniz Yücel wurde 1973 als Kind türkischer Einwanderer in Flörsheim am Main geboren und studierte in Berlin Politikwissenschaften. Er arbeitete unter anderem als Redakteur bei der Wochenzeitung Jungle World und der tageszeitung (taz).

2015 ging er als Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt“in die Türkei. Die Inhaftierung des Korrespondenten der Welt führte in Deutschland zu einer beispiellosen Solidaritätsbewegung und sorgte für eine schwere diplomatische Krise zwischen der Türkei und Deutschland.

Deniz Yücel erzählt in seinem neuen Buch von seinem Jahr im Hochsicherheitsgefängnis, von Einzelhaft und Folter, von Zellenmitbewohnern und Haftbedingungen. Von der Liebe seiner Frau, der Unterstützung seiner Anwälte, seiner Zeitung und der „Free Deniz“-Kampagne.

Auf 400 sehr bewegend, persönlich, politisch aber auch humorvoll geschriebenen Seiten erzählt Yücel über Lebenskapitel, die jüngste Entwicklung der Türkei, die Funktionsweisen autoritärer Regime und die Mechanismen der demokratischen Öffentlichkeit. Und er erklärt, warum er für die Türkei extra den Begriff „Nichtsodemokratie“ erfunden hat.

Für seine Arbeit wurde Yücel mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis.

„Agentterrorist – Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie“, erschienen bei Kiepenheuer&Witsch, ist sein drittes Buch.

Das neue Buch von Deniz Yücel „Agentterrotist“ ist seit dem 10. Oktober auf dem Markt. Quelle: dpa

Fragen aus dem Publikum

Und auch das Publikum durfte am Ende der Lesung Fragen stellen, die Yücel sehr konkret und ausführlich beantworte. Dabei ging es zum Beispiel um die Tausenden Briefe, die ihm aus aller Welt ins Gefängnis geschickt wurden und ihn „zutiefst berührt und bestärkt“ haben.

Es ging auch konkret um die Situation im kurdischen Rojava, die Yücel als „große große Tragödie“ bezeichnete, die ihn „sehr wütend“ macht.

Und es ging auch um das Fußball-Trikot, das er unter seinem Blazer trug. „Wissen Sie“, sagte Yücel zu der Frau, die ihn danach gefragt hatte. „Natürlich bin ich Fan dieses Vereins. Aber der wahre Grund dafür, dass ich es heute trage, obwohl ich weiß, dass es für ein Theater nicht wirklich gehört, ist, dass ich vor der Lesung keine Zeit mehr hatte, mein Hemd zu bügeln.“

Humorvoll, ehrlich, symphatisch! Dafür gab es am Ende der zweistündigen Veranstaltung einen großen Applaus und Standing Ovations vom Publikum.

Und weil das Theater es leider nicht geschafft hatte, das neue Buch zum Signieren rechtzeitig zur Lesung zu besorgen, setzte sich Yücel im Anschluss im Schneidersitz auf die Bühne – und signierte alles, was ihm die Gäste unter die Nase hielten.

Von Schabnam Tafazoli

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