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Kultur im Norden Deniz Yücel liest aus „Agentterrorist“ in Lübeck
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Deniz Yücel liest aus „Agentterrorist“ in Lübeck
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18:05 08.10.2019
„Keine Summe könnte mir und meinen Liebsten das gestohlene Jahr wiedergutmachen“: Deniz Yücel, deutsch-türkischer Journalist der „Welt“ und Publizist, will nach seiner Lesereise wieder als Journalist arbeiten. Quelle: Foto: dpa
Istanbul/Lübeck

Seinen vorerst letzten Tag in Freiheit verbringt Deniz Yücel mit seiner Katze und dem türkischen Journalisten Ahmet Sik, der inzwischen Abgeordneter ist. Es ist Weihnachten, der 25. Dezember 2016, eigentlich ein ruhiger Tag in der Türkei, wäre da nicht der Artikel in der regierungsnahen Zeitung „Sabah“. Yücel erfährt aus der Zeitung, dass Kollegen festgenommen wurden, dass er selbst auf einer Fahndungsliste steht – er entscheidet sich, unterzutauchen.

Ein Jahr U-Haft wegen „Volksverhetzung“

Das Unheil, das Yücel durchleben musste, bestimmte ein Jahr lang die Agenda der deutsch-türkischen Beziehungen. Von Februar 2017 bis Februar 2018 war der „Welt“-Korrespondent ohne Anklageschrift in der Türkei inhaftiert, bevor er entlassen wurde und ausreiste. Noch immer läuft ein Verfahren gegen Yücel wegen Terrorpropaganda und Volksverhetzung in der Türkei. Präsident Recep Tayyip Erdogan beschimpfte den Journalisten unter anderem als „Agentterrorist“ – eine Wortneuschöpfung, die Yücel zum Titel seines neuen Buches machte.

„Eine Art Eigentherapie“

Es erscheint am Donnerstag und sei auch eine Art „Eigentherapie“, sagt Yücel im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Yücel schreibt in seinem Buch, warum er in der Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Istanbul untertauchte und sich dann doch stellte. Er erzählt über neun Monate Einzelhaft und Misshandlung, über die Kraft, die er durch seine Freunde erhielt und durch seine Frau Dilek, die er im Gefängnis heiratete.

Gesucht wurde Yücel im Dezember 2016 wegen Artikeln über geleakte E-Mails des damaligen Energieministers und Erdogan-Schwiegersohns Berat Albayrak. Er berichtete dabei nur über Dinge, die etwa durch türkische Medien schon bekannt waren, wie er in seinem Buch betont.

Zur Person

Deniz Yücel wurde 1973 als Kind türkischer Einwanderer in Flörsheim am Main geboren und studierte an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft.

Er arbeitete als Redakteur bei der Wochenzeitung Jungle World und der tageszeitung. 2015 ging er als Korrespondent der Welt in die Türkei.

Für seine Arbeit wurde Yücel mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preisund dem Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik. Nach „Taksim ist überall“ (2014/17) und „Wir sind ja nicht zum Spaß hier“ (2018) ist mit „Agentterrorist“ nun sein drittes Buch erschienen.

Vater erkrankt an Krebs

Yücels Zeit im Gefängnis steht im Mittelpunkt seiner Erinnerungen, aber er schreibt nicht nur über sich. Es geht auch um die politische Situation während seiner Inhaftierung 2017. Andere Passagen im Buch sind zutiefst persönlich. Etwa als Yücel im Gefängnis von der Krebserkrankung seines Vaters Ziya erfährt. Er stirbt knapp vier Monate nach Yücels Freilassung. Später gibt das türkische Verfassungsgericht Yücel Recht, bezeichnet die Untersuchungshaft als rechtswidrig und ordnet unter anderem eine Zahlung von Schmerzensgeld an. Eine weitere Schadenersatzklage läuft noch. Yücel schreibt dazu: „Keine Summe könnte mir und meinen Liebsten das gestohlene Jahr wiedergutmachen, keine Summe die Zeit ersetzen, die ich mit meinem Vater noch hätte verbringen können.“

Einzelhaft als Foltermethode

Die Einzelhaft setzt Yücel zu, „eine Foltermethode“, schreibt er. Doch er und seine Freunde finden kreative Wege, um die Haft ein wenig erträglicher zu machen. Briefe, die ihm nicht zugestellt werden, lässt Yücel als Gerichtsakten tarnen und kann sie dann doch in seine Zelle schmuggeln. Er bastelt sich aus Zeitungsfotos ein Memory, züchtet (verbotenerweise) Minze und kauft sich einen Fußball. Er beschreibt aber auch Tiefpunkte. Als die Situation immer verfahrener wird und fünf Monate fast vorbei sind stellt Yücel fest: „Meine innere Uhr bleibt stehen.“

Yücel macht immer wieder deutlich, dass die Solidarität draußen ihm Kraft gibt. Vor allem die vielen Unterstützer der #FreeDeniz Bewegung, die immer neue Einfälle haben, um die Aufmerksamkeit auf Yücels Schicksal zu lenken.

Am Freitag, 11. Oktober, liest Deniz Yücel aus seinem gerade erschienenen Buch „Agentterrorist“ in den Kammerspielen des Theaters Lübeck (freie Platzwahl). Den Abend moderiert der Geschäftsführende Theaterdirektor Christian Schwandt.Karten für 17.40 Euro gibt es in den LN-Geschäftsstellen.

Von Mirjam Schmitt

Die Journalistin und Moderatorin engagiert sich seit Jahren gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben – und kommt damit am 27. November nach Lübeck.

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