Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden „Totaler Samurai der Kunst“ – Jonathan Meese wird 50
Nachrichten Kultur Kultur im Norden „Totaler Samurai der Kunst“ – Jonathan Meese wird 50
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 20.01.2020
„Seinen Mann stehen und das tun, was notwendig ist. Das ist für mich Kunst“: Jonathan Meese in der Lübecker Petrikirche. Quelle: 2019 © Photography Jan Bauer . Net / Courtesy Jonathan Meese
Anzeige
Berlin

„Mami!“, schallt der Ruf durch die großen Atelierhallen eines alten Pumpwerks im Osten Berlins. Jonathan Meese ist im Gewirr der Kunstwerke auf der Suche nach seiner Mutter Brigitte (90). Sie begleitet ihn noch immer sehr eng durch sein privates und künstlerisches Leben.

Die Szene zwischen Hunderten Arbeiten und Materialsammlungen für unzählige weitere Werke lässt einen die Liebe und Wärme geradezu spüren. Erst wenn Meese über Kunst spricht kommt jener absolutistische, mitunter kalte Anspruch hervor, für den der Maler und Konzeptkünstler häufig so heftig kritisiert wird. Am Donnerstag feiert er 50. Geburtstag. Meese selbst spricht vom „50. Kampf- und Lebensjahr“.

Anzeige

Meese in Antwerpen, in der „Bild“ und in der Mode

Seinen 50. Geburtstagfeiert Jonathan Meese in Belgien. Am 23 Januar startet in der Antwerpener Tim-van-Laere-Gallery seine Ausstellung „Dr. 50/50Fifty Meese (Pump Away Reality)“, sie läuft bis Mitte März. In der vorigen Woche hat er dafür mit seiner Mutter ein großes Tafelbild gemalt. Er legte sich auf eine fast zehn Meter lange Leinwand, Brigitte Meese zeichnete seine Umrisse nach, und dann „flitzte“ Meese selbst „ohne vorherigen Plan“ darüber und „wütete grob mit Farbe die Figur eines schwarz-rot-weißen Einzelkämpfers hervor“. So beschreibt er es auf seiner Homepage. Zu ihrem „90. Lebensdienstjubiläum“ hatte er seiner Mutter zuvor „die Ehre der Künstlerschaft zuteil werden lassen“.

Im vergangenen Jahr hat Meeseunter anderem Zeitungsseiten für „Die Zeit“ und „Bild“ (und die „LN“) gestaltet. Die japanische Designerin Rei Kawakubo hat für ihr Label Comme des Garcons (laut Meese: „Wie Burschen“) vier Meese-Zeichnungen für eine Modekollektion verwendet.

Dabei hätte ein „Nein“ der Mutter damals in Hamburg vielleicht alles geändert. „Meine Mutter fragte: Was möchtest du zum Geburtstag haben? Es war mein 22. Ich sagte aus der hohlen Hand: einen Block und ein paar Pastellstifte“, erzählt Meese. Ab dem Tag sei der Damm gebrochen gewesen. „Ich hab’ nur noch Kunst gemacht. Ich will nur noch Kunst machen. Ich will nur mit Kunst umgeben sein und mich der Kunst verpflichten.“

Kindheit in Ahrensburg und Kunststudium in Hamburg beschreibt er als schöne Zeiten. Zwar lebt er schon länger mit Mutter Brigitte und seiner Lebensgefährtin, der isländischen Künstlerin Gudny Gudmundsdottir, in Berlin. Doch etwa wöchentlich zieht es ihn zurück in den Norden. „In der Wohnung in Ahrensburg werde ich nicht belästigt. Da kann ich auftanken.“ Da mache er nichts. Erreichbar per Fax.

„Mein Schwert ist der Pinsel“

Hier frönt der in Tokio geborene Meese in Restaurants auch seinen Wurzeln. „Ich liebe das Japanische, diese Disziplin und diese Liebe zum Essen und zu allen Dingen, dieses sehr starke Gefühl, mit der Natur verbunden zu sein.“ Was heißt das für die Arbeit? „Ich bin ein totaler Samurai der Kunst. Ich habe mein Schwert, das ist der Pinsel.“ Und den setzt er nach der Maßgabe ein: „Kein Gruppenzwang, kein Herdentrieb, keine Gruppenbildung, keine ideologischen Zusammenrottungen. Alleine stehen, seinen Mann stehen und das tun, was notwendig ist. Das ist für mich Kunst.“

Meese sieht sich von Sanktionen und Einschränkungen umgeben. „Die Zensur kommt von den Künstlern selber“ – für ihn das erschreckendste Szenario. „Künstler sagen, dass man bestimmte Sachen nicht mehr malen darf: Keine nackten Menschen. Ich muss in meiner Hautfarbe bleiben. Ich darf als Mann keine Frau mehr malen. Dann darf ich aber auch keinen Tisch malen, ich bin ja kein Tisch. Ich bin gegen jegliche Form von Zensur. Ich bin für die absoluteste Freiheit der Kunst. Vollkommen. Wenn etwas nach Zensur riecht, bin ich weg.“ Denn: „Der Kunst muss alles erlaubt sein.“

Horst Tappert ist nicht Derrick

Den Kampf gegen Zensur und für Freiheit spickt er in seinen Arbeiten auch mit NS-Symbolen, bei Performances mit dem verbotenen Hitler-Gruß. Und kollidierte dabei öfter mit der Justiz. „Alles ist erlaubt solange es nicht reale Opfer produziert“, sagt er. „Ich habe das im Namen der Kunst gemacht, um etwas Ideologisiertes zu entkontaminieren“, rechtfertigt er das, was er Meese-Gruß nennt. „Wenn wir nicht mehr Derrick von Horst Tappert unterscheiden können, dann sind wir blöd“, sagt er. „In der Realität dürfen wir keine Kriege führen, in der Kunst können wir sie aber führen.“

Er hat seit Jahrzehnten internationalen Erfolg. Arbeiten wie die großformatigen, schnell gemalten Bilder hängen in wichtigen Kunsthäusern und erstklassigen Sammlungen. Und doch bleibt er umstritten. „Ich muss eine unfassbare Reizfigur sein“, sagt er.

30 000 Besucher in Lübeck

Das hat er im vergangenen Jahr auch mit „Dr. Zuhause: K.U.N.S.T. (Erzliebe)“ in Lübeck bewiesen. Im Grass-Haus, dem St. Annen-Museum, der Petrikirche der Overbeck-Gesellschaft und der Gollan-Kulturwerft hatte er die Besucher mit Ausstellungen, Aktionen und einer Performance konfrontiert. Sie schwankten zwischen Be- und Entgeisterung, kamen aber zahlreich. Rund 30 000 Gäste wurden von Februar bis August gezählt.

Seine Installationen etwa von Schaufensterpuppen, Red-Bull-Dosen, Plakaten wie in St. Petri lassen sich dabei als Irrgärten der Assoziationen sehen, als Labyrinthe der Gedanken, Arrangements des Ideenreichtums. Seine Gegner sprechen von Kinderzimmergerümpel, Sammelsurien oder gar Müllhalden. Das kratzt aber nicht am künstlerischen Selbstbewusstsein. „Ich bin schon ein Fels in der Brandung. Mir ans Bein zu pinkeln, ist ganz schwierig.“

Bilder müssen aus dem Kopf

Seine Energie macht Meese zu einem enorm vielseitigen Künstler. Neben Bildern, Performances, Skulpturen, Videos, Texten stehen Inszenierungen an Opern und Theatern. Bayreuth hat die Zusammenarbeit für den „Parsifal“ aus Kostengründen 2014 beendet, was ihn bis heute schmerzt. Jetzt würde er gern „Chef sein von dem Laden“ und alles selbst machen, jede Inszenierung. Auch Ballett würde ihn noch reizen.

In der Zukunft will Messe „weiter der Kunst dienen, am Gesamtkunstwerk Deutschland arbeiten“. Konkret: im Atelier sitzen, nicht gestört werden, Skulpturen und Collagen machen, malen. „Ich habe so viel Bilder im Kopf, die müssen raus.“

Das könnte Sie auch interessieren:

Ein Interview mit Jonathan Meese

Meese war ein Aufbruch für Lübeck, sagt der Chef der Lübecker Museen

Künstlergespräch: Meese in der Kunsthalle St. Annen

Ein Gespräch mit der Mutter von Jonathan Meese

Von Gerd Roth