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Kultur im Norden Der musikalische „Drachenreiter“
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18:10 20.06.2018
Der böse Drache Nesselbrand (Simon Rudoff) ist ganz in Gold gewandet. Fliegenbein (Moritz von Cube) assistiert ihm.
Der böse Drache Nesselbrand (Simon Rudoff) ist ganz in Gold gewandet. Fliegenbein (Moritz von Cube) assistiert ihm. Quelle: Foto: Olaf Malzahn
Lübeck

Zur Premiere am Freitag kann sie leider nicht kommen, erzählt die in Santa Monica bei Los Angeles lebende Schriftstellerin am Telefon. „Ich bin gerade umgezogen und muss mich um zwei Esel, vier Enten, zwei Hunde und 80 neu gepflanzte Avocadobäume kümmern“, sagt sie. „Ich bedaure sehr, dass ich nicht dabei sein kann, denn Musik ist für mich die größte Kunst überhaupt. Überzeugt hat mich der Enthusiasmus von Henning Kothe, der Musik und Libretto geschrieben hat.“

Cornelia Funke liebt Musik. Und sie ist Lübeck besonders zugetan, seit sie ihre Bilder im Grass-Haus ausstellen konnte. Deshalb freut sich die Autorin besonders darüber, dass das Theater Lübeck das Wagnis eingeht, aus dem Roman „Drachenreiter“ eine Kinder- und Jugendoper zu machen.

„Drachenreiter“ erzählt von den wohlgesinnten Silberdrachen, die fast alle vom bösen goldenen Drachen Nesselbrand getötet worden sind. Der Silberdrache Lung und das Koboldmädchen Schwefelfell machen sich auf den Weg, das letzte Refugium der Silberdrachen im Himalaya zu finden. Zu ihnen stößt der Waisenjunge Ben, die drei erleben bei ihrer Reise um die Welt fantastische Abenteuer. Eine märchenhafte Geschichte, in der sich die Fabelwesen sozusagen die Klinke in die Hand geben. „Wer heutzutage Märchen schreibt, schreibt 5000 Jahre Literaturgeschichte mit“, sagt Cornelia Funke. „Viele Motive sind altbekannt – mir macht es immer wieder großen Spaß, diese Motive in einen anderen Zusammenhang zu stellen. So entstehen neue Mythen und neue Geschichten.“ Insofern ähnelt ihre Art zu schreiben der von Stephen King. „Das stimmt, Stephen King hat auch sehr kluge und weise Dinge über das Schreiben gesagt. Er arbeitet auch mit Versatzstücken, die er in neue Zusammenhänge stellt. Vor den meisten seiner Bücher aber habe ich Angst.“ Mittlerweile arbeitet Cornelia Funke am dritten Teil von „Drachenreiter“.

Eine Reise eines Drachens, eines Koboldmädchens und eines kleinen Jungen rund um die Welt ist in theatralischer Form nur schwierig darzustellen. Jennifer Toelstede stellt sich dieser Herausforderung:

„Der Roman ist nur sehr schwierig zu kürzen“, sagt sie. „Eine Szene basiert auf der anderen, alles ist mit allem verflochten. Nur die Passage mit dem Vogel Rock konnten wir komplett herausnehmen.

Aber wir sind auf eine Spieldauer von netto gut zwei Stunden gekommen, das ist für ein junges Publikum akzeptabel. Zumal die Szenen oft sehr kurz sind, es gibt also viel Abwechslung.“

Jennifer Toelstede lässt die Handlung in einer Hamburger Fabrikhalle beginnen. Dort findet Ben Gegenstände, die seine Fantasie anregen: „Wir lassen offen, ob er die ganze Geschichte nur träumt oder ob er sie wirklich erlebt – das ergibt viel Platz für die Fantasie der Zuschauer.“

Musik und Libretto stammen von Henning Kothe und Jan Pezold. „Die Musik klingt manchmal wie Filmmusik, dann wie Wagner oder Mussorgsky“, sagt Kothe. „Sie hat auch viele ethnische Elemente, schließlich geht die Reise der Protagonisten rund um die Welt, von Hamburg bis nach Tibet.“ Zielgruppe für diese Oper, die eigentlich mehr ein Singspiel im Sinne der „Zauberflöte“ ist, sind ältere Grundschulkinder und Jugendliche. „Aber ich bin sicher, dass auch Erwachsene ihren Spaß daran haben werden“, sagt Kothe.

Hilfen für Behinderte

Die Produktion „Drachenreiter“ ist die erste Oper, die am Theater Lübeck barrierefrei für Menschen mit Hör- und Sehbehinderung gezeigt wird. In der morgigen Vorstellung wird eine Gebärdendolmetscherin das Geschehen auf der Bühne vermitteln. Zu sehen ist sie nicht von allen Plätzen, Interessenten sollten sich rechtzeitig anmelden. Für Menschen mit Sehbehinderung wird es in der Vorstellung am 30. Juni eine Audiodeskription geben.

Die Premiere beginnt morgen um 19 Uhr im Großen Haus des Theaters Lübeck, „Drachenreiter“ dauert ungefähr 2 Stunden und 20 Minuten.

Ermöglicht wurde die Produktion der Kinder- und Jugendoper durch die Hilfe der Daniele- Appel-Stiftung sowie des Vereins Klangbuch-Akrobaten.

Jürgen Feldhoff